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Dienstag
Feb212012

Lissabon - eine Stadt wie ein Krimi

Würde ich Krimis schreiben, ich ließe sie in Lissabon spielen. 

Nicht nur, weil den wirklich nicht sonderlich junkie-mäßig gekleideten Besuchern auf dem Rossio, dem touristischsten Platz der Stadt ganz offen Drogen offeriert werden. “Koka? Marihuana?”, murmelt der sich in den Weg stellende Herr und öffnet zum Beweis der Ernsthaftigkeit seiner Offerte die rechte Hand, darin ein satter Balken “Grüner Portugiese”, oder was immer man hier so raucht. Und er ist nicht allein: Dreimal werden wir in kurzer Folge angesprochen, was unser Zutrauen in die Schlagkraft der portugiesischen Polizei maßgeblich senkt.

Nein, die portugiesische Hauptstadt wäre auch so ein wundervoller Ort für Morde, Mafia und andere Verbrechen, die mit M beginnen, mir aber gerade nicht einfallen. Denn gute Krimis spielen in Gegenden mit großen Gegensätzen und einer hohen Grundmelancholie - wie eben Lissabon. 

Da sind die aufgeräumten klaren Straßenlinien der Baixa. 1755 legten ein Erdbeben, die folgenden Brände und noch eine Flutwelle fast die gesamte Unterstadt in Schutt, Asche und Morast. Darauf entstanden prachtvolle, klassizistische Häuser, arrangiert in klaren Linien, mit wunderschönen Plätzen dazwischen. Heute geht es hier einerseits touristisch zu, andererseits haben hier viele Banken ihren Sitz.

Drinnen scheint die Zeit oft eingefroren seit den 50ern und 60ern. So wie im großen Fischrestaurant “Solmar”. Würden die “Mad Men” einen Europaausflug machen, hier müssten nur die für Portugal obligatorischen Flachbildschirme abgeschraubt werden - der Rest scheint seit der Gründung 1954 unverändert: die farbigen Lederstühle, die geschwungenen Säulen, das riesige Fisch-Fresco - nichts ist abgerissen oder überkommen, sondern einfach nur pure 50s.

Hier gibt es viel Fisch und Schalentiere, entweder pur oder traditionell-portugiesisch zubereitet. Das ist nicht jedertourists Sache, scheint es. Als ich ich die Brotsuppe mit Garnelen bestelle, weist mich der Kellner darauf hin, dass Ausländer diese nicht so gern mögen. Optisch ist sie nicht wirklich ansprechend, das stimmt - doch schmecken tut die deftige Mischung aus Brot, Ei, Gewürzen und Kräutern. Auch wenn sie aussieht wie, nun ja, schon mal von jemand anders verkostet.

Etwas weiter runter die Fußgängerzone der Rua do Carmo mit den global leider üblichen Kettengeschäften wie H&M und Nespresso. Doch es gibt auch Kleinode wie die Luvaria Ulisses, ein winziges Handschuhgeschäft, das Platz hat für exakt einen Kunden vor und einen Verkäufer hinter dem Thresen. Die Baixa, also wäre der Schauplatz von Anlagebetrug, dubiosen Handelsgeschäften oder auch Steuerhinterziehung. 

Ganz anders das Viertel westlich, die Bairro Alto. Hier wird es enger und verwinkelter, die Häuser älter, weniger pompös, dafür aber häufiger gepflastert mit jenen wunderschönen, portugiesischen Wandfliesen.

Mal sind es klare Muster, gern in grün und gelb oder auch in blau. Aber auch bildliche Motive gibt es, bevorzugt sind sie christlich - denn der Portugiese ist gläubig - oder glorifzieren jenes Zeitalter, das das Land die führende Entdecker- und Kolonialnation war und nicht nicht der nächste Kandidat für eine krachende Staatspleite. 

Die Straßen sind voll von Restaurants, Bars und Cafés - der Lissaboner geht gern aus. Hier könnten Mafia-Schergen Schutzgelder eintreiben. Gedrungene Gestalten würden sich dann nicht entspannt, sondern drohend auf die Glastheken der Cafés lehnen. Der Espresso, italiana heißt er hier, wäre umsonst (obwohl er ohnehin nur 70 Cent kostet), ebenso das zugehörige Gebäckstück, schnell würde ein Umschlag über die Theke geschoben.

So wäre das nämlich. Denn der Portugiese lehnt gern an jenen Glastheken mit den süßen, kleinen Küchlein, von denen die Pasteis de Nata, Blätterteig mit Pudding gefüllt, die bekannteste Variante ist. Fast unterscheidet das in Lissabon die Touristen von den Einheimischen: Letztere lehnen, die Ausländer sitzen. Zum Beispiel im von vielen Touristen besuchten, trotzdem aber empfehlenswerten und wunderschönen “A Brasilheira”, wo am Eingang der kleinste Kiosk der Stadt zu finden ist: eine Wandnische, die kaum Raum lässt für den Verkäufer hinter einer simplen Holzschranke. 

Zum Café sitzen, das tun die Einheimischen lieber draußen. An fast jedem der kleinen Parks steht ein Quiosque. Das sind kleine Stände mit verschnörkeltem Metalldach in denen es nicht abgestandenen Filterkaffee gibt, sondern Hochdruck zubereiteten Espresso - und natürlich Portwein. Und hier sitzt dann auch der Lissasboner, denn vor den meisten Quiosque stehen Tische und Stühle.  

Jene, an die das Schutzgeld geht, die aber wohnten in meinen Krimis im Osten der Innenstadt, in der Alfama. Noch verschlungener laufen die Gassen unterhalb der alten Burg, dem Castelo de Sao Jorge. Der Ausblick von hier ist traumhaft - die Burg selbst aber nicht mehr als hohe Mauern und somit eher unterdurchschnittlich spannend. Dann lieber wieder raus in die Alfama mit ihren niedrigen Häusern, fast vergisst der Besucher in einer Großstadt zu sein: Die Szenerie erinnert an ein Bergdorf. 

Vieles ist hier verfallen, sogar Graffiti-besprühte Wohnruinen sind keine Ausnahme. Überhaupt ist auch das einer jener Lissaboner Gegensätze. Denn überall in der Stadt finden sich zugemauerte Fenster, verfallene Dachstühle und immer wieder Wandsprühereien. Ein paar Meter weiter aber das ganze Gegenteil, ein spektakulärer Designladen vielleicht, oder ein schmerzhaft cooles Café. 

 

Das ist das wieder ganz andere Lissabon, ein junges, hippes Lissabon. Coolere Sushi-Läden als hier gibt es weltweit nur selten. Dabei ist den Portugiesen eine bemerkenswerte Geschmackssicherheit zu attestieren: Die meisten Interieurs sind individuell aber absolut treffisicher gestaltet, wie das des Restaurants “Bica do Sapato” (ausführlicher Bericht demnächst). 

Hier könnte der Tummelplatz für die neue Generation der Unholde sein, die Nachfolger der Mafia-Paten, die globalisierte Gangster-Jugend, brutaler und rücksichtsloser als ihre Väter und Großväter, immer aber umgeben von mager ernährten Gespielinnen. 

Sonntags geht es dann raus nach Belém, eine Viertelstunde ist es mit dem Auto. Auf der Strandpromenade, die leider wie in ganz Lissabon durch eine Hauptverkehrsader von der Stadt abgeschnitten wird, radeln Familien, gehen junge Paar spazieren. Einst legten von hier die Schiffe der Weltentdecker wie Vasco da Gama ab, der Torre de Belém war so etwas wie das Cape Canaveral des 16. Jahrhunderts. Noch viel schöner aber ist das Kloster, das Mosteiro dos Jerónimos. Der aufwendig dekorierte Kreuzgang gehört zu den vielleicht schönsten Klosterbauten der Welt, ebenso beeindruckend sind die gedrechselten Säulen der Kirche. Dort liegt auch das Grab von Vasco da Gama.

Anschließend ist ein Besuch bei “Pastéis de Belém” Pflicht. Denn hier sollen sie geboren worden sein, die berühmten Pastéis de Natal. Weshalb auch am Wochenende eine Schlange entsteht unter der blauen Markise. Warten aber lohnt: Nirgends ist der Blätterteig knuspriger unter dem Pudding. 

Es gibt so viele Gegensätze in Lissabon. Heruntergekommen und funkelnd neu, futuristisch und nostalgisch, touristisch und ursprünglich - da passt es, dass die Stadt einerseits komplett unhektisch ist, andererseits aber ein ausgeprägtes Nachtleben hat. Und natürlich die Kolonialeinflüsse: afrikanisch, karibisch, indisch - alles kann dem Besucher begegnen.

So wie jene Band von den kapverdischen Inseln, die Guents dy Rincon - erst tanzt die Sängerin und dann die Zuschauer in der Fußgängerzone, Mütter mit ihren kleinen Töchtern, ein Obdachloser dreht seine Runden, verliebte Paare jeden Alters, eine Gruppe Studentinnen, die kräftig vorgeglüht hat an diesem Abend. 

Und deshalb braucht es keine Krimis um Lissabon spannend zu machen - die Stadt reicht. Drei Tage sind eine perfekte Zeit, möchte man nicht noch die Museen erkunden. Ein wunderbarer Wochenend-Trip. Den sollte man vielleicht denn auch einigermaßen schnell machen, bevor ein realer Thriller Reisen etwas weniger erfreulich machen könnte: die Wirtschaftskrise. 

 

Reader Comments (2)

"ganz offen Drogen offeriert werden. [...] was unser Zutrauen in die Schlagkraft der portugiesischen Polizei maßgeblich senkt."

LOL. Seid Ihr wirklich so naiv und habt geglaubt, die würden dort echte Drogen verkaufen? Die verkaufen irgendwelche Küchenkräuter, weshalb die Polizei auch keinen Grund sieht, dagegen einzuschreiten. Falls Touristen wirklich so doof sind, denen was abzukaufen, ist das schließlich ihre eigene Schuld.

Februar 23, 2012 | Unregistered CommenterBreston

Na ja, also bei uns war es echt. Wenn auch nicht gut.

Februar 23, 2012 | Unregistered CommenterAngela

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