Entries in San Francisco (11)
Shopping in Hayes Valley: Schwuchtel-Crème und Nähmaschinen
Darf man als heterosexueller Mann so etwas im Bad haben?
Also, ich meine, gelegentlich kommen ja Gäste. Und gucken dann mal, was da so rumsteht, allein schon, weil sie das Logo mit der blauen Blume nicht kennen. Dann werden sie den Namen der Marke sehen:
“Nancy Boy”.
Was frei übersetzt werden kann mit “Schwuchtel”. Sie werden sich die Packungen näher anschauen und dann den Zusatz auf der Rückseite sehen: “Getestet an boy friends, nicht an Tieren”.

Ja, das ist so eine Sache mit den Produkten von Nancy Boy. Sie machen keinen Hehl daraus, dass ihre Zielgruppe schwul ist. Aber andererseits: Die Sachen sind echt klasse. Egal ob das frisch riechende Shampoo, das kühlende After-Shave-Gel oder die streichelhautmachende Rasiercrème - alles tolle Herrenkosmetik zu Preisen, weit unter den Nickels oder Shiseidos. Bio ist das ganze natürlich auch, ebenso gibt es eine Geschichte dazu: Gegründet wurde das Unternehmen von einem Werber und einem Ex-Vize-Präsidenten der Notenbank.

Diese Kosmetik, also, gibt es nur im Internet (wobei die Jungs leider nicht ins Ausland liefern) - oder im wunderschönen Stammgeschäft der Marke. Das liegt in jenem Teil von San Francisco, den sich Besucher definitiv gönnen sollten: Hayes Valley.
Als ich 1993 einen Sommer lang in Berkeley studierte, war Hayes Valley, gelegen westlich des Civic Centers, noch eine Gegend, in die man nicht ging. Hier gab es reichlich Obdachlose und statt Designerstücken waren eher Drogen die Ware du jour. Dabei waren damals dort schon hübsche Häuser zu finden, nur verfielen sie - langsam, aber sicher.
Seit einigen Jahren hat sich das mächtig geändert. Heute ist Hayes Valley einer jener Samstag-Vormittag-Stadtteile, von denen es in SF einige gibt. Dazu muss man wissen, dass die Sache mit dem Shoppen in San Francisco nicht so einfach ist. Es existiert nicht DER coole Stadtteil, in dem Top-Designer hinter alten Mauern teure Waren feilbieten. Überhaupt gibt es wenig Designer-Läden in der Stadt. Im Gegensatz zum ewigen Rivalen Los Angeles schert man sich hier weniger um Mode.
Was es aber gibt, sind zahlreiche Ecken mit hübschen, kleinen Läden.
Halloween in San Francisco: Ein Abend im "Frisée"-Salon
Da ist er wieder. Spiderman. Offensichtlich nach kampfreichem Tag. Sein Trikot existiert nur noch um die Schultern, selbst da ist es eingerissen. Das sauber definierte Sixpack-Areal ist freigelegt. Hosentechnisch ist trotz 31. Oktober Sommer angesagt - Spiderman trägt knappste Shorts.

Ein paar Mal schon ist er vorbei spaziert an unserem Logenplatz im Fenster des “Frisée” in San Franciscos Castro-Bezirk. Nun hat er ein Handy am Ohr. Mit wem er wohl spricht? Iron Man? Kingpin? Er greift nach unten, holt seine kleine Geldbörse hervor, die er in den hautengen Shorts verwahrt. Und für einen Moment sehen wir, was uns nicht so wirklich interessierte.
Spiderman ist gepierct.
An einer Stelle, an der Männer gemeinhin als besonders schmerzempfindlich gelten.
“Ooouuuuahh! Did you see that? Disgusting!”, stöhnt unser Nachbar, einen Barhocker weiter, auf.
Aber so ist eben ein Halloween-Abend im Castro: Irgendwo zwischen “hillarious” und “disgusting”, zwischen eklig und schräg, saukomisch und mitreißend. Und durch einen puren Zufall haben wir einen wundervollen Ort erwischt, um sich aus dem Trubel rauszuhalten aber trotzdem alles mitzubekommen: das “Frisée”. Oder besser: Die Frontscheibe des Restaurants an der Market Street, an der es einen Tresen und Barhocker gibt.
Sie alle spazieren hier entlang, zu unserer Begeisterung und der des einheimischen Paares neben uns. Da sind wohlbeleibte Herren in den 50ern, die als traurige Dragqueens vorbeiziehen; bodygebuildete Latinos in Superhelden-Kostümen; von Depressionsauren umhüllte Manga-Charaktere und - noch wenige Tage bis Obama gewählt werden wird - Sarah Palin. Immer wieder Sarah Palin. Da, schon wieder: Sarah Palin.

Halloween im Castro war immer etwas besonderes.
Austern und Nostalgie
Der amerikanische Traum hat für viele eine ganz bestimmte Ästhetik. Sie stammt aus den 50ern und 60ern. Es sind Hopper-Bilder im Kopf, vielleicht nur nicht ganz so depressiv und mit Cary Grant oder Frank Sinatra in der Mitte. Lange Theken mit Drehstühlen davor tauchen auf, in der Luft liegt eine einzigartige Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung.
Es gibt viele Restaurants, die noch heute so aussehen. Die einen, weil sie einfach heruntergekommen sind, die anderen, weil sie genau an dieses Bild anheften wollen - und deshalb unauthentisch sind. Nur ganz wenige Läden kenne ich, deren Patina echt ist, aber nicht verkommen.

Erstaunlicherweise haben diese oft mit Austern zu tun. Zum Beispiel eine der Perlen unseres Kalifornien-Urlaubs: das “Swan Oyster Depot” in San Francisco. An der Polk nahe der California Street liegt es. Eine Gegend, die sich durch nichts auszeichnet, die der gemeine Tourist nicht aufsuchen würde. Eine blaue Markise hängt über einem Schaufenster, in dem die Welt der Meeresfrüchte zelebriert wird. Garnelen, Hummer, Lachs, Fischsalate - und Austern.

Hinter dem Fenster liegt ein schmaler Schlauch, der Raum wird brutal geteilt durch eine Theke mit Hockern davor, vielleicht 20 gibt es davon. Gerade mittags bedeutet das auch mal ein wenig auf einen freien Platz warten - aber es lohnt sich. Obwohl dies offiziell gar kein Restaurant ist.
"French Laundry", Yountville: Hände schütteln mit Al Gore
Und auf einmal spielten wir nur noch die zweite Geige.
Dabei hatte der Abend so grandios begonnen, servicetechnisch. Der Empfang in der “French Laundry” war von höchster Freundlichkeit, ebenso aber von einer Herz erwärmenden Nettigkeit. Der Servicechef erwies sich als rechter Plauderer. Ach, wir kommen aus Germany? Er habe einen guten Freund in Dresden, den wolle er bald besuchen, auf seiner seiner anstehenden Hochzeitsreise, die Vermählung liege sechs Monate zurück. So viel Information ist schon fast Familienanschluss.

Solche minderdistanzierte Herzlichkeit ist selten in europäischen Top-Top-Top-Restaurants. Und dass die “French Laundry” im Herzen des Weingebiets von Napa Valley ein solches ist, steht wohl außer Frage. Ein gewaltiger Rummel herrscht schon seit Jahren um ihren Gründer Thomas Keller. Kein Titel, der ihm nicht schon verliehen worden wäre, kein Lob, das ihm nicht schon bezeugt worden wäre. Auch 14 Jahre nach ihrer Eröffnung ist die “French Laundry” ständig ausgebucht, wie wir deutlich feststellen konnten. Ich sage, äh, schreibe nur: 95 Mal Wahlwiederholung…

Doch es hat ja geklappt und so stehen wir fast schon nervös vor der hutzeligen Ex-Wäscherei in Yountville. Sie zu finden ist gar nicht so leicht, das Namensschild ist unbeleuchtet auf Bodenhöhe gelötet. Gegenüber erstreckt sich ein wunderschöner Garten: Es ist die hauseigene Kräuter- und Gemüseproduktion. Ob da nicht mancher Hobbykoch der Gegend des Nächtens mal ein wenig schnippeln geht?

Drinnen ist es angenehm schlicht. Keineswegs 80er-Jahre-plüschig wie leider so viele deutsche 3-Sterne-Restaurants. Weiße Wände wechseln sich mit Naturstein ab, das Halbdunkel ist edel, auf den Tischen liegen weit gefächerte Servietten, zusammengehalten von Holzwäscheklammern mit dem Logo des Hauses. Ja, klar, das erste Souvenir für Gastro-Touristen.
Serviert wird wahlweise ein 9-gängiges Menü mit Fleisch und Fisch oder eine ebenso lange vegetarische Version.
"Adagio", San Francisco: schlicht und gut
In diesen Tagen, da die Börsen so schwer durchgeschüttelt werden, entwickelt mancher eine bodennahe Scheiß-egal-Haltung: Weg mit den Aktien, her mit dem Urlaub. Und es lässt es sich ja herrlich profitieren von der schwächelnden US-Wirtschaft - der Dollar-Kurs macht Nordamerika zum bevorzugten Reiseziel.

Kein Wunder: Selbst hübscheste Hotels sind nun für Appel-Ei-Preise zu bekommen. Das erlebte ich kürzlich in San Francisco - kaum zu glauben, was da mit einem Mal erschwinglich wurde. Im Schrank meines Zimmers im “Hotel Adagio”, zum Beispiel, wurde 390 Dollar als Normalpreis ausgelobt - bezahlt aber hatte ich über Hotels.com magere 110.
Wobei ich ja ein wenig skeptisch war. Denn die Kette, zu der das “Adagio” gehört, nennt sich Joie de Vivre. Und solch malerische Hotelkettennamen erinnern mich an “Extended Stay Hotels”, jenes Unternehmen, in dessen Ablegern ich nach Betrachten des Werbevideos definitiv keinen extended stay wünsche.
Die Sorge war unbegründet: Das “Adagio” ist ein angenehm schlichtes Haus, das gehobenen Ansprüchen absolut genügt. Es residiert in einem hübschen, 15 Stockwerke hohen Haus in jenem maurisch anmutenden Stil, der häufig in San Francisco anzutreffen ist. Bis zum Union Square mit seinen Kaufhäusern sind es zwei Minuten zu Fuß. Die Lobby ist freundlich und hell, mich hat sie irgendwie an ein Wüstenhotel erinnert, ein Hauch altes Las Vegas (zumindest so, wie ich mir das alte Vegas vorstelle) liegt in der Luft.
