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"Chi Sing", Berlin: Hurra, Huê

In Vietnam haben wir einmal schlecht gegessen. Nur einmal während unserer Reise quer durch das Land im Jahr 2004. Von Hà Nội bis Saigon – das heute den viel weniger schönen Namen Ho-Chi-Min-City hat.

Das schlechte Essen gab es in der Mitte. In Huê, der Kaiserstadt. Unter der Nguyễn-Dynastie bis 1945 Hauptstadt des Landes.

Wunderschön sollte es in Huê sein. Hier wollten wir uns ausführlich die der „verbotenen Stadt“ nachempfundene Zitadelle ansehen, die Tien Mu-Pagode, die Kaisergräber und eine Fahrt über den Parfümfluss hatten wir uns romantisch vorgestellt. Lonley Planet und Kollegen versprachen viel von der Stadt, es klang nach einem pittoresken Ort mit viel Geschichte.

Doch der Tag an dem wir dort waren war ein denkbar schlechter. Der Parfümfluss war weit über seine Ufer getreten und glich einem Schlamm-Moloch. Es regnete, als hätte im Himmel jemand mal sehen wollen, ob eine zweite Sintflut eine gute Idee sei.

Unser Hotel, das “Century Riverside” (übrigens auch unser einzig schlechtes Hotel in Vietnam - soll inzwischen aber renoviert worden sein) lag direkt am Fluss und das bräunliche Wasser färbte den Rasen des Gartens schon deutlich schmodderig. Das Zimmer in dem wir zwei Nächte wohnen sollten strahlte den Charme von Erich Honeckers Vorzimmer aus.

Nein, Huê  hatten wir uns ganz anders vorgestellt.

Mit unserem deutschsprachigen Guide, der wie viele seiner Landsleute in der DDR gearbeitet hatte, besichtigten wir die Zitadelle. Den Rasen zu betreten war gefährlich, da durch die Wassermengen durchaus Tretmienen an die Oberfläche gekommen sein könnten. Ja, so ein Unwetter habe er schon vor drei Jahren hier erlebt, die Stadt wäre eine Woche nicht mehr zu erreichen gewesen, der Wolkenpass (der Pass über den wir in zwei Tagen weiter Richtung Süden fahren sollten) war unpassierbar gewesen. Aber diesmal sei es nicht so schlimm. „Nein, machen sie sich keine Sorgen.“

Sprachs und brachte uns erst einmal zu einem Restaurant in dem bereits reserviert sei. Er hole uns in 1 ½ Stunden wieder ab. Heute weiß ich nicht welcher Teufel uns geritten hat, dass wir uns dort haben absetzen lassen – in der Regel suchen wir uns die Plätze an den wir essen wollen doch selbst aus – aber irgendwie war die Stimmung ob der ganzen äußeren Umstände mies und wir wollten ins Trockene, aber bitte nicht zu Erich – und so landeten wir in einer richtigen schlimmen Touristenfalle (an deren Name wir uns nicht mehr erinnern und Sie deshalb nicht konkreter davor warnen können).

Auf sechs Etagen gab es Speisezimmer, in denen Reisegruppen saßen und abgefertigt wurden. Wir waren zwar nur zu zweit, aber die Abfertigung nahm ihren Lauf. Eine gruselige Suppe, die mehr nach Wasser schmeckte als nach sonst was, ein zähes, nach Fertigküche schmeckendes Huhn – nein, Appetit hatten wir schnell nicht mehr. Wir wollten nur noch eines weg und schon gar nicht hier für Tage festsitzen. Zum Glück wie sich am nächsten Tag in einem wunderschönen Strandhotel in Hoi-An herausstellte, dem “Victoria Hoi-An Beach”. In den Nachrichten wurde von schrecklichen Unwettern und Überschwemmungen in Huê berichtet, ein Verlassen der Stadt wäre nicht möglich gewesen.

Schade, das Huê sich uns nicht von seiner schönen Seite gezeigt hat. Eines ist nämlich gewiss: Neben den vielen Sehenswürdigkeiten bietet Huê eine sensationelle Küche. Die haben wir allerdings ganz wo anders kennen gelernt. Da, wo es die meisten Vietnamesischen Restaurants in Deutschland gibt – in Berlin-Mitte. Auf dem Weg zu dem von uns sehr geschätzten “Monsieur Vuong” kamen wir in der Rosenthaler Straße am Chi Sing vorbei.

“Huê inspirierte Küche” steht an dem sehr cool eingerichteten Restaurant. In kühlem grau die Wände und die Stühle eine Art papiererner Origami-Röckchen hängt leicht verspielt aber keinesfalls kitschig-üppig als Dekoration von der Decke und bricht die sonst recht strenge Form auf. Zurückhaltende asiatische Accessoires, hauchen die nötige Prise Mittelvietnam ein.

Es ist schon drei, die Berliner haben ihr Mittagessen längst hinter sich, doch trotz nahezu gähnender Leere zieht es uns hinein zu Chi, der „Schwester Sing“. Der Bruder von Sing, Si An Troung, ist, wie sich später herausstellt nicht neu in der vietnamesischen Gastroszene Berlins. Der einstige Geschäftsführer des “Monsieur Vuong” eröffnete bereits 2006 sein bei Hollywoodschauspielern sehr beliebtes Restaurant „Si An“ am Prenzlauer Berg. 

Im Chi Sing liegt die offene Küche im hinteren Teil des Restaurants hinter einer goldenen Wand. Und das was dort herauskommt ist ganz wunderbar. Hier gibt es das, was uns in der Heimat der Gastgeber verborgen blieb. Hochwertige, frische, Produkte. Vielfältige, erfrischende und dabei leichte Gerichte. Wunderbar fein abgestimmte Gewürze und überraschende Kompositionen.

Statt Wein bestelle ich einen Chrisanthemen Tee, dessen Blüte sich sanft öffnet und der durch das enthaltene Süßholz ein wunderbar leicht zuckrige Note erhält. Dann kommt ein Goi Thanh Tra, zu Deutsch: Erfrischender Pomelosalat mit Wasserselerie, gerösteten Zwiebeln und zartem Tofu, abgeschmeckt mit Limetten-Ingwer-Dressing. Er schmeckt köstlich, ist wie es die Karte verspricht erfrischend, der Ingwer hält sich im Hintergrund, rundet das ganze aber sehr fein ab.

Das schottische Lachsfilet in Bananenblatt gegrillt mit Limettenblättern, Zitronengras und Koriander in Kokoscreme gibt es eigentlich mit Kokosreis und Salat. Da ich den Reis nicht möchte, bekomme ich ganz selbstverständlich eine doppelte Salatmenge. Der Lachs ist nachdem es aus dem Blatt gepult ist ein wahrer Genuss. Wunderbar zart und saftig schmeckt er, zusammen mit der Kokoscreme und den Gewürzen eine echte Geschmacksentdeckung.

Eines ist sicher, beim nächsten mal Berlin geht es wieder nach Vietnam und bestimmt ins “Chi Sing”. Das Restaurant, das uns mit Hue versöhnte.

Chi Sing
Rosenthaler Straße 62
Berlin
030 - 200 89 284 

Posted on Freitag, Februar 12, 2010 by Registered CommenterNicola Knüwer in , , , , , , , | Comments1 Comment

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Reader Comments (1)

danke für die ausführlichste beschreibung - das kommt auf die berlin-dining-liste. es gibt zu viele "asiatische" restaurants und zu wenig gute vietnamesische, chinesische, jap. etc restaurants in deutschland!

Februar 22, 2010 | Unregistered CommenterThomas Christopher

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