Entries in Köln (3)
Hitze, Schweine, Litcologne
Rockfans pilgern zu “Rock am Ring”. Theaterfreunde nach Salzburg. Opernfanatiker nach Verona oder Glyndebourne. Und Bücher-Vertilger? Die fahren gar nicht. Zumindest habe ich noch nie jemand getroffen, oder von jemand gehört, der einen Kurzurlaub bei der Litcologne bucht. Sicher, einen Tag Buchmesse Frankfurt oder Leipzig, das gibt’s schon. Die Faszination dieser Messen ist mir aber schleierhaft. Es ist zu voll und zu eng und zu hektisch. Mehr als einen Tag kann sich sowieso kaum jemand erlauben: Die Hotelpreise während der Messe sind in Apothekenhöhe.
Und deshalb: Warum nicht als Literatourist nach Köln?
In diesen Tagen läuft sie zum achten Mal, die Litcologne. Noch immer aber ist sie überregional nur begrenzt bekannt. Weshalb kurz das simple Konzept erklärt sei…
"Kervansaray", Köln: Viva Anatolia
Es ist eine andere Welt. Einmal um die Ecke gehen, und es scheint, als sei man Tausende von Kilometern gereist. Mit einem Schlag andere Menschen, andere Geschäfte, eine andere Sprache, andere Gerüche. Hier haben sich die zusammen gefunden, denen die neue Heimat nicht Heimat sein will, die sich klammern an Wurzeln und Vergangenheit. So wie China Town in San Francisco, das bengalische Viertel hinter Londons Liverpool Street - oder das Regierungsviertel in Berlin.
Doch hier ist Köln. Die Stadt, die prahlt, dass in ihr doch jeder Jeck anners sein dürfe, aber he doch alle zosamme halde, gemeinsam wird geschunkelt und in pathologischer Regelmäßigkeit „Viva Colonia“ angestimmt. Die Stadt sei alt, singen Bap in „Met Wolke schwade“, und das bedeute nicht hässlich, nur reichlich grob geschminkt. Nirgends aber ist die Schminke grober und dicker auf auffälliger als in der Keupstraße zu Köln-Mülheim.

Hier sind die 3er BMW tiefer gelegt und an den C-Klasse-Innenspiegel baumeln Wimpel von Galatasaray oder Fenerbahce. Und es gibt viele 3er und viele C-Klassen, meist sind sie silber oder schwarz und werden sie gelenkt von einem jungen Herrn, so sind dessen Haare Gel-verklebt und er lässt Hiphop aus den überdimensionierten PKW-Boxen pumpen.
Mit Integration in die germanische Gesellschaft hat man hier nicht viel am Hut, der Migrationshintergrund liegt am Bospurus, Klein-Anatolien nennen die Kölner die Gegend. Nur wenige Kölsche sind hier an einem gewöhnlichen Abend zu finden, meist sind es jüngere und oft kommen sie von einem Konzert oder der Disco, mehrere verbrauchte Industriehallen der Gegend haben Maschinenstraßen durch Bassboxen ersetzt.

Dabei leuchtet es doch warm auf die Straße, das Licht aus der „Kervansaray“. Appetitlich angerichtet sind die Vorspeisen in den Glasvitrinen des Schnellimbisses, der den ersten Teil des Restaurants ausmacht. Gewaltige Döner-Spieße triefen Ihr Fett wie Schweiß aus den Poren, Gammelfleisch ist angesichts der hohen Kundenfrequenz nicht zu erwarten.
"Bobotie", Köln: Hörrens, isch sach Ihnen, fast wie am Kap
Die Gastronomie ist eine Branche, die in einem Punkt seit einigen Jahren leicht auszurechnen ist: Hat ein Land den Sprung zum Massentourismus geschafft, tauchen bald in Deutschland die ersten Restaurants mit den dort bevorzugten Spezialitäten auf. So wurden im Laufe der Jahre aus chinesischen Restaurants Thai-Läden und kaum machte der Balkankrieg die Reisen nach Jugoslawien unmöglich, verschwanden die Cevapcici-Köche. Dies ist auch der Grund, warum wir bald quer durch die Republik noch mehr Vietnam-Lokale sehen werden - in Berlin gibt es schon mehr rohe Frühlingsrollen als Sol-Eier.
Die nächste Welle steht schon vor der Tür, das ist so sicher wie das Schnitzel in Wien: südafrikanische Restaurants. Das ist ja auch nicht schlimm sondern angesichts der dortigen Küche bejubelnswert.
Ein erster Vorbote ist das “Bobotie” in Köln, zentral gelegen, nahe dem Neumarkt. Von außen wirkt es dunkel und unnahbar, die Zebra-Streifen an der Tür erinnern an die Ranger-Wagen im Safari-Park Stuckenbrock. Doch innen wird es heimelig. Beige-graue Wände, afrikanisches Design, im vorderen Bereich eine kuschelige Lounge mit Bar, hinten ein überschaubar großes Restaurants.
Natürlich hat auch dieses Lokal, das gehört sich so, eine kleine Geschichte. Mit-Besitzer ist der Kapstädter Paul Stern, Regisseur und langjähriger Spielleiter der Bonner Oper. Sein Großvater war Top-Koch, ist der Karte zu entnehmen und der Gast soll wohl assoziieren, dass handwerkliche Fähigkeiten immer eine Generation überspringen. Kann ich bestätigen: Mein Vater war Elektro-Meister, ich kann gerade mal ne Glühbirne sauber reindrehen.

Stern aber kocht nicht, er bewirtet. Davon versteht er was, der Service glänzt mit jener herzlichen Freundlichkeit, die wir aus Südafrika kennen. Und wie es sich gehört, kann er auch Weine zu den einzelnen Gerichten empfehlen. So schwer ist das allerdings nicht. Die Weinkarte beschränkt sich auf magere drei Sorten - das geht am Kap aber besser.
Das Essen bietet fast alles, was Südafrika ausmacht. Zum Beispiel Straußenfillet in Feigen-Tamarinden-Soße (Foto) - fast perfekt, auf zwei Tellern entpuppt sich eines der drei Stücke als etwas zäh. Es wäre aber vermessen, die Fleischqualität zu erwarten, die in Südafrika serviert wird - dazu ist der Transportweg zu weit. Sehr lecker sind die dazu servierten knusprigen Maisplätzchen.
Auch Kingclip gibt es, jene extrem leckere Fischsorte, hier gibt es sie mit Tomaten-Kokos-Soße (Foto unten). Und natürlich Blessbock und Springbock. Schade nur, dass Kudu fehlt, jenes herzhafte Büffelfleisch.
Derzeit wird das “Bobotie” von der Kölner Presse reichlich bejubelt und man ist geneigt, diesem äußerst sympathischen Restaurants die Lobhudelei auch zu gönnen. Doch ganz makellos ist der Abend nicht: Das kap-malayische Hühnchencurry gefällt nicht und ist im Gegensatz zu den anderen Gerichten auch eher übersichtlich portioniert.
Dafür entschädigt der Nachtisch. Auf der Karte ist er nicht zu finden, was auf täglich wechselnde, frische Alternativen schließen und hoffen lässt. Bei uns gab es ein Trifle, also jenes englisch-(oder irisch-?)stämmige Dreischicht-Dessert, angerichtet mit Kapstachelbeeren - eine Mischung aus Urlaubserinnerung und Kindergeburtstagsfreude rutscht die Kehle runter.
Am Ende schaut auch Co-Chef Stern am Tisch vorbei. Ob alles gut war? Ja, es war gut. Nicht sensationell, aber wiederholenswert - und das beste, was wir an südafrikanischer Kost bisher in Deutschland bekommen haben. Das “Bobotie” wird uns wiedersehen.

