Hey, Nike! Hey, Adidas! Ich hab nix anzuziehen für den Marathon!
Sonntag, September 30, 2012 Liebe Designer der internationalen Sportartikelwelt,
lassen Sie es mich so formulieren: IN WELCHER WELT LEBT IHR EIGENTLICH? DOCH WOHL NICHT IN DER AKTIV SPORTTREIBENDER DES JAHRES 2012!

Als mich dieser Wutausbruch zum ersten Mal ereilte, tat er dies gleich zweimal innerhalb weniger Minuten. Doch weil es sich nicht gehört im stationären Einzelhandel rumzubrüllen, bewahrte ich Contenance. Der Grund für den Ärger aber war die versammelte Bank von Laufbekleidungsmarken, von Nike und Adidas über Asics bis Tao.
Dazu muss ich ergänzen, dass die erstmalige Vorbereitung für einen Marathon das Auge für die Feinheiten der Kleidung schärft. Gut, die Haut wird auch geschärft, denn gewisse Körperteile lernen den Unterschied kennen zwischen hautenger und weiter Bekleidung, zwischen weichen und harten Kunstfasern - denn je länger die Läufe, desto höher die Scheuergefahr. Unschön war es, beim Düsseldorf Marathon jene Herren zu beobachten, deren Brustwarzen bei Kilometer 32 aufgescheuert das Trikot vollbluteten.
Im Frühsommer waren wir da noch ein wenig naiver. Die Vorbereitung auf den New York Marathon hatte gerade begonnen und wir brauchten “Laufzeugs”, bei drei bis vier Mal Sport in der Woche kommt man mit dem Waschen ja nicht nach. Also fielen anlässlich einer Berlin-Reise bei Nike Town ein. Nicht, weil wir markenfixiert wären, sondern weil der Laden nun mal da war und ich ihn auch für ein gelungenes Konzept halte. Leider wird Nike seine einzige Town in Deutschland im Sommer 2013 schließen. Schade.

Seien wir ehrlich: So fürchterlich unterscheiden sich die einzelnen Hersteller in diesem Feld ja auch nicht. Der weiteste Teil Laufbekleidung fällt in eine von zwei Gruppen:
a) grauenhaft langweilig, weil schwarz/grau monochrom
b) sieht aus, als ob man ohne Fallschirm über Legoland abgestürzt wäre.
Und ob nun “Dry Fit” oder “Clima Cool” das bessere Gefühl auf der Haut während eines Laufes vermittelt, ist wohl eher der subjektiven Wahrnehmung, beeinflusst durch Marketing-Kampagnen, geschuldet. Und leider sind die meisten Textilien von kleinen, asiatischen Händen unter traurigen Arbeitsbedingungen zusammengetackert worden.
Erst beim Einlaufen der erworbenen Bekleidung fiel uns auf: Die Welt der Sportartikel-Designer ist nicht unsere. Denn egal ob wir von daheim loslaufen oder von einem anderen Ort: zumindest ein kleiner Schlüsselbund ist immer unterzubringen, vielleicht gar eine Packung Taschentücher. Für längere Distanzen böte es sich außerdem an, Gels mitnehmen zu können um unterwegs Kraft zu tanken.
Dazu das Thema Musik: Wohin mit dem Abspielgerät? Wer mit Kopfhörern läuft, soll offensichtlich genötigt werden Armmanschetten anzulegen, durch die das Display des Endgerätes nur durch Auskugelung des Schultergelenks lesbar ist und die Touchsteuerung eines iPhones zum Glücks- und Geduldsspiel wird. Noch dazu fallen diese Manschetten entweder ab oder entwickeln die Tragequalitäten eines vollgepumpten Blutdruckmessgerätes.
Überhaupt: Handy. Die von uns favorisierte Lauf-App Runtastic bringt es in zwei Versionen auf über 17.000 Bewertungen bei iTunes allein in Deutschland. Die Rivalen Runkeeper und Nike+ kommen auf über 1.000 Kritiken. Offensichtlich gibt es also tausende von Läufern, die ihre Leistungen mit einer Mobile App protokolieren.
UND WO BITTE SOLLEN DIE IHR HANDY HINSTECKEN?
Es klingt wie ein Treppenwitz. Aber tatsächlich gibt es abgesehen von Jacken praktisch kein Kleidungsstück, das Taschen für Mobiltelefone bereithält. Die Verkäufer wissen das längt: Sowohl bei Karstadt Sport (das in Düsseldorf inzwischen übrigens mit erbärmlicher Auswahl und schwachem Service auffällt) als auch bei unserem bevorzugten Lauf-Fachgeschäft Bunert das gleiche Achselzucken: Es gibt keine Hosen oder Shirts mit entsprechenden Taschen. Deshalb jene zwei unterdrückten Wutanfälle.

Einen besonderen Schildbürgerstreich liefert dabei die deutsche Marke Tao. Von denen besitze ich eine kurze Laufhose mit einer Hintertasche, in die exakt ein iPhone passt. Nun ist diese Hose aber nach einigen Jahren ausgeleiert. Die aktuelle Kollektion hat sich im Schnitt praktisch nicht geändert, hat noch immer eine Tasche, die scheinbar exakt genauso breit ist - aber nur noch halb so tief. Was soll läufer da reinstecken? Einen mit dem Preis blutiger Finger bezahlten, vom Schlüsselbund abgefummelten Haustürschlüssel? Einen abgekauten Bleistift? Die letzte Zigarette? Einen Lolly als Wegzehrung? Nicht mal ein Gelpäckchen würde in dieses Schmaltäschchen passen.
Geradezu absurd wirken manche der Hosendesigns. Keine Ahnung, was in schmalen, kurzen Taschen untergebracht werden soll. Zwergentaschenmesser, sollte ein Überfall drohen? Lippenstift zum Nachschminken? Die persönliche Glückspatrone?
Ich weiß es nicht. Gerade Nike müsste es doch besser wissen, schließlich stammt von den Amerikanern die Lauf-App für Nike+ (gut, von den drei Programmen, die wir getestet haben, das optisch schönste aber bei weitem absturzgefährdetste). Und wo, soll das dazugehörige Handy hin?
Es kann ja sein, dass wir zufällig einfach nichts gefunden haben. Dass die Verkäufer bei Karstadt und Bunert humanoide Inkompetenz waren und uns irgendwo da draußen eine Sportwunderwelt erwartet, die prallvoll ist mit praktischen Laufutensilien. Dann bedanken wir uns für Hinweise. Aber bisher haben wir sie nicht gefunden.
Gern brüsten sich die Sportartikelhersteller mit Top-Athleten und besonders sportlichen Mitarbeitern. Doch die einen müssen nichts auf einen Lauf mitnehmen, weil sie ihr Personal dafür haben - und die anderen laufen halt mal in der Büropause. Es scheint, die Designer haben die Laufwirklichkeit des Jahres 2012 komplett aus den Augen verloren.
Mit einer Ausnahme.
Bei jenem Berlin-Ausflug stießen wir zum ersten Mal auf den sehr schönen Laden “Firmament”. Der führte zumindest in diesem Sommer (aktuell findet sich auf seiner Homepage dazu nichts mehr) Gyakusou, eine japanische Untermarke von Nike. Sie stammt aus dem Hause Undercover des japanischen Star-Designers Jun Takahashi. In einem lichten Moment kontaktierte ihn Nike mit dem Ansinnen einer gemeinsamen Laufkollektion - denn Takahashi läuft eben selbst. Gegenüber dem Esquire Style Blog sagte er:
“When I would go to buy clothes for running from other brands, something was missing. The clothes are not practical — the colors are garish and attract attention. I wanted harmony for my collection, colors that blend in with the environment, fabrics that are silent when they move. Harmony. This was one of the most important points for me.”
Und wir sagen: JA! GENAU DAS IST DER PUNKT!
Gyakusou-Kleidung ist cool, aber nicht langweilig, hervorragend geschnitten, bestens zu tragen - und hat TASCHEN! RICHTIGE TASCHEN! In die Dinge hinein passen wie.. Schlüsselbunde… Oder Handys.. Oder Gel-Packs. Hier ein Blick auf die Herbst/Winter-Kollektion:

Nehmen wir nur die kurze Herrenhose: Sie hat vier Taschen vorne und zwei hinten. Zugegeben: Eine davon hat wieder einen Zuschnitt der wahrscheinlich auf exakt einen (vermutlich japanischen) MP3-Player passt, der ungefähr das Format von zwei nebeneinander gelegten Zigaretten aufweist. Ansonsten aber: tadellos. Nur muss man auf die Größen achten, die sich an der japanischen Bevölkerung ausrichten, weshalb man immer eine Größe größer kaufen sollte, als bei anderen Marken.

Es geht also. Es ist tatsächlich möglich, Laufbekleidung zu produzieren, die gut aussieht, moderne Stoffe verwendet - und gleichzeitig den Bedürfnissen von Läufern entspricht. Leider ist sie dann auch gleich mal deutlich teurer.
Offensichtlich aber ist die Verzweiflung der Aktivsportler groß. Denn bei Firmament sagte man uns, dass die Gyakusou-Kollektion immer flott verkauft sei.
Und was hat Nike daraus gelernt, dass Menschen bereit sind, mehr Geld auszugeben, wenn man ihnen Laufkleidung bietet, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist und nicht aussieht wie eine 80s-Bad-Taste-Party?
Anscheinend nichts.
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Reader Comments (2)
Nach zwei Marathons, sechs Halbmarathons und unzähligen weiteren Wettbewerben und Trainingskilometern hat sich bei mir gezeigt: Die Laufklamotten von Aldi sind mindestens genauso gut wie teure Markenkollektionen. Meine besten Laufhosen, ob kurz oder lang, sowie die Softshelljacke für den Winter: alle von Aldi. Laufshirts kaufe ich schon seit Jahren keine mehr, die bekommt man ja bei jedem Wettbewerb. Schuhe: von Asics der schmalen Passform wegen. Einzig sehr an kalten Wintertagen kommt mir Tao oder Nike an die Hände. Deren Handschuhe passen einfach viel besser als die klobigen Aldi-Handschuhe.
Apropos iPod, Schlüssel, Gel - hast Du schon mal einen enganliegenden Laufgürtel ausprobiert? Nicht so einen für vier Minitrinkfläschchen, sondern mit einer Allzwecktasche.
Gürtel wäre noch eine Option. Mit den Gyakusou-Sachen kommen wir derzeit gut um die Ecke. Insgesamt ist dieses Gürtel-Rumschlackern aber eher nicht so mein Ding.