Über den Dächern von Lissabon
Die Empfehlung kam von einer Arbeitskollegin: „Ihr wollt Silvester in Lissabon verbringen? Da habe ich einen Geheimtipp für Euch!“ Die Website des Bed & Breakfast mutete vielversprechend an und da die Kosten im Vergleich zu den anderen Unterkünften in Lissabon recht moderat waren, wurde schnell die Senior-Suite gebucht - nicht, dass uns dieses Juwel noch jemand anderer vor der Nase weg schnappen würde. Schließlich hat die Casa Costa do Castelo nur vier Zimmer und eben diese eine Suite. Und außerdem gönnt man sich ja bekanntlich sonst nichts – da kann man es zum Ende des Jahres dann auch mal richtig krachen lassen.

Bei meinem Lebens- und Reisegefährten traf diese spontane und zugegebenermaßen recht einsame Entscheidung nicht auf die erhoffte Gegenliebe. Er hatte in der Zwischenzeit auch schon nach möglichen Unterkünften Ausschau gehalten und sein Urteil stand in dem Moment fest, als ich ihm mit stolzgeschwellter Brust den sagenhaften Schnäppchenpreis kundtat. „105 Euro für eine Seniorsuite in Lissabon?! Das kann nichts sein“.
Als wir dann drei Monate später mit dem Taxi vor dem Haus in der Costa do Castelo Nummer 54 – direkt unter der Burgmauer des Castelo S. Jorge – vorfahren, kommen auch mir das erste mal Zweifel, ob meine unumstößliche Zuversicht hinsichtlich dieses Geheimtipps wirklich angebracht ist.
Die Straße ist eng und die Häuser in ihr sind alt. Sehr alt. Und deshalb zum Teil nicht mehr bewohnt. Das Haus Nr. 54 ist mit den typischen portugiesischen Kacheln, den Azulejos, geschmückt. Aber etliche von ihnen haben sich im Laufe der Jahre schon von der Fassade verabschiedet.
Als wir dann den Hauseingang betreten ist meine Zuversicht endgültig dahin - im Gesicht meines Partners macht sich eine allwissende Anklage breit.
Wir stehen in einem schmucklosen, leicht verwahrlosten engen Treppenhaus mit irrsinnig steilen Holztreppen. Meine Zeit in Paris kommt mir unwillkürlich in Erinnerung, als ich von 400 DM im Monat mein Dasein fristen musste und die Erkenntnis gewann, dass es sich in der Stadt der Liebe auch gnadenlos unromantisch leben lässt.

Bevor meine Erinnerung an die Top 3 der grausigsten Schlafplätze in Paris zu lebendig werden kann, kommt uns flink João, der Hausherr der “Casa Costa do Castelo”, im Treppenhaus entgegen, sodass zumindest ich meinen Koffer nicht mehr in den vierten Stock hieven muss. Nachdem diese letzte Hürde überwunden ist, öffnet sich vor uns auf wundersame Weise ein kleines Paradies. Meine Zweifel schwinden mit jedem Schritt, den wir weiter in das Apartment vordringen. Als wir in unserer Senior Suite ankommen entspannt sich auch der Gesichtsausdruck meines Partners merklich. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Der Urlaub ist gerettet. Denn die Wettervorhersage für Lissabon ist noch dazu alles andere als ermutigend. Aber in den12 Wänden unserer Suite würden wir es auch bei Dauerregen gut aushalten.
Dauerregen gibt es dann keinen. Blauen Himmel aber auch nur selten. Damit konnten wir leider ein weiteres Highlight unserer Unterkunft nicht wirklich genießen: den terrassenförmig angelegten kleinen Garten, den man bis zur Burgmauer des Castelos über schmale schmiedeeiserne Wendeltreppen erklimmen kann. Bei Sonnenschein und warmen Temperaturen lässt es sich dort im Schatten von Zitronenbäumchen sicherlich eine Weile aushalten: in einer Hand ein Buch, in der anderen ein kühles Getränk und vor sich die Dächer und Plätze der Stadt.
Dafür nutzen wir bei weniger optimalen Wetterverhältnissen gerne das Angebot, uns von einer der alten Straßenbahnen durch die Viertel und über die Hügel fahren zu lassen. Als es einmal gar nicht zu regnen aufhören will, sind wir damit sogar an der Endstation der Linien 25 und 28 gelandet: Dem Cemitério des Prazeres. Was für Paris Père Lachaise ist für Lissabon dieser Friedhof. Und damit genau das richtige für meine österreichische Seele, die – für wenige Menschen in meinem Umfeld nachvollziehbar – eine hohe Affinität zu allem Morbiden und Vergänglichen hat und deshalb auch keinen Friedhof auslässt, der den Weg kreuzt. Sollte es bei Gotorio Leser geben, die mit ähnlichen Seelen ausgestattet sind, dann lohnt sich für diese schon alleine wegen des Friedhofs die Reise nach Lissabon.

Vergängliches findet sich in Lissabon nicht nur auf dem Cemitério, sondern ist leider allgegenwärtig. Egal, ob man sich im ältesten Stadtteil Alfama aufhält, dessen Gebäude einst das schwere Erdbeben von 1755 überstanden, jedoch heute allerorts vor sich hin verfallen.
Oder im eleganten Geschäftsviertel Chiado, wo nach einem Brand im Jahre 1988 zwar kräftig aber nicht flächendeckend saniert wurde. Romantisch verklärt würde man das, was man in Lissabon antrifft, wohl als morbiden Charme bezeichnen. Wobei die Betonung für weniger romantisch veranlagte Besucher – zumal in grauem Regenambiente – wohl öfter mal auf morbide, denn auf Charme liegen würde.
Aber – und hier bewahrheitet sich wieder der Spruch „kein Nachteil ohne Vorteil“ – in Lissabon gibt es vieles zu entdecken, das in einem perfekt sanierten Viertel keine Daseinsberechtigung mehr hätte. Wer es also immer schon bedauert hat, dass er den Prenzlauer Berg in Berlin nicht mehr erleben konnte bevor alles saniert, gehübscht und von Öko-Yuppies bevölkert wurde, der sollte sich in den nächsten Flieger nach Lissabon setzen.
Eine, die genau das vor ein paar Jahren schon gemacht hat, ist Camilla Watson, eine Fotografin aus England. Wir entdekcen Camilla auf einem der tägliche Abstiege vom “Casa Costa do Castelo” zum Praca da Figueira.
Nach dem Motto „lass uns mal eine andere Strecke nehmen“ stehen wir vor der Beco das Farinhas, einer heruntergekommen, engen und winkeligen Gasse. Obwohl am hellen Tag unterwegs, sind wir uns nicht sicher, ob wir uns durch diese Gasse durchwagen sollen. Dann sahen wir sie: großflächige Schwarz-Weiß-Fotografien von Personen, die offenbar in dieser Gasse leben. Alle zwei, drei Meter entdeckten wir ein neues Bild an den zerfallenen Häusern.
Die Abbilder sind auf Stein übertragen und per Zement an den Wänden befestigt worden. Irritiert und fasziniert durchwandern wir die Beco ohne dass uns ein Haar gekrümmt wurde. Am Ende der Gasse treffen wir auf einen riesigen schwarzen Hirtenhund - und auf Camilla Watson, die gerade im Begriff ist über Silvester zu Freunden aufs Land zu fahren. Aber für eine kurze Besichtigung ihres Ateliers ist zum Glück noch Zeit.
Dabei wird uns bestätigt, dass die Fotos an den Häuserwänden tatsächlich von Menschen sind, die seit Jahrzehnten in dieser Straße leben. In Häusern, in denen wir uns gar nicht vorstellen können, dass es dort überhaupt noch möglich ist, zu wohnen.
Mit ihrer Idee, ihre betagten Nachbarn mit dem Kunstproject „A Tribute“ zu ehren und ihnen auf so Unsterblichkeit in dieser von Vergänglichkeit gezeichneten Gegend zu geben, war Camilla im September 2009 auf dem Festival “Todos” vertreten. Tatkräftig unterstützt von Dona Violeta, Dona Margarida, Senhor Mira, Senhor Antonio und allen anderen Bewohnern der Beco das Farinhas.
Ein Stück dieses Flairs haben wir in Form von drei kleinen Steinbildern mit nach Düsseldorf genommen. Zu einem äußerst erschwinglichen Preis. Womit nun auch Liebhaber authentischer Kunst einen Grund haben, sich nach Lissabon aufzumachen.
Wir werden so schnell wohl nicht wieder nach Lissabon kommen. Aber das Casa Costa do Costelo können wir jedem empfehlen, der private Atmosphäre mehr schätzt als die von Hotels und der keine Angst hat vor Vierteln, die nicht im perfekten Oberschichtenglanz erstrahlen.
Gastautorin Karin Mlaker versorgt die Mitarbeiter der Deutschen Post DHL mit Informationen aus dem Unternehmen. Für Gotorio schrieb sie bereits über China, die Sporaden und Madeira.


Reader Comments (2)
Ein grandioser Tipp, herzlichen Dank an Gotorio und die Autorin - wir hatten eine super Woche im CC Castelo und können die Unterkunft auch nur empfehlen für Lissabon!
Es freut mich zu lesen, dass dieser Tipp auf Wohlwollen gestoßen ist. Und ich hoffe, dass Wetter war diesmal gut genug, um auch den Garten zu genießen.