"Great Ocean Eco Lodge": Kuscheln mit Koalas
Kurz nach der Vorspeise kommt das erste. Die Vorhut. Es hüpft heran, schaut sich um. Gut, die Menschen sind hinter Glas.

Dann kommt das nächste, dann noch eins und noch eins und noch eins. Eine Känguruhherde, so um die 50 Tiere, grast direkt im Vorgarten der “Great Ocean Eco Lodge”, während die Gäste im Wohnzimmer das Abendessen einnehmen. Eine Glasscheibe und fünf bis zehn Meter trennen Homo Sapiens und Macropodidae. Letztere futtern, balgen sich oder schauen einfach aus Mamas Beutel.

“Sie kommen jetzt fast jeden Abend”, sagt Shayne Neal. Früher zog das Rudel jeden Tag weiter. Da war das Gelände, auf dem die Lodge steht noch Farmland wie so viele Bereiche im Naturpark Otway. Seit die Rinder nicht mehr stören finden die Känguruhs das Leben auf dem Land von Neal und seiner Lebensgefährtin Lizzie Cork viel angenehmer.
Es sind solche Momente von denen das Paar einst träumte. Im Jahr 2000 saßen sie, verliebt seit Schultagen, beisammen. Beide studierten Biologie, beide waren frustriert von den bürokratischen Strukturen der Universität. “Wir hatten ziemlich früh unsere erste Midlife-Krise”, sagt Neal. Untertreibung: Zu diesem Zeitpunkt waren die beiden 19.
Eine Flasche Wein kam ins Spiel: “Im Grunde waren wir betrunken.”
Dann die Frage: “Was würden wir in einer perfekten Welt tun wollen?”
Antwort: forschen.
Aber nicht vor sich hin sondern in Kontakt mit den Menschen. So entstand die Idee einer Forschungseinrichtung mit angeschlossenem Gästehaus. Der Plan landete in der Schublade mit dem Ziel ihn irgendwann Mitte 30 nochmal rauszukramen.
Es kam die Krise des Jahres 2000 und in Australien fielen die Landpreise. Bei einem Besuch von Neals Eltern fahre sie an einem Stück Weideland vorbei, es steht zum Verkauf. Der Preis fällt unter “einmalige Gelegenheit”. Sie schlagen zu obwohl der erste Banker, bei dem sie um Kredit bitten, ihre Idee für völlig durchgeknallt hält: “So etwas hat noch nie jemand gemacht.”

Innerhalb von vier Jahren entsteht ein Flachdachgebäude für die Gäste, ein Häuschen für die Forschung, eine Wasserfilter- und eine Solaranlage. Die “Great Ocean Eco Lodge” hält sich selbst am Leben - und andere.
Denn neben der Forschung kümmert sich das Besitzerpaar auch um verletzte oder von ihren Eltern verlassene Tiere: Kängurus, Wombats - und eben Koalas.
Und nun halten Sie, liebe Leser, sich bereit für eine akute OHHHWIESÜÜÜÜÜÜÜÜSSS-Attacke. Wir dürfen vorstellen: Olivia.
Fünf Koalas beherbergt die Lodge bei unserem Aufenthalt. Und wem diese Knopfaugen nicht das Herz wärmen, der ist für jede humane Regung verloren.
Und natürlich steht Olivia im Mittelpunkt, die kleinste und noch dunkle gefärbte. Treten Menschen am Morgen oder Abend an das kreisrunde Gehege, klettert sie hinab, stolpert zum Rand und will hochspringen weil sie nichts sehnlicher erwartet als den sonnensprossigen Zweibeiner, der ihr das Fläschchen reicht. Und kommt er dann, rennt sie auf ihn zu und klammert sich an sein Bein. “Warum kletterst Du nicht auf Bäume wie die anderen Koalas”, schmunzelt Neal. Und: “They don’t come cuter than this.”

Dann dürfen auch die Gäste mal das Fläschchen halten und ein wenig streicheln. Nein, wir dürfen keinen davon mitnehmen. Denn irgendwann müssen auch Shayne und Lizzie Abschied nehmen: Tiere, die wieder auf den Beinen sind, werden in die Wildnis entlassen. “Das ist der tollste Moment, wenn wir sehen, dass sie sich dort zurecht finden”, sagt Corke. Nur ein Koala, der komme immer wieder: “Manchmal sitzt er auf unserem Torpfosten - will wahrscheinlich immer noch das Essen auf dem Silbertablett serviert bekommen.” Und auch unter den Känguruhs sind einige, die hier wieder aufgepäppelt wurden.

Ihnen begegnen wir wieder beim Pflichtprogramm der Lodge-Gäste: einer Wanderung bei Dämmerung mit Neal und seinem wahrlich nicht kleinen, aber doch fürchterlich feigen Hund. Hier erfahren wir, warum Koalas ein Überlebensproblem haben: Es gibt sie in einigen Regionen Australiens zwar in großen Mengen - doch die Populationen sind voneinander abgeschnitten, so dass der zu kleine Genpool das Immunsystem der Tiere schwächt: Sie werden anfälliger für Krankheiten.

Oder wir hören zum ersten Mal (die Lodge ist unsere erste Australienstation) von den Flughunden, die sich einen Eukalyptus-Baum erwählen und ihn jede Nacht heimsuchen. Dann saugen sie seinen Saft bis er stirbt.
Selbst ein scheues Wombat begegnet uns auf der Tour. Stück für Stück erobert sich die Natur das Gelände der Lodge zurück, verschwindet das Weidegras, kommt die alte Vegetation wieder zum Vorschein.
“Und geht das Konzept der Lodge auf?”, fragen wir. Ja, geht es. Während die anderen Unterkünfte der Region extrem saisonabhängig sind und über das Jahr eine Auslastung von 30 bis 40 Prozent erreichen, kommt die Lodge auf über 80 Prozent. Die Forschung soll nun gestärkt werden. “Zu uns kommen im Winter zum Beispiel Hobby-Ornithologen, die froh sind, wenn wenig Menschen im Wald unterwegs sind”, erklärt Neal.
Nicht, dass es hier nur Tiere gäbe. Die Lodge liegt direkt an der Great Ocean Road, der ohne Übertreibung vielleicht schönsten Küstenstraße der Welt. Breite Strände gibt es hier, die selbst in der Hochsaison oft menschenleer sind; traumhafte Steilküsten, dann wieder moosige Heidelandschaften.
Und natürlich die “12 Apostel”. Eine spektakuläre Felsformation mit ausgiebigem Parkplatz davor. Ja, man muss sie gesehen haben. Aber man sollte auch wissen, dass sie eigentlich nicht “12 Apostel” hießen sondern “Sau mit Ferkeln”. In den 60ern aber meinte jemand, “Apostel” sei ein Name, der mehr Touristen anziehen würde.

Und die 12? Nein, sind auch keine 12. Weil Apostel in der Regel im Dutzend kommen, hat sich “12 Apostel” eingebürgert. Die Geschichte demonstriert: Australer verstehen verdammt gut, sich selbst zu vermarkten.
Surfer treffen sich in Lorne oder Apollo Bay - wobei die Örtchen, wie so viele Küstenorte im Osten Australien, alles andere als schön sind. Auch mit guten Restaurants ist die Gegend nicht so recht gesegnet.Was nicht schlimm ist, denn jeden Abend kommt ein Koch zur “Great Ocean Eco Lodge”. Wir aber waren am zweiten Abend die einzigen Gäste, es war kurz vor Weihnachten - und da sei den Gastgebern mal ein freier Abend mehr als gegönnt.

Als Alternative empfehlen wir “Chris’s at Beacon Point”. Hoch über Apollo Bay thront das Reich des senioren Griechen Chris, einem Patron vom Schlage Zorbas, dessen Team die herrliche Aussicht garniert mit exzellenter griechisch geprägter Fusion-Küche. “Modern Greek” nennt das der Australier - und Modern Greek ist extrem angesagt. Nach drei Gängen wissen wir, warum.
Zurück zur Natur: Ein paar Kilometer südlich der “Great Ocean Eco Lodge” liegt Cape Otway, ein weiteres Highlight der Region. Am zweitsüdlichsten Punkt des Kontinents steht ein alter Leuchtturm, der Wind umtost den Kopf. “Ganz schön stürmisch”, sagen wir zum Turmwärter und outen uns als blutigste Idioten: “Nein, das ist heute ein ruhiger Tag…” Irgendwo da unten, unter den Wellen liegen Schiffswracks in Großhandelsmengen.
Für Freunde der Medienhistorie steht neben dem Turm die alte Telegraphenstation. An ihr endete das 1859 gelegte, 250 Kilometer lange Untersee-Telegraphenkabel nach Tasmanien. Wer das 19. Jahrhundert nachempfinden möchte, kann das im anliegenden Gästehaus über Nacht.
Doch das sieht bei weitem nicht so komfortabel aus wie die “Great Ocean Lodge”. Wer angesichts ihrer Gründungsgeschichte Backpacker-Unterkünfte mit Schlafsack-Ambiente erwartet, liegt falsch. Die Lodge bietet fünf schlichte, schöne und komfortable Zimmer. Die Lounge mit Panorama-Blick ist prall gefüllt mit Büchern, hier lümmeln die Gäste beim Warten auf das Dinner.

Zwei Nächte nur bleiben wir - und hätten gerne länger gebucht. Wir rollen Richtung Melbourne und immer, wenn am Straßenrand ein paar Autos stehen, ihre Fahrgäste ausgestiegen und in die Bäume starrend, dann wissen wir: Da oben sind Koalas. Wir aber halten selten an, denn wir waren schon viel näher dran, allein beim Spaziergang mit Shayne.
Und - natürlich - wir hatten Olivia.


Reader Comments (2)
Was hast Du's wieder gut :)) Toller Bericht der die Lust auf Reisen weiter vergrößert...
Ganz ehrlich? Ich mag "O wie süß"-Posts. Ganz so wie "Ich mag so was nicht". Wie belieben.
Wenn Bilder von Tieren ausdrücken können, was uns Menschen behagt oder nicht, sind wir immerhin ein kleines Stück vorwärts gekommen.
Beste Grüße
emamedia