« Im Müllerthal ist das Wandern Lust | Main | Nimm2, nimm's hoch »

"Südtiroler Stuben", München: Schuhbeck kann's doch

Das ist ja so eine Sache mit den Fernsehköchen. Einerseits sorgen die nicht mehr zu zählenden Kochsendungen für eine hohe Bekanntheit. Wer bei Lanz kochen darf, denken viele, der muss ja etwas können. Im zweiten Schritt tut dann die Vermarktungsmaschinerie ihre stampfendes Werk. Mit einem Mal wird aus dem sympathischen Brutzler am ZDF-Herd ein Werbe-Testimonial. Und das meistens für Produkte, die der Kochende nur unter Androhung von Gewalt seinen Gästen servieren würde.

Andererseits: Irgendwie muss das Geld ja reinkommen. Und wer nicht an ein Top-Hotel angedockt ist, der hat oft genug Probleme, sein Restaurant auf gastronomisch wie finanziell hohem Niveau zu halten. 


(Foto: Ostabg unter GNU-Lizenz)

Die absoluten Star-Köche machen sich allerdings eher selten vor der Kamera zum Horst (Lichter). Sie halten sich bewusst zurück. Was dann wieder den Anschein erweckt, dass jene, die vor den mechanisch applaudierenden Zuschauern ihr Werk tun, brave Zweitligisten sind - aber nicht mehr. 

So einer, der skeptisch macht ist Alfons Schuhbeck. 

Im Herzen Münchens belegt er den halben Platzl, einen hübschen Platz wenige Schritte von der Luxus-Einkaufmeile Maximilianstraße. Einen Eis- und einen Schokoladen gibt es, das obligatorisches Gewürzgeschäft ebenfalls. Dazu das Bistro und Café “Orlando” - und natürlich das Haupthaus “In den Südtiroler Stuben”. 

Deren Ambiente zielt auf eine eher ältere Klientel. Es ist jene Mischung aus Rustikalität und Polsterstühlen, die lange Jahre unter 50-Jährige vom Besuch der Hoch-Gastronomie abhielt. Das ist nicht scheusslich - aber auch weit entfernt von schön. Das Ergebnis ist absehbar: Rund um uns sitzt viel graues Haar.

Zwei Menüs werden geboten: eines mit bayerischen Klassikern wie Kalbsrahmragout oder “Allerhand vom Freilandschwein” - und eines, das überschrieben ist mit “Schuhbecks Welt der Gewürze”. 

Gewürze sind seit einigen Jahren ja die besondere Passion des Patrons. Aus dem Stand soll er zu langen Vorträgen über Gewürze im Stande sein, deren gesundheitliche Wirkung eingeschlossen. Drei Gewürzläden betreibt er bereits, je einen in Hamburg, München und Basel. 

Ja, geschäftstüchtig ist er, der Alfons, der eigentlich Karg heißt. TV-Mechaniker und Rockmusiker war er, dann überredete ihn ein Gastronom zur Kochlehre und adoptierte ihn. 1980 übernahm er nach einigen Lehr- und Wanderjahren seines Neu-Vaters “Kurhausstüberl” in Waging. Drei Jahre später folgte ein Michelin-Stern, den er bis heute hält. 

So weit, so schön. Es folgte das weniger schön. In den 90ern jedoch sammelte er Gelder für Anlagemodelle ein, es folgten Betrugsversuche, das Verfahren wurde eingestellt. Und nachdem er sich davon erholt hatte, setzte er zur Expansion an. 

Das alles klingt nach mehr oder weniger geschäftstüchtig - aber fällt dabei das Kochen und Essen nicht unter den Tisch?

Erstaunlicherweise: nein. Der erste unserer drei Gänge macht richtig Spaß. Ein knusprig gebratenes Stück Zander wird serviert mit einer (nicht auf der Karte vermerkten) Riesengarnele und einer köstlichen Zucchiniblüte auf Karotten-Koriandersauce.

Die Zucchiniblüte an sich ist ja ohnehin ein in Deutschland zu Unrecht selten serviertes Gemüse. Hier ergänzt sie wunderbar den Zander und die Garnele, der deutlich schmeckbare Koriander sorgte für leicht arabisch Gefühle. 

Das lässt sich steigern. Als Hauptgänge wählten wir einerseits Fisch, andererseits Huhn. Der Seeteufel auf syrischem Spinat mit Kichererbsen und Granatapfel schmeckt schwer nach nahem Osten. Dabei hält sich der Spinat zurück und überlässt den Erbsen die Bühne, die wiederum liefern sich ein spannendes Duell mit den Granatapfel. Die arabischen Gewürznoten tun ein übriges um ein überraschendes und doch nicht abgefahrenes Gericht abzurunden.

Der Höhepunkt des Abends aber ist das Marokkanische Zitronenhendl auf Paprika mit Harissa-Kartoffeln. Das Huhn schmeckt spürbar, aber nicht penetrant nach Zitrone. Oft mutet dies seifig an, hier nicht. Es bildet einen hervorragenden Widerpart zur aromatischen Paprika, während das Harissa-Gewürz eine milde Schärfe hinterlässt. Im Mund sorgt das butterzarte Hähnchen noch dazu für eine spannende Abwechslung zur knackigen Paprika und den krossen Kartoffelwürfelchen. Dieses Hähnchen ist tatsächlich ganz große Küche.

Auch beim Dessert geben sich die “Südtiroler Stuben” keine Blöße: Die gebackene Mispel mit Nüssen, Granatapfelsalat und Haselnusseis ist ohne Fehl und Tadel lecker. Allein das Eis überzeugt nicht: Es ist zwar sahnig, aber alles andere als geschmacksintensiv.

Die begleitenden Weine zu den drei Gängen fielen solide aus, mehr aber auch nicht. Lobenswert: Reservierungen über Open Table sind möglich.

Tja, er kann es also doch, der Multi-Unternehmer und TV-Koch Alfons Schuhbecke. Drei Gänge dieser Qualität für 78 Euro - da kann man nicht meckern. Wir wünschten uns, Schuhbeck würde sich einfach ein wenig zurücknehmen mit all seiner Dauerpräsenz. Vielleicht könnte ihn dann als höchst talentierten Koch ernster nehmen.

In den Südtiroler Stuben
Platzl 6+8
80331 München
Online-Reservierung
Telefon: 089/21 66 90-0 

PrintView Printer Friendly Version

Reader Comments (3)

Na, da hat's Euch ja scheinbar gschmeckt... :-)
Kleine Korinthe: In Minga sogt ma halbhochverdeutscht "das Platzl" oder verbairischt "'s Platzl"

Juni 14, 2011 | Unregistered CommenterAlex

Ich wünsche mir, dass sich all diese Teleköche zurück nehmen. Wenn demnächst auch noch im Aktuellen Sportstudio gekocht wird, schaff ich den Fernseher ab und lese stattdessen lieber eines meiner Lieblingskochbücher, z.B "Das Schlampenkochbuch". Grosse Unterhaltung ohne telegenes Dauergrinsen...

Juni 14, 2011 | Unregistered CommenterKarin

Geh: Fernsehgekoche ist doch nur das, was im Frauenfitnessstudio beim Strampeln auf dem Crosstrainer geguckt wird.

Juni 14, 2011 | Unregistered Commenterkaltmamsell

PostPost a New Comment

Enter your information below to add a new comment.

My response is on my own website »
Author Email (optional):
Author URL (optional):
Post:
 
Some HTML allowed: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>