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"Tantris", München: Still orange after all these years

Noch immer zieht es die geflügelten Drachen zum Tor des Glücks. Wie magisch angezogen schlängeln sie sich die betonigen Treppen hinauf in Richtung der Drehtür des “Tantris”. 

40 Jahre ist das schon so. 40 Jahre: Äonen für ein Sterne-Restaurant. Gut, die erste Michelin-Auszeichnung gab es vor 38 Jahren - aber trotzdem. 1971 hatte der Bauunternehmer Fritz Eichbauer die merkwürdige Idee in dieser eher unschönen Gegend von Schwabing ein Top-Restaurant zu eröffnen. Erst wurde hier Eckart Witzigmann groß, dann Heinz Winkler. Seit 1991 - auch das schon eine gigantisch lange Zeit - hält der Österreicher Hans Haas seine zwei Sterne und 18 Gault-Millaut-Punkte. 

Das Tantris, also, ist eine Gourmet-Institution in Deutschland. Aber lohnt sich der Besuch wirklich noch?

Die erste Antwort lautet: Ja - für Freunde extremen Retro-Ambientes.

Denn hier ist alles so, wie es halt in den 70ern war: Chrom-Kugelleuchten, Licht-Installationen und vor allem orange. Viel orange. Ganz viel orange. Die schräge Deckenwand ist komplett verkleidet mit schallschluckendem, leuchtend orangenem Teppich. Das ist heute wieder hip - dürfte aber in den 90ern gewirkt haben, wie aus der Zeit gefallen.

Das trifft nicht für den Service zu. Bei solch einem traditionsgeschwängerten Haus wäre verstaubt-steifes Personal zu erwarteten. Stattdessen begegnete uns selten auf diesem Niveau ein so kompetentes und zugleich fröhliches Team. Da hat eine Mannschaft Spaß am Job und lässt es den Gast fühlen. 

Zwei Menüs und eine Karte gibt es. Wir entscheiden uns gegen das kleinere Menü und wählen die 8 Gänge. OK, also so wie immer. 

Der Gruß aus der Küche schmeckt nach mehr: eine kleine Sardine spreizt ihren Körper auf Safran-Kraut. Der saure Fisch bildet einen schönen Kontrast zum milden Safran. So kann’s weiter gehen.

Es folgen Variationen vom Hendl. OK, nur zwei Variationen. Einerseits ein - zum Retro-Ambiente passender - Hähnchensalat, andererseits eine Hühnerleber-Pastete auf Toast. Das ist kein Höhepunkt der Kreativität. Aber einerseits zeigt sich, dass es nicht immer Gans oder Ente für eine mild-aromatische Pastete braucht. Andererseits ist die Perfektion des Salates von hoher Ironie: Hier zeigt ein Top-Koch den Supermarkt-Produzenten, wie es auch schmecken kann. 

Es folgt ein ausgelöster Hummerschwanz in einer asiatisch-mediterranen Sauce. Beides unterstützt den Hummergeschmack ohne ihn zu übertünchen. Dazu gibt es Erbsen-Ravioli, die vor allem eines sind: vollstes Erbsen-Aroma - herrlich.

Wie schon beim Hummer verlässt sich Haas auch beim nächsten Gang auf die Produktqualität. Steinbutt mit einer leichten Orangen-Sauce - exzellent. 

Das gilt auch für den Hirsch mit frischen Waldpilzen und Topfenspätzle: gewinnt keine Innovationspreise, macht aber richtig Spaß. Und Spätzle mit Topfen zu verfrischen ist eine hervorragende Idee. 

Nach einem Käsegang folgt dann ein Schokoladenkuchen mit Himbeeren. Und wenn es etwas zu kritisieren gäbe, dann das: Schokokuchen mit geschmolzenem Inneren ist zwar wunderbares Comfort Food. Aber: Er ist auch ein Ausbund an Beliebigkeit. Spätestens wenn ein Gericht bei jeder zweiten Ausgabe des “Perfekten Dinner” auftaucht, sollte er einfach mal aus der Top-Gastronomie gestrichen werden. Wir treten hiermit für den Abzug von mindestens zwei Gault-Millaut-Punkten ein für Köche, denen nichts besseres einfällt.

Wenigstens endet unser Abend im Tantris nicht mit Ideenlosigkeit - sondern mit einer fruchtig-leichten Kaltschale aus Johannisbeeren, gepaart mit frischen Beeren und (einem eher belanglosen) Vanilleeis.

Leider erlaubt sich der Service dann einen Faux pas. Nachdem die Weinempfehlungen zuvor wunderbar passten und sich preislich in dem Rahmen bewegten, der auf diesem Niveau üblich ist, änderte sich das beim Dessertwein. Dem Gast ohne nochmaligem Reichen der Karte ein Glas für 34 Euro zu servieren - das ist ein deutlicher Tacken zuviel.

Ganz ohne Fehl und Tadel ist das “Tantris” also nicht. Mit 160,- Euro ist der Preis ein Stück zu hoch angesetzt. Andererseits: Das ist München, das Disneyland für Besserverdiener. So warten wir auch angenehm fröhlich zwischen den Drachen auf unser Taxi. Das “Tantris” ist kein Hort von jungen, innovativen Wilden - sondern das besuchenswerte Heim eines alten Ha(a)sen. 

Tantris
Johann-Fichte-Straße 7
80805 München
Tel.: +49 (0)89 / 36 19 59 - 0

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Reader Comments (2)

Thomas, wie immer sehr lecker und bestens dargestellt. Ich habe ca 10 Jahre um die Ecke vom Tantris in der Berliner Str. gewohnt - und trotz der lukullischen Genüsse aufgrund des - meiner Meinung nach - potthässlichen Ambientes keinen Schritt reingewagt. Jetzt - ohne Paula - gibt es noch einen Grund weniger. Aber wenn Du das nächste Mal in München bist, dann würde ich mich von Dir glatt überreden lassen.
Servus,
Götz aka Le Gourmand

August 24, 2011 | Unregistered CommenterGötz A. Primke

vielleicht einfach überall ein bisschen zuviel geschäumtes? Sonst aber sehr ansprechend...

August 27, 2011 | Unregistered CommenterEllja

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