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Tour d’ Elbe: mit dem Fahrrad von Magdeburg nach Dresden

Viel zu spät begreifen viele
die versäumten Lebensziele: 
Freude, Schönheit der Natur,
Gesundheit, Reisen und Kultur, 
Darum, Mensch, sei zeitig weise! 
Höchste Zeit ist’s! Reise, reise! 

Zugegeben: Das Wetter in Deutschland macht es Reisewilligen nicht immer leicht, dieses Motto von Wilhelm Busch in heimischen Gefilden in die Tat umzusetzen. Deshalb ist dieser Reisetipp-  der Natur, Gesundheit und Kultur in Weise verbindet - auch eher etwas für flexible Menschen, die sich spontan bei Hochdrucklage mit ihrem Fahrrad auf dem Weg machen können.

Viel Planung ist nicht notwendig: Mit dem IC nach Magdeburg und dann immer den hervorragend ausgeschildertem Elberadweg entlang. Reichlich Hirschtalg-Salbe soll dafür sorgen, dass mein Allerwertester während der Fahrt keinen Grund zur Klage haben würde.

Gleich zu Beginn der Reise die erste Überraschung: für einen so großen Strom fließt die Elbe erstaunlich gemächlich dahin. Fast hat man das Gefühl, an einem riesigen See entlang zu fahren. Nur wenige Schiffe stören dieses idyllische Bild. Die Elbe ist außerdem ein ungemein leiser Fluss. Nicht einmal die unzähligen Fähren haben einen Motor, sondern hängen nur an langen Drahtseilen und lassen sich durch die Strömung gemächlich ans andere Ufer treiben. Eine herrlich altmodische Art sich fortzubewegen.

Am liebsten vergessen würde ich die letzten fünf Kilometer vor Wittenberg: Industriebrachen wechseln sich ab mit entvölkerten Plattenbauten. Keine Beerdigung kann deprimierender sein. Wittenberg oder wie sie sich selbst nennt, “Lutherstadt Wittenberg”, steht ganz im Zeichen von – wen dürfte das überraschen – Martin Luther. Er begegnet einem wirklich auf Schritt und Tritt. Aber wer will das den Wittenbergern auch verübeln? Wenn man nun schon mal einen so berühmten Sohn vorweisen kann, dann muss man das Beste draus machen.

Die Altstadt ist proper saniert und wirklich schön. Es fällt schwer, sich der Geschichte zu entziehen, wenn man so hautnah an dem Ort steht, an dem der Lauf der damaligen Welt dermaßen verändert wurde. Man sieht förmlich vor sich Luther, wie er seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche schlägt - nur ist das ja so nie passiert. Egal. 

Leider konzentriert sich Wittenberg etwas zu sehr auf Luther und sein Wirken: die Nähe zur Elbe wirdkläglich missachtet. Obwohl sie nur hundert Meter vom Ortskern entfernt dahin fließt, gibt es keinen direkten Zugang. Es sei denn, man möchte Leib und Leben beim Überqueren einer Umgehungsstraße riskieren.

Da ist die Elbe in Torgau schon präsenter. Kein Wunder, haben sich dort doch Russen und Amerikaner am Ende des 2.Weltkriegs zum ersten Mal getroffen. So zumindest steht es in den Geschichtsbüchern. Ich werde jedoch aufgeklärt, dass die Soldaten beider Armeen schon zwei Tage vorher an einem anderen Abschnitt der Elbe aufeinander gestoßen sind. Mein geschichtsbeflissener Lehrmeister ist der Chef eines gemütlichen Hotels, der als besonderen Service seine radfahrenden Gäste zu einem kostenlosen Kaltgetränk und einer zweistündigen Stadtführung einlädt. Eine wirklich nette Idee! Zumal ich sonst nie erfahren hätte, dass die Amis keine Fahne dabei hatten als sie die Elbe erreichten und deshalb händeringend nach Farbe gesucht haben, um ihre Stars and Stripes auf ein Betttuch zu malen. Dies war offenbar die einzige Möglichkeit den Russen am anderen Ufer signalisieren zu können, dass sie endlich aufhören sollten unentwegt über den Fluss zu ballern.

Auf dem Weg nach Riesa habe ich so schönen Rückenwind, dass ich mich kurzerhand entschließe gleich nach Meißen durchzufahren. Das hätte ich nicht tun sollen. Denn dort wartet eine böse Überraschung auf mich: Es gibt keine freien Hotelzimmer. Ist das bisher auf meiner Fahrt nie ein Problem gewesen, so klopfe ich in Meißen vergeblich an diverse Hoteltüren. Deshalb an dieser Stelle der Rat, zu Beginn der Tour besser klären, ob irgendwelche Großveranstaltungen in Dresden und Umgebung stattfinden: Wenn sich Stars à la Robbie Williams die Ehre geben, kann es schon mal eng werden bei den Unterkünften.

Nach etlichen Telefonaten findet sich dann zum Glück doch noch EIN freies Zimmer, wenn auch eineinhalb Kilometer außerhalb der Stadt, mitten im Wald gelegen. Und - auf einem Berg. Das ist, was man nach 6 Stunden strammer Radfahrt unter sengender Sonne als krönenden Abschluss der Etappe braucht.

Nach einer ausgiebigen Dusche und in neuen Klamotten stellt sich die Stadt als eine der schönsten meiner Tour heraus. Eine traumhaft restaurierte Altstadt einer der beeindruckensten Plätze Deutschlands,  evonder Burg aus kann man einen sagenhaften Blick auf die Elbe genießen.

Am nächsten Morgen die Porzellan-Manufaktur samt Museum: Ich habe keine besondere Beziehung zu Porzellan. Im Gegenteil. Das Getue, das um diese unfassbar teuren Nippes-Figürchen gemacht wird, war mir schon immer suspekt.

Vielleicht rühren auch daher meine heimlichen Phantasien, einmal mit einem Baseballschläger einen Porzellan-Laden zur bearbeiten. Inzwischen kann ich alle Porzellan-Liebhaber beruhigen. Seit neuestem tauchen in meinen Träumen vermehrt Swarovski-Läden und Baseball-Schläger auf. Man muss halt auch in seinen (Alp)-Träumen mit der Zeit gehen. Aber – und hier sei ein lautes ABER erlaubt – das Museum der Meissen Manufaktur hat sogar mich begeistert.

Dann geht es weiter zu meiner letzten Etappe - nach Dresden. Zum ersten Mal in meinem Leben muss ich vor einer Kirche Schlange stehen, nur um dann festzustellen, dass sich Touristen in Kirchen weltweit gleich rücksichtslos und unmöglich benehmen. Am liebsten würde ich meine Mitbesucher schütteln und ihnen ganz unchristlich ins Gesicht rufen: „Das ist ein Gotteshaus, kein Picknicksaal, keine Telefonzelle und auch keine Umkleidekabine“.

Wieder raus aus der, zugegeben sehr schönen Frauenkriche, begebe ich mich auf eine Zeitreise. Aber nicht in die Vergangenheit der Bombennacht im Februar ´45. Nein, in die Zukunft. Und zwar ins Jahr 2040, wenn ca. 80% der Bevölkerung (mich eingeschlossen) älter als 70 Jahre sein werden. Hunderte Reisebusse hätten mich stutzig machen sollen, aber auf eine Rentnerschwemme dieses Ausmaßes bin ich weder mental noch körperlich vorbereitet.

Schon der Frühstückssaal meines Hotels sah aus wie der eines Altenheims. Hier im Zentrum von Dresden verstopfen abertausende rüstige Senioren die Strassen und Plätze. Und alle sehen gleich aus. ER mit Käsebeinen in Socken und Sandalen, vor dem Bauch die unvermeidliche Videokamera plus Fotoapparat. SIE mir metallic-blauen Haaren, Gesundheitsschuhen und den Wo-gibts-Kaffee-und-Kuchen-Blick. Da fallen so berühmte Sätze wie: „Mutti, stell dich mal vor den Rhododendron“.

Um wieviel beschaulicher war es doch in der ersten Radfahrerkirche Deutschlands in Weßnig gewesen. Weßnig ist kein Centurio bei Asterix, sondern ein klitzekleiner Ort kurz vor Torgau.

In der winzigen Kirche hing eine riesige Deutschlandkarte mit der Bitte, eine Nadel in den Ort zu stecken aus dem man kam. Eine famose Idee. Und damit der Küster weiß, wieviele Leute jeden Tag die Kirche besucht haben, wurde man außerdem gebeten, einen Kieselstein aus einem Korb in einen anderen zu legen. Ich war einfach nur gerührt. Welch wunderbare Menschen kommen bloß auf solch eine Idee? Eine Radfahrerkirche – einfach toll.

Ich weiß, Dresden hat wunderschöne Bauten wie die Frauenkirche und den Zwinger. In Erinnerung wird mir aber bleiben, wie deplatziert diese grandiosen Gebäude zwischen all den sozialistischen Architektur-Verbrechen wirken. So nehme ich Reißaus und setze mich an meinem letzten Tag morgens auf eines der Elbschiffe und lasse mich den ganzen Tag bis Königstein nahe der tschechischen Grenze fahren. Vom Schiff aus kann man die Sächsische Schweiz in aller Ruhe genießen. Eine unvergleichliche Landschaft voller Ruhe und Würde. Und da ich das Gefühl habe, schon auf dem Weg Richtung Böhmen und Mähren zu sein, wähle ich auf meinem iPod Smetanas Moldau und lasse mich von Schiff und Musik durch das einmalige Elbtal tragen. Ein fanstatisches Erlebnis - nur unterbrochen von der netten Bedienung: „Wohrn Sie des midder Gohla?“.

© Text und Fotos: Frank Helbig. Unser Gastautor lebt in Düsseldorf, hat beruflich ganz viel mit IT zu tun. Privat liebt er das Reisen und - wie man sieht - die Fotografie. Für Gotorio schrieb er bereits ein wunderbares Stück über Marrakesch und über eine Wanderung am Mittelrhein.

Posted on Donnerstag, August 5, 2010 by Registered CommenterGastautor in , , , , | Comments1 Comment

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Reader Comments (1)

Wenn ich nicht schon Urlaub in der Provence gebucht hätte, würde ich mich am liebsten in den nächsten Zug setzen gen Magdeburg und losradeln... Obwohl - wenn ich mir so die Wettervorsage anschaue...

August 5, 2010 | Unregistered CommenterKarin

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