« Kameha Grand Hotel, Bonn: Sex and the Rhine | Main | "Il Canto" in Siena - der süße Gesang der Innovation »

Frida Kahlo & Olafur Eliasson im Gropius-Bau: Durch Farbe schweben

Ich laufe durch Farbe. Ich stehe in Farbe. Unter mir kann ich verschwommen die Dielen des Holzboden sehen, über mir leuchtet grelleres Licht. 

Aber um mich herum: Farbe. 

Hier ist es orange, gerade noch gelb, ein paar Schritte weiter gleitet es nahtlos über ins Rot. Dahinten wird es violett, dann blau. 

(Foto: Olafur Eliasson)

Es ist einer der irrwitzigsten, faszinierendsten, nachdrücklichsten, schönsten, wundervollsten Momente, die ich je in einem Museum erlebt habe. 

“Your blind movement” heißt die Installation des Isländer Olafur Eliasson im Berliner Martin Gropius Bau: ein Raum, geflutet mit Nebel, der von oben beleuchtet wird in allen Schattierungen der Farbskala. 

Es ist ein Treppenwitz der Kultur, dass die meisten Besucher des Gropius-Baus davon nichts mitbekommen.

Denn sie wollen nicht zu Eliassons “Innen Stadt Außen” - sondern zur großen Frida-Kahlo-Retrospektive.

Eine lange Schlange war es am vergangenen Freitag in der brütenden Hitze. Drei Stunden wartete, wer nicht schon ein Ticket hatte.

Wir eilten einfach daran vorbei - zum Seiteneingang. Flott waren wir im Gebäude und auch dort ging es direkt an allen Wartenden vorbei. Denn es gibt nicht nur Online-Ticket, die den Einlass zu einer bestimmten Zeit erlauben - sondern auch Vip-Karten für 25,- Euro (Audio-Guide inklusive). Und mit denen kommt man an allen Schlangen vorbei. Wer nicht die Zeit findet, diese im Web zu kaufen, bekommt sie im Interconti-Hotel.

 Eine absolut lohnenswerte Investition - nicht nur wegen der Stressersparnis. Die Frida-Kahlo-Retrospektive ist höchst sehenswert. Selbst Menschen, die mit Kunst nicht viel anfangen können, werden beeindruckt sein von einer Biographie, wie es nur wenige in der Geschichte der Moderne gibt. Auch wenn man Kahlos Geschichte schon so oft gehört hat - immer wieder ist es unfassbar, was sie erlebt hat und erleiden musste, wie sie ihre Schmerzen in Kreativität verwandelte. Und ihre Bilder sind real noch einmal faszinierender als im schnöden Druck.

Die meisten Besucher kommen wegen der Mexikanerin und gehen wieder. Ein dicker Fehler. Denn da ist ja noch Olafur Eliasson, der vielleicht angesagteste Künstler unserer Zeit - dessen Name aber in der breiten Öffentlichkeit aber noch nicht angekommen ist. Seine Projekte schon: Die Wasserfälle in New York kennen viele.  

Niemand, der seine Ausstellung im Gropius-Bau durchschreitet, wird sie vergessen. Weil er selbst so wunderschön verspielt Teil der Kunst wird. Der Besucher steht vor einer weißen Wand, hinter ihm farbige Lampen. Und so bildet sich um seinen Schatten eine Aura. Kaum jemand, der sich nicht den Spaß macht und zum Licht-Pantomimen-Bildner wird. Sogar mit den Türrahmen spielt Eliasson: Wer am Ende eines langen Ganges steht erkennt, dass der Isländer das Museum selbst zur Kunstwerk macht. Und wie im Lichtkunstmuseum Unna werden auch in Berlin Wassertropfen im Stroboskop-Zittern zur temporären Skulptur.

Eliasson und Kahlo - zwei Künstler, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch beide so großartig, dass sich eine Reise nach Berlin bis zum 9.8. (so lang laufen beide Ausstellungen) allein schon deshalb lohnt. Wer aber in Berlin lebt oder zufällig ohnehin in der Haupstadt ist, dem ist nicht mehr zu helfen, wenn er sich in diesen Tagen den Gropius-Bau entgehen lässt.

 

PrintView Printer Friendly Version

Reader Comments

There are no comments for this journal entry. To create a new comment, use the form below.

PostPost a New Comment

Enter your information below to add a new comment.

My response is on my own website »
Author Email (optional):
Author URL (optional):
Post:
 
Some HTML allowed: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <code> <em> <i> <strike> <strong>