Karstadt ist nicht so das Kaufhaus, in dem ich häufiger verkehre. Ich bin nicht mal selten dort, weil jede Filiale der Kette eine bedrückende Spät-Achtziger-Stimmung atmet.
Hier mag man nicht kaufen, nicht mal aus Mitleid. Selbst das zu Karstadt gehörige KaDeWe ist ja so etwas wie ein Potemkinsches Kaufhaus: Die Parfümerie-Abteilung ist prunkvoll, die Feinkost-Abteilung gut - aber alles dazwischen hat nichts, aber auch gar nichts, zu tun mit großartigen Häusern wie Selfridges in London oder Barney’s in New York zu schaffen.
Dies ist sicherlich einer der Gründe, warum es Karstadt so existenzbedrohend übel geht. Entgehen will man dem Exitus mit einem neuen Markenkonzept. Heute öffnete Germany’s last next Supermodel Lena Gercke im Karstadt auf der Düsseldorfer Schadowstraße jenes neue Shop-in-Shop-Vision, 50 neue Marken sollen eine frische Käuferschicht heranbringen - und in meinem Fall hat es geklappt. Für ein paar Minuten.
Denn ich lief zufällig an jenem Haus vorbei und sah das Plakat, auf dem eine nackte, junge und mit Designernamen beschmierte Dame sündig auf die Passanten stiert. Zwei dieser Namen kenne ich gut: Ted Baker und Reiss. Es sind britische Modemarken und sie gehören neben Paul Smith zu meinen liebsten - also rein.
Auf der Herrenetage angekommen ergreift mich das Gefühl der Verlorenheit, denn ich bin der einzige Kunde. Zwei junge Verkäuferinnen mit orangefarbenen Halstüchern lehnen unbeschäftigt an einem Deko-Billiardtisch wie im Freizeitheim der CDU-Pioniere. Meine Frage “Sie haben doch jetzt Ted Baker - wo finde ich das denn?” aktivierte telepathische Fähigkeiten. Denn ich las in ihren Augen die Gedanken: “Wovon spricht der fremde Mann da?”
“Äh… ja, das weiß ich jetzt auch nicht. Muss eine Kolligin… Ich schau mal…”
Dieses Schauen war genau das: Wie zwei Leuchttürme in tobendem Sturm hielten die Damen die Stellung am Billiard und versuchten irgendwo auf der weiten Fläche arbeitsvertraglich konnektierte Markierungsbojen auszumachen. Ich seufzte und machte mich selbst auf die Suche.
Hinter den sieben Kleiderstangen, bei den grauen Wangen, begegnete ich tatsächlich zwei weiteren, diesmal silber melierten und in ein entspanntes Gespräch vertieften Beratungskräften. Immerhin: Sie beriefen sich nicht auf imaginäre Kollegen sondern rieten: “Ja, da müssen Sie sich mal umschauen. Das ist hier überall verstreut.”
Wer solche Verkäuferinnen trifft, braucht keine Verkäuferinnen. Und wer solche Verkäuferinnen beschäftigt, die er bei solch einer Konzeptänderung nicht einmal ausreichend vorbereitet, der muss sich nicht wundern, wenn niemand kauft.
Karstadt geht es schlecht - und es gibt keinen Grund, warum sich das ändern sollte.