Unser Pfingst-Tipp: die Biennale der Lichtkunst
Zu spät. Viel zu spät sind auch wir losgefahren. Und deshalb machen Sie, liebe Leser, nicht den gleichen Fehler. Steigen Sie, so Sie in NRW wohnen, am Pfingstwochenende in Ihr Auto (oder wählen Sie bei sportlichen Ambitionen das Fahrrad) und machen eine Tour durch das nordöstliche Ruhrgebiet, namentlich durch Unna, Bergkamen, Hamm, Boenen, Fröndenberg oder Lünen.

(Foto: Stefan Müller, Courtesy: Galerie Dorothea van der Koelen, Mainz/Venedig)
Absurde Idee?
Nein - bis zum 27. Mai nicht.
So lange noch läuft die Biennale der Lichtkunst, eine Veranstaltung im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres.
Seit Ende März schon hatten wir Karten, doch erst in der vergangenen Woche waren wir erstmals unterwegs. Und ärgern uns. Weil jetzt alles so hektisch wird und wir möglichst viel sehen wollen.
Denn: Die Biennale der Lichtkunst ist eine wundervolle, ungewöhnliche Ausstellung, inhaltlich wie konzeptionell. Sie hat das Potenzial zum Höhepunkt des Kulturhauptstadt-Jahres zu werden.
Die Idee klingt schräg - und sie ist es auch. Die Licht- und Videokunstwerke stehen nicht schön gesammelt in einem Museum sondern sind untergebracht in Privatwohnungen, Arztpraxen, ja sogar einem Bestattungsinstitut.

So beginnt ein Besuch der Biennale oft mit einem merkwürdigen Gefühl. Da stehen wir vor einem Flachdach-Bungalow im Stil der 70 mit gepflegtem Garten davor am Rand von Bergkamen. Gut, da ist eines der pinken Biennale-Schilder - aber sonst? Kein Hinweis. Nur der Name der Familie auf der Klingel. Und da soll man wirklich jetzt einfach so????
Ja. Und es machen die Hausherren auf, ein nettes Ehepaar, die uns in ihr Wohnzimmer geleiten. Da hängt dann eine Kugel von Tobias Rehberger, bestrahlt von Lichtern von Olafur Eliason, dem momentan am meisten umjubelten europäischen Künstler. Wunderschön ist es, wie die einfachen Mittel Schatten eine Farbe geben.
(Foto: Stefan Müller)
Die Gastgeber verpflichten sich, ihre Häuser jeden zweiten Tag freizugeben. Die Werke in der Hälfte der Städte sind an geraden Tagen zu sehen, die andere Hälfte an ungeraden (näheres dazu auf der Biennale-Homepage).
Dann rauschen zwischen 10 und 18 Uhr die Besucher an, “am Morgen kommen die Busse”, verrät eine der Kunstausstellerinnen. Wer nicht selbst Dutzende von Malen am Tag etwas erzählen möchte, der kann einen Führer/Aufpasser bestellen. (Foto: Stefan Müller)
Doch am charmantesten und schönsten ist die Biennale der Lichtkunst immer dann, wenn die Hausherren selbst anwesend sind. Manche wirken genervt, die meisten aber begeistert davon, dass aus ganz Deutschland Menschen extra für das Werk in ihrem Partykeller in eine Gegend reisen, die touristisch eher unterdurchschnittlich interessant ist.
Das Spektrum der Werke ist breit. Es reicht von Videokunst, mit der ich persönlich meist wenig anfangen kann, über Skulpturen bis zu dem, was gemeinhin unter Lichtkunst verstanden wird. Manches ist schwer zu entziffern, manches banal, das meiste aber tief beeindruckend.
Wer gerade in der Gegend ist sollte außerdem einen Besuch im Zentrum für Internationale Lichtkunst in Unna einplanen. Es hat das Zeug eines der schönsten und spektakulärsten Museen in Nordrhein-Westfalen zu werden. Im Keller der alten Linden-Brauerei dürfen sich Künstler wie Olafur Eliason oder Rebecca Horn austoben und machen aus dem Gewölbe einen Sinnesrauch - schlicht und ergreifend sensationell.
Leider muss man hier aber auch meckern. Das Museum ist nur von 10 bis 14 Uhr während der Biennale geöffnet. Danach gibt es nur Führungen. Doch in einigen der Räume möchte man länger bleiben und nicht im Gemurmel einer Gruppe. Bitte, liebe Kulturreferenten, -dezernenten und -sekretäre: Gebt dem Zentrum das Geld für vernünftige Öffnungszeiten!
Und wo wir gerade ein wenig meckern: Die Licht-Biennale scheint wie geschaffen für eine Iphone-App mit Navigation - aber das nur nebenbei.
Ein wenig anstregender als ein Museumsbesuch ist die Biennale schon: Meist liegt das nächste Kunstwerk fünf Autominuten entfernt. Aber das macht die Sache noch spannender. Denn so wird der Weg zur Kunst zu einer Reise zum Bildungsbürgertum des nordöstlichen Ruhrgebiets.

(Foto: Stefan Müller)
Fast alle der Gastgeber haben etwas mit Kunst zu tun: Sie sammeln oder machen selber welche wie die 82-Jährige Frau Schmidt im Bild oben, in deren Keller ein Werk von Joseph Kosuth hängt - eine der beeindruckendsten Konstellationen, denen wir bisher begegnet sind.
Mehrfach führt unser Weg vorbei an verstaubten Zechensiedlungen, der Navigator (unerlässliche für die Biennale) weist uns den Weg durch Migrations-Hintergründe und Hartzsche Kulissen. Ein paar Straßen weiter werden die Rhododendren gepflegter, die Straßen verkehrsberuhigter. Mal sieht es aus, wie in “Schöner Wohnen” aus den 80ern, dann wieder stehen wir einem renovierten Altbau, den wir sofort nach Düsseldorf versetzen würden um drin zu wohnen.
Wir spazieren durch eine Variante des Ruhrgebiets, die man kaum kennt. Es ist die spießiege, die sich absetzt von der grauen Arbeitslosigkeit auf der einen Seite und dem Ringen nach Wiederaufstieg auf der anderen.
Und mit einem Mal wird klar: Eigentlich geht es der Biennale nicht darum, einzelne Werke in ungewöhnlichem Kontext zu zeigen.
Sie hat ein weiteres Ziel: Der Besucher soll begreifen, dass das Ruhrgebiet als Ganzes eigentlich ein Gesamtkunstwerk ist.
Kleiner Tipp für die Stärkung zwischendurch: Das “Flammes” in Unna serviert exzellente Flammkuchen.


Reader Comments (1)
Vielen Dank für diese gewinnbringende Anregung.