Die Hypochondrie des Läufers
Donnerstag, April 18, 2013 “Vor den Feiertagen”, pflegte mein Vater anzusetzen um dann in westmünsterländisches Platt zu wechseln, “geht der Düvel up Stelzen”. Und tatsächlich schien das ja so in meiner kindlichen Naivität. In den Wochen vor Weihnachten oder Ostern fielen Flugzeuge vom Himmel, tobten Stürme, wüteten Erdbeben. Der Teufel war unterwegs. Auf Stelzen.
Seit dieser Woche haben wir das bittere Gefühl, jene Weiheit ließe sich auf uns umdichten. Denn kurz bevor wir den Marathon in New York laufen wollten, traf der Hurricane Sandy die Stadt - die abgefahrene Geschichte, wie wir dann einen Marathon liefen, den es nicht gab, können Sie hier nachlesen.

Am kommenden Sonntag steht nun unser erster “richtiger” Lauf im Terminkalender - und sechs Tage vorher trifft ein Bombenanschlag den Marathon in Boston. In gehobenem Zynismus darf man wohl künftig warnen, dass immer, bevor wir ein Großlaufprojekt der US-Cousin des Beelzebubs seine Stelzen aus dem Schrank kramt.
Eine gewisse Zeit fürchtete ich schon, die Organisatoren in Europa (auch der London Marathon findet am Sonntag statt) könnten ähnlich panisch reagieren wie ihre Kollegen es im November in New York taten. Sie taten es nicht, ließen sich auch durch pseudo-erregte Medien aus dem Hause Axel Springer und dem immer mehr Richtung “Bild” tendierenden Spiegel Online nicht unter Druck setzen.
Noch dazu fielen die Kommentare auf der Facebook-Seite des Haspa Marathon anders aus als in NY: Das “Jetzt erst recht” der Teilnehmer war weitaus vehementer. Die Organisatoren haben zwar traurig wenig kommuniziert, dafür aber gearbeitet: Die Läufer werden gelbe Armbänder mit ihren Startnummern bekommen - gelb ist die Farbe des Boston Marathon; es wird einen Gottesdienst und eine Schweigeminute geben; Spenden werden gesammelt für die Opfer und deren Angehörige. “Run for Boston” heißt das Motto.
Am Sonntag also laufen wir praktisch unseren zweiten und theoretisch unseren ersten Marathon. Seit zwei Wochen schon zeigen wir jene Symptome der Hypochondrie, die unerfahrene Läufer häufig ereilen. Der erste gezeitete Marathon ist etwas Besonderes, nichts ist Routine, die Nervosität steigt, ebenso die Vorfreude. Deshalb soll doch bitte der verdammte Körper jetzt nicht schlappmachen.
Schließlich war die Vorbereitung dieses Mal schon hart genug. Der Winter wich nicht, immer wieder rannten wir mit Stirnlampen durch den verschneiten Grafenberger Wald, geleitet von unserem Trainer Philip (der übrigens jeden Freitag eine sehr empfehlenswerte Trail-Gruppe anbietet). Unser innerer Schweinehund hat sich spätestens Mitte März freiwillig im Schlachthof gemeldet und dürfte inzwischen in einer Ikea-Lasagne seine letzt Ruhe gefunden haben. Auch ist es mir noch nie gelungen, eine qualitativ hochwertige, lange Laufhose innerhalb eines halben Jahres aufzuarbeiten.
Eine Erkältung kam uns in den rund vier Monaten dazwischen und eine Rückenblockade. Aber alles in Grenzen. Also soll doch bitte nicht jetzt was dazwischenkommen. Zum Beispiel noch ein Schnupfen, Husten, ein Darmvirus. Irgendwas Ekliges also, das den Körper gerade so viel schwächt, dass wir mit der Startnummern-Bestätigung in der Mailbox doch noch absagen müssten. Jedes Halskrätzerchen sorgt deshalb für leichte Panik, kleine Unwohlsein lösen Visionen vom Lauftag auf dem Sofa aus, lieber wird nochmal schnell eine Batterie Orthomol Immun (hilft uns übrigens wirklich bei aufkommenden Erkältungen) in Stellung gebracht.

Nun aber ist es Donnerstag und - toitoitoi - es sieht gut aus.
Auch diesmal ist unser Ziel sehr simpel: durchkommen. Und die Stimmung genießen, die in Hamburg außergewöhnlich sein soll. Einige Freunde werden diesmal am Rand stehen und uns anfeuern. Sollten Sie, liebe Leser, auch vor Ort sein: Kurz nachdem die Spitzengruppe durch ist werden nur wenige Stunden vergehen, bis auch wir kommen. Harren Sie also aus. Auf Twitter werde ich versuchen zumindest vor dem Start und nach dem Ziel ein wenig zu berichten.
Und nun: Drücken Sie uns bitte die Daumen!
Wenn Sie selbst übrigens ein kleines Zeichen gegen den Terror von Bosten setze möchten und aus Düsseldorf oder Umgebung kommen: Philip Mes hat für den Abend des Freitag (19.4.) einen kleine Gedenklauf am Rhein organisiert. Alle Details finden Sie unter diesem Link.
Fotos: Hochzwei
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