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Donnerstag
Okt032013

(Ganz) Deutschland vegetarisch?

Vegetarismus ist das neue Golf. Also zumindest in unserem Freundeskreis.

So wie um die Nuller Jahre mit einem Mal viele Menschen um uns herum über Platzreife, VCG und Handicaps diskutierten, ergänzt um die unnötige Bemerkung “Ich spiel ja jetzt auch Golf”, so erklären derzeit eine ganze Reihe Bekannte “Ich bin ja jetzt auch Vegetarier.”  

Obwoh, so ganz stimmt das nicht. Sie gehen gleich noch einen Schritt weiter und konvertieren zum Veganismus (bei Damen scheinen Handtaschen bekannter Luxuslabel genauso ausgenommen wie bei Herren rahmengenähte Schuhe). 

Das ist ja auch gar nicht zu verurteilen, macht das soziale Leben aber nicht einfacher. Schließlich ist das Leben als Vegetarier in Deutschland nicht einfach: Im Ausland ist es für Restaurants alltäglicher, vegetarische Gerichte außerhalb von Salat oder Nudeln mit Pesto anzubieten. 

Tatsächlich ist Vegetarismus ein real existierender Trend, ausgelöst von immer schlimmeren Berichten über Massentierhaltung und auch durch das Buch “Tiere essen” von Jonathan Safran Foer

Da passt es in die Zeit, dass unser Allerliebsterlieblings-Ess-Autor ein Kochbuch mit vegetarischen Rezepten präsentiert: Stevan Paul. 

Koch hat er mal gelernt, heute ist der Foodstylist, Autor und der vielleicht bekannteste Food-Blogger der Nation dank Nutriculinary. Seine Kurzgeschichtenbände “Monsieur, der Hummer und ich” sowie “Schlaraffenland” haben wir ja schon bejubelt. Außerdem aber bastelt er Rezepte für das tollste aller deutschen Gourmet-Magazine, die “Efillee” (bitte abonnieren Sie das Blatt!) und veröffentlicht Kochbücher. 

Sein neuestes Werk: “Deutschland vegetarisch”. 

Bumm - Zeitgeist getroffen. 

Doch nicht nur das: ein schönes Buch ist es geworden, mit tollen Fotos und von guter Druckqualität. Wie immer quast Paul nicht lang bei den Erklärungen rum, die Anweisungen sind kurz und zackig. Schöne Idee: Die Rezepte sind nach fünf Jahreszeiten geordnet, die fünfte heißt “Jederzeit”. Gerade bei vegetarischen Gerichten ist eine saisonale Ausrichtung ja von Bedeutung. Also: empfehlenswert. 

Wie es sich für einen guten Autor gehört, ist Paul denn auch auf Lese-, besser: Kochreise. Das Vorlesen von Rezepten könnte zwar irgendwie lustig sein, aber der Koch bleibt bei seinen Töpfen und bereitet den Angereisten ein viergängiges Menü mit Erläuterungen. 

Wenn aber ein Blogger auf Lesereise geht, dann ist das auch ein wenig Klassentreffen. Und so stellt die beste aller Mitesserinen nach dem ersten Gang in der Kölner Kochschule Marieneck fest: “Ich hab noch nie so viele Kameras bei einem Essen gesehen.”

Stimmt. Cucina Piccina, Mizzis Küchenblog, Moey’s Kitchen, Chezuli, dazu Torsten Goffin von AllemAnfang als Verantwortlicher für Bier- und Weinbegleitung… Und fast alle sind mit Spiegelreflexen gekommen, manche gar mit unterschiedlichen Objektiven. Kaum beugt sich Stevan Paul über einen Topf, kaum richtet er an, wirkt es, als verkünde Kate in diesem Moment, dass der nächste Thronfolger unterwegs sei. Wir kommen uns mit dem iPhone 5 dann doch etwas unterkameraisiert vor. 

Andererseits - so schlecht sieht das ja auch nicht aus, oder? 

Paul startete mit einer Berlin-Köln-Connection: Aus der Hauptstadt Erbspüree mit geröstetem Pumpernickel und einer Knusperzwiebel, die zu den Höhepunkten des Abends gehören sollte, einfach weil sie absolut knusprig, aber nicht fritterfettig ist und so die Zwiebel leichte Backaromen bekommt. 

Daneben der alte Kölner Eintopf “Pitter und Jupp” aus Wirsing, Möhren und Kartoffeln, verfeinert jedoch mit Anis, was dem Ganzen eine hauchleichte Exotik verleiht. Richtig spannend wird es durch das begleitende Bier, ein Grätzer. Dessen geräuchertes Malz sorgt für ein Aroma, also nähere sich die Nase einer Specksuppe - und mit einem Mal schmeckt es, als hätten Pitter und Jupp das zugehörige Mettendchen selbst gefuttert, sicher aber war da mal etwas fleischiges drin gewesen. Ohne Essen, übrigens, möchten nur sehr wenige Menschen ein solches Grätzer-Bier trinken - glauben Sie uns.

Leckerste Schlichtheit folgt als zweiter Gang: ein Feldsalat mit Kartoffeldressing, weichem Ei und hessischen Krachelchen. Auch hier zeigt sich wieder Pauls Hoffnung Nicht-Vegetarier genauso glücklich zu machen wie die Kernzielgruppe: die ihrem Namen zur Ehre gereichenden Krachelchen spielen mit ihren Röstaromen den Speckersatz - und das mit Tendenz zum Nebenrollen-Oscar.

Das begleitende Helios-Weizen ist eine schöne, frische Ergänzung. Herausragend aber der passende Wein (an dessen Produktion Torsten Goffin beteiligt war): die Riesling Spätlese von Mannwerk ist eine echte Empfehlung. 

OK, unser iPhone stößt beim Hauptgang an seine Grenzen - im Gegenzug zu Stevan Paul. “Besonders viel Mühe haben wir uns mit Weihnachtsrezepten gegeben”, sagt er. Die feiertägliche Völlerei fleischlos? Das geht - auch wenn wir weiterhin zur Gans greifen werden. Doch was da auf unserem Teller liegt, wäre eine tolle Alternativbegleitung: Spinat wird umgeben von Kloßteig, Wickelkloß heißt das. Dabei ist die Menge so portioniert, dass der Spinat den Ton angibt, wässerige Discountware verbietet sich definitiv. Darüber geröstete Haselnussplitter für eine leichte Süßnote.

Doch getoppt wird dies vom Rosenkohl mit Maronen. Letztere rauben dem Kohl auch die letzte, von vielen so gehasste Bitterkeit: herrlich. 

Der dazu servierte Spätburgunder der Shelter Winery ist himbeerig-fruchtig - passt. Die große Überraschung aber: Ehrenfelder Alt. Also, Ehrenfeld wie in “Köln-Ehrenfeld”. Wirklich, jetzt: Die kleine Kölner Braustelle produziert Alt. Weshalb der “Kölner Stadtanzeiger” gleich krakeelte: “Das grenzt ja an Blasphemie”. Würzig-kräftig ist es, dieses Alt, definitiv nicht jedermanns Sache. 

Im Gegensatz zum Dessert: das begeisterte alle. Die “Errötende Jungfrau” ist eine cremige Kombination aus Johannisbeer und Erdbeer und hat etwas wunderbar altmodisches - weshalb sie Paul mit einer omaigeren Sahnehaube verzierte. 

Ebenso wundervoll: der dazu gereichte Pinot rosé-Sekt von Bernhard Huber, dem tollsten aller deutschen Spätburgunder-Weingüter. Passend, aber eher unter Trinkabenteuer fällt dagegen das Sauer-Himbeer-Porter-Bier.

So lecker kann vegetarisch sein. Und deshalb ist damit zu rechnen, dass Stevan Paul da ein Kochbuch verfasst hat, das zum Standardwerk werden kann. 

Also nur noch fleischlos? Nein. Wir halten es mit dem Autor von “Deutschland vegetarisch”: “Ich bin Flexitarier”. Gute Eintellung, finden wir. Golf haben wir schließlich auch nie gespielt.

 

Reader Comments (1)

Vielen Dank für die netten Worte - insbesondere natürlich für die über den Mannwerk. Der übrigens so heißt, weil eine unserer 3 Parzellen diesen alten Gewann-Namen trug. Ich hoffe, die ausgesuchten Biere konnten wenigstens zum Erkenntnisgewinn beitragen.

Ein schöner Verleser im Zusammenhang mit iPhone und Spiegelreflex am Rande: "unterkaramellisiert". Aber das sind wir Foodfreunde ja Gott-sei-Dank eher selten...

Oktober 4, 2013 | Unregistered CommenterMarqueee

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