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Indisches Tagebuch I

Dies sind unsortierte Aufzeichnungen und Beobachtungen während eines vierwöchigen Indien-Aufenthalts, der aus einer Individual-Rundreise in Rajasthan und einer 2 wöchigen Ayurveda-Kur in Kerala bestand.

Barfuss in Dehli (17 Grad, trüb)

Mit der Religion ist das hier ganz einfach: Ist man mit dem existenten Propheten unzufrieden, setzt man sich hin und schwupps - erfindet man einen neuen Glauben.

Das haben auch die Sikh (Turban, Bart, Dolch) vor einigen Jahrhunderten getan (eigentlich Hindus und damit brahmanischer Herkunft…), und haben sich dann hier im Norden nicht nur als grosse Krieger hervorgetan, sondern auch als große Beschützer.

Als große Helden und Beschützer haben sie nicht nur einen Tempel (der recht hübsch ist, aber nicht wirklich aufregend), und den man natürlich barfuß betritt (macht ja nichts, ist ja drinnen), sondern auch eine immerwährende Speisung für alle Kasten (da sitzen immer mindestens 100 Leute und lassen sich verköstigen), die hinter dem Tempel angelegt ist und in der ca. 30 Freiwillige Nan-Brot backen, Linsencurry zubereiten und Essen verteilen. Muss ich erwähnen, dass alle auf dem Boden sitzen beim Essen? Und natürlich unter freiem Himmel?

Die größte Moschee Indiens (sehr weitläufig und ästhetisch, aber nichts gegen Cordoba…) sollte die leichtere Übung sein, denkt man - auf das Schuhe ausziehen war ich ja vorbereitet. Nicht aber darauf, daß es eine reine Freiluftmoschee ist. Und so kam es, dass ich den großen Teil des ersten ganzen Indien-Tages im wahrsten Sinne des Wortes mit beiden Füßen auf der Erde verbracht habe - und werde sie jetzt einer ziemlich kräftigen rituellen Waschung unterziehen…

Brahma, lass Hornhaut an meine Füße und Hygiene in dieses Land einziehen…

Plusminus (Dehli und Kota, 20 Grad, trüb)

Wenn man zwei komplett andere Welten wie mit einer Software übereinanderlegt kommt ,glaube ich, Indien raus. Dass die krassesten Gegensätze soooo eng beieinanderliegen können, ist schier nicht begreiflich.

Der schnieke pomadisierte Nadelstreifen-Banker (mit Schuhen so sauber, wie ich es nicht einmal in mitteleuropäischen Verhältnissen schaffe), steht 2 Meter neben einer absolut verkümmerten Gestalt, die sich mitten auf der Straße einseifen und die Haare waschen läßt und sich nachher mit dem übelsten Wasser alles abspült.

Die Kühe (die eh Chef im Straßenverkehr sind) gucken dem dicken Mercedes in die Scheiben, in der ersten Klasse im Zug geht es so gesittet zu wie in Europa (inklusive für Zug-Verhältnisse sauberer Toiletten wahlweise “eastern style” oder “western style”). In der zweiten Klasse sitzen sie dagegen in drei Reihen übereinander - Menschen und Haustiere. Und der Bahnhofskiosk-Typ verkauft nur durchs Fenster, weil es so voll ist.

Der be-ray-bante dickbäuchige Goldhändler hat vor seinem Laden drei zerlumpte Gestalten, die dem Tod näher zu sein scheinen als dem Leben.

Die Bahnhöfe sind fast sauber zu nennen, die Züge sind zu 80 Prozent pünktlich, und auf dem Markt nebenan herrscht ein Lärm und ein Chaos, dass man es nur eine Stunde aushält und sich nicht vorstellen kann, wie das alles funktionieren soll.

Muss ich erwähnen, dass im Straßenverkehr der gewinnt, der am lautesten hupt? Und am coolsten ist hier der, der eine Honda Hero fährt (so ein 250ccm-Gefährt hat hier jeder zweite Halbwüchsige, natürlich auf Hochglanz poliert). Honda muss hier den Deal seines Lebens gemacht haben.

PS:

Haben beim Bäcker den besten Zwieback gekauft, den ich je gegessen habe, für kein Geld, aber um den Preis einer Hundertschaft von kleinen indischen Rotzlöffeln am Rockzipfel, die uns hinterher gezogen sind (mit blond und Locken halten die dich hier für ne Erscheinung oder nen Marsmenschen). Ich plädiere für Marsmensch.

Mammon & Henna (Bundi, 27 Grad, Sonne)

Natürlich lassen wir uns hier ordentlich abzocken. Ausländer! Nix Hindu sprechen!! Blond! Ha! Gefundenes Fressen für gewieften Hindu.

Der Bäckertyp war heute schon nicht mehr an seinem Stand. Wahrscheinlich hat er den Zwieback-Deal seines Lebens gestern mit uns mit einer Party bis zum Morgengrauen gefeiert.

Ich finde das großartig, Yoga-Freundin Ulrike ärgert sich schwarz und investigiert gerade Preise. Das erste Kaschmirpulloverundseidensaripreisdesaster konnten wir so noch abwenden, aber U. hat schon gedroht, ihre große Preisverhandlungsstunde würde schon noch schlagen! Ja, das hoffe ich. Ich finde es immer toll, wenn andere sich um die Finanzen kümmern. Auch in den Palästen zahlen Ausländer fünfmal so viel Eintritt wie Einheimische - rund einen Euro.

Alles übrigens ziemlich abgeblätterte Pracht. Aber wenn man ganz genau hinsieht und hört, ahnt man vom Ferne, wie bunt es mal gewesen sein muss und warum so viele Europäer hier klebengeblieben sind.

Muss ich noch erwähnen, dass meine Haut viel zu hell ist, damit Henna rot darauf aussieht? Aber ich musste es probieren, sonst hätte ich nie erfahren, wie sich dieses möhrige Gelbrot an meinem rechten Mittelfinger macht. Ob ich von weiteren Experimenten dieser Art ganz absehen kann, weiss ich noch nicht, aber die Chancen für Vernunft stehen gut.

PS:

Es gibt ein Kino in diesem Provinznest. Ein ziemlich großes sogar. Und das Programm ist sensationell! Man gibt einen Bollywood-Soft-Porno mit dem Namen “Dangerous Dance”.

Spices & Sins (Udaipur, Sonne, max. 20 Grad)

Meine Geschmacksnerven werden auf überraschende Proben gestellt in diesem Land. Dass scharf und ich nicht gut harmonieren (beim Essen), habe ich relativ schnell begreiflich machen können. Aber trotzdem sind die Kombinationen schier unendlich (Muskat-Kartoffeln mit Spinat ist ziemlich extravagant, Huhn mit Kardamom auch). Und was man mit Tomaten alles anstellen kann, eröffnet ungeahnte Perspektiven.

Restaurants zu finden, die halbwegs europäischen Hygiene-Standards entsprechen und andererseits nicht immer in irgendwelchen Hotels sind, bedarf dagegen einer echten Schnüffelnase und Fragen mit Händen und Füssen.

Bisher klappt das ganz gut, und man hat uns auch versichert, in diesem Land müsse niemand verhungern. Glaube ich aufs Wort, denn zu essen gibt es an jeder Straßenecke dreifach (leider nicht für mitteleuropäische Schwachmägen) und für fast kein Geld.

Muss ich erwähnen, dass sich alle Genuss-Sünden fast wie von selbst erledigen? Champagner gibt es keinen (oder nur unbezahlbar), Zigaretten auch nicht, Wein ist ungenießbar, Kaffee auch. Seit 2 Tagen nicht mal mehr Cola. Bleiben also noch Tee (momentan darf es noch schwarzer sein, dann wird auf Kräuter umgestellt) und Wasser. Ab morgen werden wir voll auf Gemüse umsteigen und selbst dem letzten Hühnerfuß adieu sagen.

PS:

Ich vermisse, meine Nase überall reinstecken zu können. Ohne Fahrer geht man (oder Frau) hier nirgendwo hin - man wüsste euch nicht wirklich, wo. Zentrum? Kaffeehaus? Marktplatz? Fehlanzeige. Dafür 1km Mopedstau auf der Dorfstraße…

Bond-Girl in Action (Udaipur, sonnig, 20 Grad)

Mission: Bond-Drehort “Octopussy” checken. Foto-Dokumentation. At least 5 o’clock tea at the terrace.

Zu erwartende Hindernisse: Concierges, Kellner, Möchtegern-Bonds. Nach dem ersten Wodka Martini umzukippen.

Hilfestellungen: Keine. Q indisponiert. M schlecht gelaunt.

Mission accomplished.

Fehlt jetzt nur noch jemand, dem ich “Oh, James” ins Ohr hauchen kann.

Wir beschließen, dass ich in unserem Bond-Drehbuch zwar Bond kriege, aber nach 20 Minuten eines heroischen Todes sterbe (Gift).

PS: Eines ist jetzt schon sicher. Rundreisen sind nicht mein Ding. Diese ewige Fahrerei. Was man da hätte alles lesen können in der Zwischenzeit.

Muskat und andere Drogen (Jodpur, 23 Grad, Sonne)

Ein Wetter wie an einem Septembermorgen bei uns: crisp, clear, sonnig. Himmel dunkelblau.

Es gibt sie doch, die wirklich beindruckenden Steine. Ein Jaid-Tempel (ja, eine von unzähligen Hindu-Richtungen.) Riesig, marmorn, offen an allen Seiten. Im englischen sagt man ‘airy’. Den Pilgern gibt man folgenden Tip, nach den Primzahlen um die Gottheit zu wandeln:

1x - weil es nur einen Gott gibt

3x - weil Brahma, Vishnu und Shiva seine Inkarnationen sind

5x - weil wir aus den 5 Elementen gemacht sind

7x- weil die Woche 7 Tage hat

Ja, das Menschen immer präzise Anweisungen brauchen, um ihren Weg zu finden - selbst beim Götzendienst. Was passiert, wenn da jemand 25 mal rumwandert? Voller Inbrunst? Ex-Hinduisierung?

Es ist zu erwähnen, dass wir nun doch eine Art indischen Viktualienmarkt gefunden haben. Hier ist die ganze Altstadt ein solcher. Großartig.

Muskat bleibt auch hier das Maß der Dinge und riecht so intensiv (sogar durch allen Benzingestank, den die Mopeds verbreiten). Und kostet fast nichts. Und körbeweise frischer Koriander…

PS:

Opium wird hier nicht geraucht, sondern in Wasser gelöst und dann aus der Hand des Gastgebers getrunken. Dreimal. Uns fehlt nur gerade irgendwie der Gastgeber, um in Versuchung zu kommen.

Die Götter müssen verrückt sein (Jaisalmeer, 25 Grad, sehr sonnig)

Die Götter müssen verrückt sein. Definitiv. Sonst würden sie es ja so einrichten, dass geistige Normalos wie ich in diesem Wirrwarr durchblicken.

Der Vater des Ganzen ist Brahma, der Schöpfer - Hüter allen Geistes, des Intellekts und Schöpfer der Welt. Da die Welt ja aber nun fertig ist (Beschwerden nimmt Brahma, soviel ich weiß, eh keine entgegen), hat der nix mehr zu tun und auch nix mehr zu sagen. No Message, no Job. That’s business, isn’t it?

Also teilen sich die wirkliche Arbeit Vishnu, der Bewahrer und Shiva, der Zerstörer (und Vorbereiter der Wiedergeburt, tata!). Jeder der beiden Spezln hat ungefähr 20 Re-Inkarnationen, die quasi bei der Bewältigung des täglichen Gebets- und Arbeits-Aufkommens helfen. Da sind dann neben vielen coolen Gestalten auch so spinnerte Mutanten dabei wie Krishna, die neunte Reinkarnation Vishnus, der irgendwie immer nur das Kamasutra rauf und runter übt und ansonsten auf den Weltschmerz pfeift. Wird auf jedem Bild blau dargestellt (sex-müde? betrunken? Wer weiß schon, was in den Göttern vorgeht?)

Jede der 4 Haupt-Kasten hat dann wieder noch eigene Propheten und Reinkarnationen: Sikh (Krieger) und Jain(Kaufleute) hatten wir schon. Wer weiß, welche der 130.000 (!) verschiedenen Hindu-Gottheiten hinter der nächsten Ecke lauert. Geopfert wird ihnen nur während der Zeit zwischen Neumond und Vollmond (für Ausnahmeregelungen konsultieren Sie bitte Ihren lokalen Brahmanen).

Muss ich erwähnen, dass ich in diesem winzig kleinen Moment, wo keiner dieser 130.000 Götter über mich gewacht hat, meinen Handy-Adapter im Hotel habe liegen lassen? Ja, weil soviel Unachtsamkeit echt publiziert gehört. Ok, drei Ehren-Runden um den Tempel - ich gelobe Besserung. Und siehe da - die Götter sind gnädig. Denn selbst hier, im wahrsten Sinnes des Wortes am Rande der Wüste, gibt es so viele Mobilfunkläden, dass ich ohne Mühe einen neuen Charger (2 Euro) bekomme. Zwischen Kuhfladen, Kindern und Kichererbsen.

PS:

Die Sichel des zunehmenden Mondes liegt hier, unter diesem Himmel auf dem Rücken. Die denken hier bestimmt, dass der Mann im Mond immer nur daliegt und vor sich hin träumt. Wenn die wüßten, dass die Mitteleuropäer glauben, dass der die ganze Zeit auf der Sichel sitzt und schaukelt.

Sheherezade (Jaisalmer, 27 Grad, volle Sonne)

Wenn meine literarischen Quellen nicht lügen, lassen sich die wahren Ursprünge der Geschichten aus 1001 Nacht, die die Sheherezade erzählt, nicht genau lokalisieren… Indisch oder persisch sollen sie sein, sagt man, die Araber hätten aber auch gern ihren Teil ab. Vielleicht ist es nur meine Phantasie, aber das hier scheint mir ein brillianter Platz zu sein, wo diese Geschichten ihren Anfang genommen haben könnten.

Nah genug an der westlichen Grenze des Nahen Ostens, um persisch zu wirken (die Grenze zu Pakistan ist nur 60km westlich), prächtig genug, um den Palast und die (architektonisch sehr schönen und aufwendig verzierten) Kaufmannshäuser zu rechtfertigen (heißen Hawelis und zeigen das erste Mal so eine Art existentes Bürgertum in Rajasthan). An der Kreuzung zweier wichtiger Karawanenstraßen nach Indien und Irak/ Iran hinein. Indisch genug, um die spezielle Art der Märchen zu rechtfertigen. Ach ja, und romantisch genug natürlich, denn wer erzählt schon aus Berechnung freiwillig irgendwem Geschichten? Und sei er auch ein Maharadja. Da braucht es schon eine romantische Veranlagung.

Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass auch in Sheherzade-City die Neuzeit Einzug gehalten hat: Heute war öffentlicher Impftag, Kinder-Schluckimpfung gegen Polio und Diphterie. Und das geht so: Man hängt an mehrere strategisch wichtige Punkte in der Stadt Transparente auf, dass da geimpft wird. An eine taktisch kluge Stelle dieses Platzes (sprich: an eine sonnige, denn für die Inder ist Winter und die frieren alle ziemlich bei 20 Grad und geniessen jeden Sonnenstrahl) setzt man einen Typen mit einer Art Kühlbox, in der das Impfmittel ist. Vom Baby bis zum Schulkind kommt dann alles mit Mama oder Papa vorbeigeschlendert, was noch nicht geimpft ist. Kindermund auf, Tropfen rein, Kindermund zu, Mama und Papa halten noch einen Schwatz mit dem Gesundheitsmann, Kind bekommt einen kleinen schwarzen Strich auf den kleinen Finger als “Impf-Ausweis” und das war es auch schon. Drollig.

PS:

So langsam verschwinden die Falten. Und ich bekomme richtig Farbe.

Berber (Jaisalmeer, 27 Grad in der Sonne)

Ich sitze also auf einem Kamel.

Das sieht noch bescheuerter aus, als es sich anhört (Fotodokumente sind vernichtet). Aber für eine Nacht in der Wüste unter freiem Himmel mache ich mich gern lächerlich. Die Sonne färbt den Sand solange rot, bis nur noch violette Schatten über den Dünen liegen. Es gibt Brot, Linsen und Lagerfeuer - aber kein Bier. Und so viele Sterne am Firmament, dass weder Worte noch Zahlen ausreichen.

Natürlich macht Opium die Runde. Aber ich bin im Grunde meines Herzens eben doch eine langweilig konservative, zickige und wahrscheinlich auch noch bornierte Mitteleuropäerin, die manchmal nicht über ihren Schatten springen kann.

Nach der 7. oder 8. Sternschnuppe höre ich auf zu zählen. So viele Wünsche habe ich gar nicht. Wenn nur einige wenige, die ich geflüstert habe, in Erfüllung gehen, reicht mein Lächeln bis ans Ende meiner Tage. Mit der ersten Sonne beobachte ich die Guides beim Turban-Wickeln. Alle Inder haben rote oder orangefarbene Turbane und weißes Gewand. Nur einer trägt schwarz, auch beim Turban. Ein Berber, vermutlich aus dem Atlas importiert. Mit außergewöhnlich blauen Augen. Zu blau, um meine Gedanken in der Wüste zu lassen.

Muss ich erwähnen, dass ich noch nie in einer Nacht so gefroren habe? Es ist einfach bitterkalt.

PS:

Der Vagabund in mir genießt es sichtlich, sich leicht verlottern zu lassen. Meine konservative “Lady-Fraktion” dagegen wünscht sich sehnlichst gestylt, gedressed und sonnen-bebrillt auf eine römische Piazza (vielleicht Trastevere oder irgendwo am Aventin), Espresso und Prosecco trinken und die Gazzetto dello sport lesen.

Hinduistisches Match-Making (Bikaner, 25 Grad, sonnig)

Alles, was weiblich, zwischen 21 und 25 ist und in 2008 unter die Haube soll, tut das besser im Monat Februar. Denn da – wie wir lernen- stehen Mond und Venus in günstiger Konstellation und es wird geheiratet, was das Zeug hält.

Bevor man nun aber den von Mama und Papa arrangierten Bund (90 Prozent aller Ehen in Indien werden gestiftet) schließt, sind wichtige Dinge zu klären. Der (Un-)Glückliche sei bitteschön aus der eigenen Kaste (oder höher), das weibliche Objekt der Begierde bringe eine verhandelbare, aber ausreichende Mitgift mit (ich glaube, Kamele werden als Währung nicht mehr akzeptiert). Und beide Familien haben sich mit einem ordentlichen Kredit belastet – denn fürs Heiraten legt der Inder richtig Geld auf den fliegenden Teppich.

Ganz wichtig: Die richtige Religion und das Ehe-Horoskop, das der lokale Brahmane erstellt: 36 Aspekte hat er auf seiner Matchmaking-Liste stehen, mindestens 20 davon müssen übereinstimmen, bevor die Heirat gut gegeben wird. Green Card für die USA oder UK Working permit gelten als Goodie, sind aber nicht Bedingung. Na, da kann man ja froh sein.

Wir wohnen im Palast des aktuellen Maharadscha von Bikaner (süße 20), der einen Teil seiner noblen Hütte in ein Hotel umgewandelt hat (ja ja, die Unterhaltskosten) – und dort findet eine dieser Riesenhochzeiten statt.

Der Sohn des lokalen Bau- und Immobilien-Löwen heiratet. Unser Guide war sein Englisch-Lehrer und also sind wir gleich mit eingemeindet in eine indische Hochzeitsgesellschaft von 2.000 (!) Gästen.

Muss ich erwähnen, dass Bollywood Kindergarten dagegen ist, und dass die Hälfte der Jungs doch lieber in der Lederjacke aufläuft statt im traditionellen Gewand?

PS:

Ich trete in Tempelstreik. Kann keinen mehre sehen. Dafür werden die Paläste immer schöner und vor allem besser erhalten. Man muss Prioritäten setzen.

Stadt und Land (Mandawa/ Jaipur 27 Grad, sehr sonnig)

Manches architektonische Juwel wird wohl bald das sandige Wüsten-Ende ereilen, wenn die Unesco oder ein potenter Finanzier nicht bald eingreift.

In Mandawa streicht durch unglaubliche architektonische Wunder-Paläste der Wüstenwind, weil keiner sie erhalten kann oder einfach ein paar Heritage-Hotels daraus macht.

Jaipur dagegen zeigt, dass Indien ein Riesen-Player im Weltmarkt wird: 2 Millionen Inder, die alle was verkaufen wollen, bevorzugt uns Hellhäutigen. Ohne Guide und Guard in der Altstadt unterwegs. So habe ich es mir vorgestellt. Alles geht durcheinander. Alles geht und will vorwärts, ganz egal, wo vorn ist. Hier wird sich Zukunft entscheiden.

PS:

Ich habe fast 2 Wochen meine Nase reingesteckt – jetzt bin ich mir sicher: Indien riecht in Stadt und Land nach vier Dingen: Kuhscheiße, Männerpisse, Moped-Abgase und Frittenfett. Echt.

Bollywood trifft Hollywood (Jaipur, sonnig und heiss, 30 Grad)

Der Saal eines durchschnittlichen indischen Großstadt-Kinos fasst 1.000 Plätze, die großen Säle sogar 2.500 Menschen. Es gibt Popcorn und Cola und ein ganz großes Spektakel: Kino ist hier wie Theater. Szenen-Applaus, Mitsingen, Pfiffe - alles an der Tagesordnung.

Das filmische Rezept ist simpel, aber wirkungsvoll: man nehme eine halbseidene Story (die aber eigentlich nicht wirklich von Belang ist), mixe Indie-Pop mit HipHop, stelle einige männliche und weibliche Sahneschnitten vor die Kamera, mische die unglaublichsten Geräusch-Effekte und seichte Dialoge hinein und fertig ist der Bollywood-Blockbuster. Der, den wir sehen, heisst: “Sunday. What if a day in your life is missing”. Regel Nr. 1 dabei: nicht alles so wichtig zu nehmen, vor allem nicht sich selbst. Es muss einfach gesagt werden: Bollywood ist ganz großes Kino. Spitzen-Entertainment.

Abhängen und Rumhocken (Agra, diesig, 28 Grad)

Der Terminus “sich zusammen hocken” bekommt in Indien eine ganz neue

Bedeutung: Die Hocke (lat. seriosus hockus popo) ist des gewohnen Inders Lieblingshaltung. Dazu stellt er seine Füße leicht geöffnet und leicht nach außen gedreht auf den Boden und lässt den Po einfach nach unten sacken. Die Fersen bleiben dabei wohlgemerkt auf dem Boden. Der Yogi in mir verneigt sich tief vor Ehrfurcht. Ich komme nicht einmal in diese Haltung, die indischen Kollegen dagegen scheinen alles in dieser Haltung zu tun: Zeitung lesen, Tee trinken, Brot backen, Gemüse verkaufen.

Frauen hocken übrigens genauso gern. Und genauso lange. Und auch in der Gruppe. Sehen nur farbenfroher dabei aus.

Es muß unbedingt erwähnt werden, dass diese Übung nur zur gaaanz vorsichtigen Nachahmung empfohlen ist und nur nach Aufwärmen.

PS:

Weil wir das mit dem Rumhocken ja nicht gebacken kriegen, entscheiden wir uns für Abhängen. Am Pool. Liegend.

Yoga-Lügen und Götter-Wahrheit (Agra/Dehli, schwülwarm, dunstig, 27 Grad)

Ich bekenne: ich hätte den Mythos des Taj Mahal gern als Kitsch abgetan.

Doch es ist genauso schön und erhaben und schwebend, wie es auf Bildern aussieht. Reinweisser Marmor und die aufgehende unschuldig rosafarbene Sonne lassen es fast filigran wirken.

Muss ich erwähnen, dass im Ursprungsland des Yoga kein Eingeborener Yoga macht? Matte, Sonnengruß und Mantra sind nur für zivilisationsverseuchte Amis und Europäer. Kein Inder kennt irgendeinen Yoga-Guru oder geht in einen Ashram. Nun ja. Das Gute an Ent-Täuschungen ist, das die Täuschung vorbei ist. Hier wie im richtigen Leben.

PS:

Auf Nachfrage kam noch etwas Wichtiges für das richtige Leben zu Tage: Shiva ist kein zerstörender Gott. Er ist der Gott der VERÄNDERUNG (die manchmal mit Zerstörung einhergehen muss, um Veränderung zu ermöglichen). Wir verändern uns jetzt mal in Richtung Tropen und schauen statt nach außen in uns hinein.

Gotorio-Gastautorin Katja Schleicher ist als Kommunikationscoach in ganz Europa unterwegs. Der zweite Teil ihrer Indien-Tagebücher folgt in den kommenden Tagen.


Posted on Mittwoch, Februar 24, 2010 by Registered CommenterGastautor in , , , , , , | Comments3 Comments

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Reader Comments (3)

Viel Unsinn, aber okay für den typischen Touri. Gut amüsiert habe ich mich über folgende Aussage "Muss ich erwähnen, dass im Ursprungsland des Yoga kein Eingeborener Yoga macht?" Ja, klar. Dann mal ab in die Parks um 06 Uhr morgens. Was machen die "Eingeborenen" denn da? Etwa Yoga? Nein, kann ja nicht sein... What ever, ein weiterer belangloser Bericht über Indien.

Readers comment to the readers comment:

Na dann: in die Tasten gegriffen und einen Bericht über Indien geschrieben, der nicht belanglos ist. This is YOUR opportunity!!

In gespannter Erwartung....

März 2, 2010 | Unregistered CommenterKarin

das überlasse ich den leuten, die es besser koennen - es gibt genug gut geschriebene buecher ueber indien. ach ja, noch ein punkt: die hocke. schauen sie sich mal das neue indien (malls, restaurants, clubs etc.) an, sie werden keinen inder sehen, der "hockt".

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