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Donnerstag
Jul052012

"Gut Klostermühle", Madlitz - Der Zaubersee

So sehen gemeinhin Orte in schlechten ZDF-Fernsehfilmen aus. Ein See liegt da vor uns, umgeben von Wald. Ein altes Gutshaus auf unserer Linken, ein kleiner Bootssteg direkt vor uns, rechts und hinter uns zwei weitere kleine Bauernhäuser. Still ruht er, der See, gelegentlich springt ein Fisch, ein Reiher liegt still in der Luft, auf Beute wartend. 

So kitischig und unwirklich schön ist es hier, dass es schmerzt. Kann es wirklich solch einen Ort der Stille geben, nicht mal eine Autostunde von Berlin und 20 Minuten von Frankfurt/Oder entfernt?

Ja, kann es. Er heißt “Gut Klostermühle”. 

Seit einigen Jahren ist der südliche Speckgürtel der Haupststadt zum Wellness-Paradies geworden. Mehr als ein Dutzend gehobener Hotels wirbt vor allem um Massage-hungriger Hauptstädter, verstärkt aber auch um Touristen aus anderen Regionen. Das “Hotel zur Bleiche” war lange das Vorzeigeobjekt, doch ist es bemerkenswert, wie seit zwei Jahren die Bewertungen auf Tripadvisor geradezu abstürzen.

Die Empfehlung einer kundigen Freundin lautete: “Fahrt zur Klostermühle”. Die liegt tief im Wald, der Navigator kennt die Straße nicht mal. Das Gut hat eine bunte Geschichte: Kartäuser-Mönche hatten hier im Mittelalter eine Mühle gebaut, dann wurde der Hof säkularisiert, im 18. Jahrhundert schaute auch der Alte Fritz vorbei, Kaiser Wilhelm II. bejagte die örtlichen Wälder.

Es kam die DDR und die Stasi übernahm das Objekt als Ferienheim. “Wir wussten nicht, was die hier machten, aber wir wussten: Da fährst Du besser nicht hin”, erzählt während unseres Aufenthaltes eine Madiltzerin. Es kam die Wende - und ein prominenter Investor aus dem Westen: Walter Brune. Der Architekt aus Düsseldorf veränderte viele Innenstädte, ohne dass es den Bewohnern bewusst ist. Aus seinem Kopf stammt das Konzept der Innenstadtgalerie als Gegenentwurf zu den Einkaufscentren an der Peripherie. Was mit der Kö-Galerie in Düsseldorf begann, ist heute Alltag in Großstädten weltweit. Und Walter Brune wurde reich: Auf 450 Millionen taxierte das “Manager Magazin” sein Vermögen im Jahr 2010

Im “Gut Klostermühle” ist er nun anzutreffen, zum Beispiel beim lockeren Joggen um den See am Morgen. Dazu muss erwähnt werden: Walter Brune ist 85 Jahre alt - und offensichtlich verdammt fit.

In Madlitz hat er sich einen Zaubersee erschaffen. Einen Ort, der so magisch ist wie jenes Sanatorium, das Thomas Mann im “Zauberberg” beschreibt. Ein Platz zum Verweilen, der einen gefangen nimmt, so dass man nicht mehr weg möchte, obwohl doch gar nicht viel passiert.

Zusätzlich zum alten Hotel hat Brune weitere Bauten errichten lassen. Obwohl die deutlich moderner wirken, stören sie das Bild nicht. Verbunden sind sie mit einem Tunnelsystem, so dass der Wellness-Bereich oder das Frühstücksrestaurant auch bei regnerischem Wetter problemlos erreichbar sind.

Das klingt kühl und und modern, ist es aber nicht. Der ländliche Stil der Zimmer und auch der Restaurants passt zum Brandenburgischen und hat einen leichten Hauch von England. In unserem Raum finden sich viele Antiquitäten, offensichtlich echte - denn die Schranktür ist nur mit Gewalt zu schließen (oder besser nur anzulehnen). Das Bad ist nicht weiter auffällig, allerdings wäre es angesichts der Ansprüche der “Klostermühle” schön, wenn Duschgel und Shampoo nicht No-Name-Produkte aus dem Spender wären.

Doch eigentlich ist man ja zur Erholung hier. 4 Kilometer ist der Spazierweg um den See lang, an dessem oberen Ende befindet sich ein fast urzeitlicher Wald mit friedlichen Libellen-Armeen - noch so ein zauberhafter Platz. Per Ruderboot oder Kanu kann der Besucher über das Wasser treiben, Sportangeln ist ebenfalls möglich, der Reitstall liegt hinter dem Hotel. Oder Wellness. Außenpool, Innenpool, äußerst fachkundiges Personal - perfekt. Die massierende Physiotherapeutin erkannte nicht nur meine beiden nicht operierten Bänderrisse, sondern machte auch ein kleines Problem am Rücken aus und behob es. Ergebnis: deutlich lockereres Joggen am folgenden Tag. 

Am Abend dann die Wahl zwischen zwei Restaurants. In der “Klostermühle” kocht Peter Krüger, “Brandenburgs Meisterkoch 2010” in einer offenen Küche - und mit Anspruch. Viele der Fische und das gesamte Wild kommen vom Gutsgebiet. Da gibt es zum Beispiel einen hervorragenden Rücken vom Maibock mit Rhabarber - köstlich. Oder ein confiertes Seesaiblingsfilet mit grünem Spargel.

Doch gelingt nicht alles: So ist die weiße Spargelcreme gelungen, doch sitzt in ihr ein “Spargelei”: eine zu fette Kruste mit grüner Spargelsuppe - keine tolle idee. 

Und auch einen Sommelier bräuchte die “Klostermühle” dringend. Auf unsere Frage, welcher ostdeutsche Weiße zu den Vorspeisen passt, wusste unsere Bedienung nicht nur keine Antwort (was nicht schlimm ist) sondern hatte auch niemand, den sie fragen konnte. Die Preise der “Klostermühle” sind angemessen: ein 3-Gänge-Menü kostet 46 Euro, die 8-Gänge-Version 96 Euro.

Günstiger geht es nebenan zu in der “Klosterscheune”, deren Grundfesten aus dem 15. Jahrhundert stammen. Hier gibt es lokale, bodenständige Küche, zum Beispiel einen fabelhaft zarten Wildschweinbraten mit Pilzen in üppiger Zuteilung. 

Hier könnte der Gast auch zu Mittag essen, zum Beispiel auf der Terrasse am See. Theoretisch. Praktisch wird im “Gut Klostermühle” nur zu Mittag essen, wer das feste Ziel hat, seinen Aufenthalt mit etlichen Kilos mehr zu beenden als bei seiner Ankunft. Denn das Frühstück ist absolut herausragend. Dank eines gelernten Fleischers im Küchenteam stellt die “Klostermühle” sämtliche Wurstwaren selbst her - weshalb bei der Abreise der Kauf eines Glases Leber- oder Blutwurst angeraten ist. Marmeladen? Auch hausgemacht. Und in diesem Stil geht es weiter: eine überdurchschnittliche Auswahl in Qualität wie Vielfalt. 

Wer danach Stille möchte, geht um die See oder legt sich auf den Bootssteeg. Wer Unterhaltung möchte, findet sich auch. Gut ein debattierender Intellektueller wie Lodovico Settembrini im “Zauberberg” fehlte, die Gespräche einiger graumelierter Gäste sind deutlich profaner. Das Besondere jedoch ist: Jeder wird hier finden, was er sucht. 

Und weg, weg will niemand. Der Zaubersee nimmt den Gast gefangen. Vielleich auch sieben Jahre, wie es bei Thomas Mann auf dem Berg zuging. Obwohl, das könnten wir uns auch nicht erlauben. 170 Euro kostet das Doppelzimmer pro Nacht, Frühstück ist inbegriffen - das ist ein guter Preis. Über sieben Jahre hinweg wären das aber ohne Abendessen über 400.000 Euro. Ja, gut, da überlegen wir nochmal. 

Aber wiederkommen zu jenem schmerzhaft schönen See in Madlitz - das werden wir. 

Gut Klostermühle
Mühlenstr. 11
15518 Madlitz-Wilmersdorf

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