Indisches Tagebuch II
Dies ist der zweite und letzte Teil unsortierter Aufzeichnungen und Beobachtungen während eines vierwöchigen Indien-Aufenthalts, der aus einer Individual-Rundreise in Rajasthan und einer 2 wöchigen Ayurveda-Kur in Kerala bestand. Den ersten Teil finden Sie hier.
Fischerdörfer & Ölsardinen (Kerala, Kovalam, immer schwülheiss und über 30 Grad)
Wenn es dunkel wird, schieben die Fischer ihre riesigen Ruderboote vom Strand. 15 Mann pro Boot fahren auf den indischen Ozean. Mit Lampen und Singen. Unfasslich. Am nächsten Morgen stehen sie Schlange und holen sich beim Ober-Fischer ihre verdienten Rupien in cash ab. Nebenan verkauft eine alte Frau frisch geschälte Ananas. Um die Idylle zu vollenden: danach flicken sie die Netze.
Archaisch schön. Schön archaisch.


Für den Rest der Zeit haben wir uns in ayurvedische Ölsardinen verwandelt. Wir lassen uns massieren und behandeln, was die indischen Hände hergeben. Außerdem wird geschlafen, gescrabbelt (ich gewinne immer noch), und gelesen. Von 7 bis halb 10 jeden Morgen liege ich auf der Yoga-Matte. Ticktackticktackticktack - ein Gleichmaß wie ein Metronom. Ich füge mich.
Wir lernen: ein Fischerboot hier an die Küste zu hieven, kostet rund 20 Mann und 15 Minuten. Aber erst, nachdem es rudernd erfolgreich durch die starke Strömung manövriert wurde, was eine absolute Kunst ist… Das hinterher gezogene Netz mit dem Fang zu bergen dauert nochmal so lange und braucht genau nochmal so viel Menschen. Eine richtige kleine Flotte dieser Ruderboote liegt am Strand. Alle, die nichts mehr zu tun haben, ruhen sich im Schatten eines Bootes aus, das Tsunami heißt. Twisted sense.
Die coolen Beach Boys hier tragen lange Klamotten: Jeans, Cargo und langes Hemd. Wer in kurzen Hosen oder mit Hüft-Tuch rumrennt, ist garantiert uncool oder ein armer Schlucker (was für die Mehrheit der Leute gilt). Verkehrte Welt.
Ich beschließe Robinson zu spielen und die Felsen auf der anderen Seite des Bucht zu erkunden. Das ist toll und der Ausblick atemberaubend. Nur mein Freitag, den ich mitgeschleppt habe, mault: zu lang, zu heiß, zu viel Sonne. Ha! So hätte ich mal bei den Tempeln maulen sollen!
Anschließend lasse ich mich mit Füßen treten - freiwillig. Und es ist fast so wirkungsvoll wie mit den Händen massiert zu werden.
Frage, die nicht beantwortet werden muss: Was passiert eigentlich, wenn einem eine Kokosnuss auf den Kopf fällt?

Salbung (Kerala, Kovalam, weiter schwülheiss)
Schließ die Augen. Du kannst jetzt nur hören, fühlen und riechen.
Du riechst Curry, Anis, Nelken, Cardamom und Muskat heraus. Alles andere, was Dir gerade in pulverisierter Forma vierhändig (!) kräftig einmassiert wird, führt Deine Nase in die Irre, weil Du so etwas noch nie gerochen hast. Nach 30 Minuten nur mit Gewürzpulver auf der Haut runter von der Pritsche.
Kurz Augen auf. Dann wird Dein Haupt gesalbt, äh, geölt und massiert.
Erst ohne, dann mit Öl. Jeder bekommt sein eigens angemischtes Öl, das dem ayurvedischen Körpertyp entspricht.
Dann wieder auf die Pritsche. Nein, nicht schauen. Nur fühlen. Jetzt wird jedes einzelne Körperteil (ja, auch jede einzelne Deiner Zehen – mit Öl und Gewürzpulver traktiert, bis Du nicht mehr weißt, ob Du auf Bauch oder Rücken liegst.
Dann Stille. Weihrauch-Duft. Der Therapeut bittet (frag nicht, welchen Gott), dass der Stirnguss gelingen und Dich dem ewigen Licht ein Stück näher bringen möge. Om Shanti.
Dann verfällst du langsam in eine unbeschreibliche Trance. Über Stirn und Kopf wird mit einem Pendel langsam warmes Öll gegossen. Hin. Her. Hin. Her. Hin. Her. Hin. Her. Alle Gedanken, die Du hattest, versinken in einem tiefen Meer aus Nichts.
Du denkst nichts mehr, hörst nur diese ungaubliche Brandung vom Meer, das zum Greifen nah ist. Im Krischna-Tempel singt ein Brahmane. Und das Öl läuft sanft über Deinen Kopf.
Müsste ich im Himmel ein Wellness-Center einrichten, wüsste ich, wie da behandelt werden würde.

An “nahrungsfreien” Tagen, die nun mal zu dem Spaßprogramm hier gehören, redet es sich besonders fein übers Essen. Diese „Nahrungsfreiheit“ wird verstärkt durch 4 Tropfen einer ayurvedischen Höllen-Tinktur, die darmreinigend und entschlackend wirkt. Bei mir Ober-Weichei führt sie zu einem mittelschweren Magen-Darm-Grippe-Anfall und zu einer halbtägigen Liegepause. Kann kaum muh sagen.
Das europäische Essen nennen die Inder „Dry Food“. Klar, alles was in unseren Gefilden an Saucen auf den Teller kommt, ist nur ein Mini-Kleckschen gegen indische Saucen. Jedes Essen ist hier irgendwie „Sauce mit was drin“. „Was drin“ reicht von Käse über Blumenkohl, Bohnen, Auberginen, Linsen, Bittergurke, Tomaten, Pilzen, Mango, Ananas bis zu Kartoffeln und Karotten. Mal scharf, mal mit Ingwer, mal als Curry. Mein „All India Favourite“ bisher: kleine, ganze Auberginen und Tomaten in Knoblauch und Kokosöl gebraten.
Damit hört dann der Spaß auch schon auf. Morgens Ananas oder Melone, manchmal eine Scheibe Toast (man soll ja jeden Tag eine kleine Sünde begehen, um die anderen Gesetze einhalten zu können, nicht wahr?). Sonst Tee oder heißes Ingwer-Wasser –ohne Limette. Kein tierisches Eiweiß, kein tierisches Fett. Kein Fleisch, selten Fisch. Nur gekochtes Essen, nix roh.
Frage von Robinson: Wieviel länger muss man auf der einsamen Insel bleiben, wenn man sich in die Küche schleicht und rohe Karotten ergaunert?

Als kleine Einstimmung auf die Rückkehr in die Zivilisation schaue ich mich vorsichtig um. Ja, es gibt hier noch andere, genau solche Kaputtniks wie uns. Insgesamt vielleicht 50 Leute, was es doch recht familiär macht (mit allen Vor- und Nachteilen). Daß das Ressort ziemlich fest in deutschsprachiger Hand ist, verstärkt das Family-Gefühl.
Außer uns hängen hier ab: zwei Bremer Pfeffersäcke, die ‘eigentlich ja in Marbella’ sind, hier aber regelmäßig dem luxuriösen Jetset-Leben entfliehen. Mit denen hat man aber richtig Spaß. Ansonsten ein altgedienter Filmarchitekt (Location, Setdesign, Ausstattung) und ein Graphikkunsthändler - mit dröhnender Bass-Stimme und zum Wegwerfen komisch.
Daneben das übliche Gemisch aus Althippie (“Also wir haben gerade unsere unsere Teestube um einen ZEN-Garten erweitert”), hypochondrischen mageren unter 30-jährigen alternativen Intellektuellen (“Also seit ich kein Milcheiweiß mehr esse, sage ich jeden Morgen ,HALLO TAG’) und richtig coolen älteren Damen und Herren, die mit dieser Kur dem Leben wirklich mehr Jahre und den Jahren mehr Leben geben wollen.
Die Gespräche beim Essen drehen sich natürlich um die körperlichen Malaisen, die einem die böse Zivilisation zugefügt hat und deren man sich nun entledigen will und ums Essen.
Frage von Robinson: Wann gibt es Kartoffelsalat mit Würstchen?
Antwort: bald.
Gotorio-Gastautorin Katja Schleicher ist als Kommunikationscoach in ganz Europa unterwegs.


Reader Comments (1)
Sehr gut geschrieben - das lesen macht echt spaß...zumal ich sowas ,soweit es die Reisekasse hergibt, auch unbedingt mal machen will.
Nur das mit dem Essen könnte eng werden - ein oder zwei Tage mag das ganze ja gut gehen,aber wenn ich nach einer Woche nicht wieder ganz normal Bratwurst mit Sauerkraut bekomme,geht bei mir so einiges den Bach unter ;-)
Beste Grüße