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Das Ende des gedruckten Guide Michelin?

Am vergangenen Wochenende erschütterte eine Meldung Frankreich, die in Deutschland gar nicht groß Widerhall fand. Eine Kulturinstitution, ein Gigant, ein Titan, ein Denkmal des guten Essens beugt sich vielleicht bald dem digitalen Wandel:

der Guide Michelin.

Das rote Buch mit den teuren Sternen soll eventuell künftig zumindest in Frankreich nur noch online erscheinen. Das Drucken lohnt sich wohl schlicht nicht mehr, laut “Le Monde” ist die Auflage von 400.000 vor zehn Jahren auf gerade mal 107.000 Exemplare gestürzt. Es gibt einen Bericht über eine Veranstaltung des Verlags, in dem solch ein Vorgehen besprochen wurde.

So richtig wundern kann der tiefe Fall natürlich nicht. Zwar ist der Michelin mit seiner Sterne-Bewertung noch immer der weltweit wichtigste Gradmesser. Doch ist in den vergangenen Jahren auch die Kritik lauter geworden an seinen Bewertungsmaßstäben. Da war die Sterne-Flut für Tokio, hinter der mancher nur den Versuch vermutete, den frisch auf den japanischen Markt kommenden Michelin zu vermarkten. Oder der fehlende dritte Stern für das Kopenhagener “Noma”, das von vielen als das beste, wichtigste und einflussreichste Restaurant der Welt gesehen wird. Nur erscheint in Skandinavien halt kein Guide Michelin. Und deshalb, so die Verschwörungstheorie, ist dem Michelin nicht gelegen an der Bejubelung einer Lokalität dort. 

Gleichzeitig reisen wir mehr umher als früher. Und so entdeckt mancher, dass es für bestimmte Regionen bessere Wegbegleiter gibt als den Michelin. Der ist ja eigentlich mal durch den Reifenhersteller für Autofahrer erdacht worden, die eher ungeplant umher reisen oder sich mit einer bestimmten Region nicht intensiv beschäftigt haben. Heute aber planen viele Menschen ihren Urlaub um Restaurants herum - und die müssen ja möglichst frühzeitig gebucht werden. Wir erinnern uns da gerne noch an das 95malige tippen der Wahlwiederholung beim Versuch, einen Tisch in der “French Laundry” zu bekommen.

Schließlich gibt es insgesamt heute mehr gute Restaurants als früher. Nur noch in wenigen Gegenden stößt der Reisende auf die Gastwirtschaft “Zum Schmutzigen Löffel”, die so gar nicht zu ertragen ist. Wer sicher gehen will findet schließlich noch Helfer, die es vor zehn Jahren noch nicht gegeben hat, zum Beispiel Yelp. 

Es sind also schwere Zeiten für den Guide Michelin - so wie für viele gedruckte Medien. Bemerkenswert aber ist: Der Michelin will den digitalen Wandel anscheinend sehr konsequent durchziehen.

Künftig wird es nicht nur den Führer online geben - er soll ergänzt werden durch Leserkommentare. Und das erzürnt die Götter des Gourmet-Olymps aber mal so richtig wie “Le Monde” berichtet. “Wenn man die Kommentare offen lässt, wird es einen Aufschrei der Empörung geben”, sagt der vor-empörte Alain Ducasse. Joel Robuchon geriert sich schon als Maya-Koch und sieht den Weltuntergang nahen: “Dann ist es vorbei für sie (den Guide) und uns.” 

Natürlich könnte es für die Diven unter den Star-Köchen ein böses Erwachen geben. Bisher fällt es ihnen leicht, Kritik an ihrer Arbeit abzutun - sie müssen ja nicht unbedingt die Küche verlassen, um sie entgegenzunehmen. Ich würde auch behaupten: So mancher, der nicht zufrieden ist, sagt gar nichts - weil das Ambiente eines Sterne-Restaurants eben auch einschüchternd wirken kann. 

Sich digital zu äußern ist einfacher. Dem Michelin ist zu wünschen, dass er die grundlegenden Regeln des Kommentar-Managements in die Planung einbezieht und Äußerungen nur nach einer gewissen Authorisierung zulässt, und sei es einem Einloggen via Facebook. Dann aber kann die Sache wesentlich positiver ausgehen, als die nervösen Köche sich das Denken. Schließlich sind auch die Kritiken bei Tripadvisor nicht so negativ für die Hotels, wie man denken könnte. Wer sich sogar die Zeit nimmt, auf diese zu reagieren, macht einen bemerkenswerten Eindruck. Das jüngste Beispiel, das uns auffiel ist das Lissaboner Hotel “LX”: Hier reagiert das Management konsequent auf jeden Eintrag eines Gastes (raten Sie, welches Hotel wir für unsere baldige Reise gen Portugal gebucht haben…).

Natürlich: Das macht das Leben nicht einfacher. Aber so ist es nun mal mit dem digitalen Wandel: Man kann ihn doof finden oder gut - aber man kommt nicht darum herum. Zumindest ein gutes dürfte die radikale Strategie von Michelin aber haben: Das grauenhafte Design der Homepage wird hoffentlich eine Überarbeitung erfahren.  

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Reader Comments (3)

Thomas, das war gestern schon falsch und ist es heute noch. Michelin Deutschland hat das hart dementiert. Die Geschichte in der FAZ stimmt so nicht. Es wird auch weiterhin eine gedruckte Version geben.

Januar 19, 2012 | Unregistered Commenterthorsten firlus

Dass die Meldung "in Deutschland gar nicht groß Widerhall" gefunden habe, kann man wohl nur schreiben, wenn man die ungewöhnlich aktiven Diskussionen auf Facebook und Google+ nicht verfolgt hat. Die "Nachricht", um die es ging, war das Resultat der falsch verstandenen / falsch übersetzten Spekulation (als solche klar erkennbar) eines Le-Monde-Journalisten, die in der FAZ online zu einer Absichtserklärung der Michelin-Direktion und dann auf Facebook als Tatsache kolportiert wurde. Es ist heute, was es gestern war: eine Ente!

Januar 19, 2012 | Unregistered CommenterEckhard Supp

Das ist wirklich lustig. Da wird erstmal behauptet, dass man doch alles wissen müsste, weil es auf Facebook und Google+ diskutiert wurde. Bei mir nicht, obwohl ich auf Facebook bin. Aber man kann ja nicht das ganze Facebook durchlesen, so wie Herr Supp.

Und zu Herr Firlus: Ich arbeite in der Kommunikationsbranche. Und deshalb weiß ich eines: Wenn die deutsche Tochter eines ausländischen Unternehmens nichts von einem Vorgang weiß, der nicht per Pressemitteilung verkündet wird - dann heißt das nüscht. Die werden nämlich kurz gehalten... Erstaunlich ist doch, dass weder die Monde noch die FAZ die Geschichten korrigiert oder zurückgezogen haben. Dabei müsste Michelin daran interessiert sein, die Sache aus der Welt zu schaffen, wenn sie nicht stimmt.

Januar 20, 2012 | Unregistered CommenterReinhard M.

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