Der "Merian": ein Magazin, dem wir nicht mehr vertrauen
Mancher Verlagsmanager, mancher Chefredakteur scheint mir in diesen Tagen wie die Verkörperung der berühmten drei Affen in einer Person: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. OK, das ist unfair: Sagen tun sie schon etwas, spricht man sie auf die immer unfassbarere Vermischung von Werbung, PR und dem Anschein von Journalismus an.
Jüngstes Beispiel ist der “Merian” aus dem Jahreszeitenverlag. Was Stefan Winterbauer von Meedia da aufgestoßen ist, kann nicht oft genug erwähnt werden. Das aktuelle “Merian” ist ein Sonderheft zur Formel 1. Doch beschäftigt es sich in Sachen Teams in aller Ausführlichkeit nur mit einem: Mercedes. Chefredakteur Andreas Hallaschka spricht zwar vom Partner Mercedes, doch dem unbedarften Leser kommt das so daher, als gehe es nur um einen exklusiven Zugang für eine Geschichte. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Heft, blättert man es durch, um ein Mercedes-Benz-Kundenmagazin.
Vielleicht hat die “Süddeutsche Zeitung” den Merian ja auf diese Idee gebracht. Sie füllte im November 2006 ja ein ganzes Magazin mit einem Exklusiv-Interview - um dieses auch hübsch an Schumi-Sponsoren zu vermarkten. War das Vorgehen halbseiden, so ist das des “Merian” vollwollig. Es ist legitim für einen Konzern ein solches Heft zu machen - wenn man es kennzeichnet, und das vollumfänglich.
So aber bleibt die bittere Erkenntnis, dass man sich auf den “Merian” nicht mehr verlassen kann. Denn wo noch können sich Unternehmen einkaufen, Hotels und Restaurants vielleicht?
Sicher, das hätte man sich früher denken können. Denn die Homepage der Marke wird “präsentiert von Spiegel Online”. Was die Frage aufwirft: Hat “Merian” überhaupt noch eine Redaktion?
Der Verlag, übrigens, bezeichnet das Magazin als “stilbildend”. Im Sinne des Qualitäts-Reisejournalismus muss man wohl ausrufen: Hoffentlich nicht!
Nachtrag vom 12.3.: Wie Sie den Kommentaren entnehmen können, scheint das Vorgehen von “Merian” kein Einzelfall zu sein.
Nachtrag vom 13.3.: Was waren wir naiv. Einmal nicht googeln und schon übersieht man, dass der NDR genau das schon angeprangert hat - im Jahr 2008. Wir dürfen also festhalten: Der “Merian” ist kein Magazin, das sich neutral seine Themen aussucht. Traurig. Und somit von der Liste der relevanten Reisevorbereitungsbegleiter gestrichen.
Nach Mercedes kauft sich jetzt auch Volkswagen ein “Merian”-Heft. Wer hat noch nicht, wer will nochmal?

Reader Comments (9)
Hallo,
Schön steht auf dem Magazin, MERIAN Die Lust am Reisen. Gehe ich recht in der Annahme, daß noch nicht einmal was über die Formel Eins Destinations und den Top Hotels geschrieben steht? Mir liegt das Heft leider nicht vor.
Also bleibt es doch bei GEO Reisen in Zukunft, oder?!
Sind denn wenigstens Bilder von Paddock in Bahrain dabei? Dort sieht es weihnachtlich aus.
Conny
Bereits das letzte Heft Merian "extra" bediente sich solchen Methoden: Auf den "Traumstraßen dieser Welt", so dass Titelthema, stand zufällig auch immer ein brandneues Audi-Modell. Dafür gab es auch eine Rüge vom Presserat, dennoch scheint sich das Geschäftsmodell bewährt zu haben.
Ich grüße,
Die Merian-Mercedes-Geschichte hat mich nicht im Geringsten überrascht. Vor einigen Monaten konnte ich aus Kreisen freier Merian-Autoren erfahren, dass des öfteren ganze Hefte gekauft sind. In diesem Fall war es der Tourismus-Verband einer Redaktion, die darum "bat" man möge über die Reiseziele berichten.
Kritischer Journalismus war in keiner Weise erwünscht. Wurde etwas negatives entdeckt, so wurde eben nicht darüber geschrieben. So einfach ist das.
Auch wurde erklärt es sei kein Einzelfall, sondern im Gegenteil Programm.
Daher ist die Mercedes-Heft wahrlich keine Überraschung, sondern steht in einer langen Reihe.
Ein sehr schönes Heft, in dem auf die Kooperation mit "Partner Mercedes" ausdrücklich hingewiesen wird: vom MERIAN-Chefredakteur im Editorial. Prominenter geht's nicht - oder?
Doch ginge. Denn die "Nennung" eines "Partners" ist nicht genug um dem normalen Leser klarzumachen, dass er ein Werbe-Objekt kauft. Wohlgemerkt: kauft.
Für den Formel 1 Fan, Autonarr, Silberpfeil-Bewunderer usw. zählt doch zu Recht nur der Inhalt. Im Übrigen kaufen wir alles. Wenn nicht über den direkten Verkaufspreis, dann indirekt über Produkte und Dienste, für die geworben wird. Der Rest ist Augenauswischerei. Wer Geld für dieses Merianheft zahlt, will lesen und sehen, wofür er sich interessiert und/oder begeistert. Ganz sicher. Die Menschen sind nicht so dumm, wie viele glauben. Ich habe das Heft einer Renn-begeisterten Freundin (58) geschenkt. Ich weiß: Sie wird es erst aus ihrem Lesestapel ausmustern, wenn die Seiten sich aufzulösen beginnen. Nächstes Jahr also.
Mit diesem Argument können wir dann aber auch den Journalismus und seine Abgrenzung zur PR generell begraben.
Ja, gab es denn überhaupt jemals in Magazinen wie Geo Saison oder merian etwas, das man "kritischen Journalismus" nennen konnte? Oder sind die Artikel in solchen Magazinen nicht seit jeher Empfehlungen für bestimmte Reiseziele, Belobigungen ausgewählter Hotels und Restaurants, ja, Lobhudeleien ganzer Regionen? Stand da jemals: Fahren Sie dort oder da nicht hin, denn die gegend ist langweilig, das Hotel XY vermottet, die Stadt Soundso ein langweiliges Loch?
Insofern ist das, was merian macht, eine Art konsequenter Fortführung eines alten Prinzips zum eigenen Nutzen.
Also "MERIAN extra"-Hefte sind meines Wissens immer "gekauft". "MERIAN" ohne Zusatz nicht - obwohl es dort manchal (gekennzeichnete) Sonderwerbestrecken gibt. Also einfach immer auf den "extra"-Zusatz achten - er findet sich im Titelkopf.