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Weihnachten in Hongkong: Lost in Christlation

Der letzte Blick von der Rolltreppe nach unten. Ein einsamer Bediensteter steht in der gekachelten Halle, die Bahn, die Hongkongs-Flughafen-Terminals verbindet, fährt ab. Er wirkt einsam. „We whish you a merry christmas“ wird von den kahlen Wänden zurückgeworfen, gedudelt in einer Version, die an jugendliche Bontempi-Versuche erinnert.

Bill-Murray-Feeling.

Lost in Translation.

So wie es dort um das Gefühl geht, sich verloren zu fühlen in einer Gesellschaft, die zwar irgendwie wie die eigene ist, aber auch nur irgendwie – so ist die Vorweihnachtszeit in Hongkong.

Gern berichten ab dem späten Herbst auch deutsche Medien von den Wundern des Christmas-Shoppings in der Ex-Kronkolonie. Bunt soll es dort sein und spannend und schön, eine tolle Stadt zum Einkaufen, auch für kürzere Reisen.

Glauben Sie davon bitte nur die Hälfte. Vorweihnachtszeit in Hongkong, das ist eine Mischung aus Absurdistan und Melancholien. Nicht schlimm und unschön und zu vermeiden – aber eben irgendwie merkwürdig. Und für den, der sich tatsächlich für das Fest in Stimmung bringen möchte eine eher kalte Erfahrung.

Sicher, geschmückt ist vieles, vor allem in Hotels und Einkaufszentren. Manchmal cool, wie im Hotel „Langham Place“, das Kunstwerke, die kommunistische Ästhetik ironisieren, mit roten Weihnachtsbäumen noch einmal auf eine neue Meta-Ebene rückt.

Manchmal kitschig-klassisch inklusive stundenweise anwesendem Weihnachtsmann. Manchmal asiatisch-thrashig mit Xmas-Mangas, manchmal tränentriefend sentimental mit üppigem Kinderchor. Und wer keinen Chor präsentieren kann, demonstriert per allgegenwärtiger Beschallung, dass kein, aber auch wirklich gar kein Weihnachtslied angelsächsischer Herkunft  nicht schon von mittelmäßigen bis hundsmiserablen Musikern in den Orkus gefiedelt wurde. Nur „White Christmas“ läuft nicht – vielleicht würde es angesichts des Klimas als Aufforderung zum Kokain-Konsum missverstanden.

Dem europäischen Besucher aber fällt sofort ins Auge, dass dies nicht das Fest ist, das er kennt. Kann es auch nicht. Das hier ist China, nur eben mal zeitweilig angedockt an britischen Lebensstil. Und deshalb ist für viele Einheimische Weihnachten nicht das Fest der Liebe oder der Besinnung – sondern nur ein weiterer Anlass einem seiner liebsten Hobbys nachzugehen: Shopping.

Für die Hongkonger scheint Weihnachten zunächst ein schräger Spaß zu sein. Lachend fotografieren sie den Nachwuchs vor jeder geschmückten Kunsttanne, jedem weißen Piano (beliebte Deko), jedem phantasialandesken Puppenpanorama. Oder sie kleiden ihn gleich mal als Klein-Nikolaus ein.

Auch wer den Lichterschmuck deutscher Großstädte gewöhnt ist, wird enttäuscht sein, erwartet er in Hongkong eine Steigerung. Allein entlang des Flusses gibt es Spektakuläres: Das legen Firmen ganze Santa-Claus-Karikaturen über ihre Hochhäuser – ein imposantes Bild. Aber in den Straßen geht es eher dürr zu.

Warum adaptieren die Hongkonger überhaupt dieses merkwürdige Fest? Weil es westlich ist. Und westlich ist erstrebenswert. Westlich zu sein, bezeugt den gesellschaftlichen Aufstieg. Deshalb auch gibt es so viele Confisserien mit optisch bemerkenswerten Tartes im französischen Stil (die übrigens auch schmecken).

Deshalb stehen vor den LouisVuittonsGucciHermèsPrada-Läden lange Schlangen, die auf Einlass warten: Wer hier kauft demonstriert seinen Weg nach oben.

„Chinesen wollen die Leute wissen lassen, dass sie das echte Ding tragen und keinen Fake“, sagte jüngst Jill Telford, Chefin des Marktforschers Synovate dem „Wall Street Journal“. Dabei legten sie Wert auf große Markennamen und große Logos auf den Produkten. John Hooks, Deputy Chairman der Armani Group ergänzte, in China gäben die Menschen zu bestimmten Anlässen besonders viel Geld aus.

Die Kulminationspunkte dieses Strebens sind Schanghai und Hongkong, die Frank-Sinatra-New-Yorks der Volksrepublik: Wenn Du es dort schaffst, schaffst Du es überall. Und wer es schafft, zumindest ein wenig, der will das eben demonstrieren.

Aber das ist eben auch ein viel kälteres Weihnachten als das Europäische. Natürlich kaufen wir auch – aber eben doch noch ein wenig mehr. Gibt es denn gar keine Warmherzigkeit im Xmas-Hongkong? Doch. Am Sonntag Mittag. Dann liegt das ganze Jahr über ein fröhliches Schnattern und Plappern über Hongkong Island.

Über 130.000 philippinische Dienstmädchen gibt es hier, die meisten von ihnen katholisch. Ihre Arbeitsbedingungen sind klarer geregelt, als mancher denken könnte, berichten Freunde, die in der Stadt leben. Um die 350 Euro bekommen sie monatlich, außerdem ein Zimmer zum Wohnen und freies Essen. Dafür arbeiten sie sechs Tage in der Woche, haben ein wenig Urlaub und bekommen alle zwei Jahre einen Flug in die Heimat bezahlt. Manche tritt den aber gar nicht so gern an: Denn daheim gelten die Mädchen als wohlhabend – und müssen die Verwandtschaft ständig einladen.

Als freien Tag wählen die meisten, gute Katholikinnen, den Sonntag. Dann gehen sie erst in die Kirche und treffen sich dann in der Stadt. An der Ecke De Voeux Road und Pedder Street ist zu besichtigen, was sie Gutes für die Lieben daheim tun: Knie- bis hüfthohe Plastiktaschen sind vollgestopft mit Kleidung an anderen Waren, gesammelt werden sich auf die Philippinen versandt.

Dann treffen sich die Nannys mit ihren Freundinnen, machen sich die Haare, üben lachend Gruppentänze ein, spielen herum. Wer es laut mag, trifft sich im Park. Andere ziehen sich zurück, in betonige Passagen, breiten ein Stück Pappe aus und knicken den Rand um, so dass ein winziger Zaun entsteht: ein Stück Privatsphäre, das im Rest der Woche nicht zu haben ist.

Mit der U-Bahn geht es zurück nach Kowloon. Wieder dieses Bill-Murray-Gefühl im unendlich langen und nicht unterteilten Zug. Die Treppen geht es hinauf zum Anfang der Nathan Road, mit ihren nervigen, bengalischen Hilfskräften der lokalen Maßschneider und Raubkopiehändler „Copied watch?“, ranzen sie einen an oder „Wanne have nice suit?“

Nein, lieber ein paar Schritte weiter zur Seite. Und da, mit einem Mal, wird es weihnachtlich. So richtig, irgendwie.

Vor einem Kolonialbau hängen leuchtende Schneeflocken, zieht Santa Claus mit Rudolf vorbei, liegt warmes Glühen in der Luft – das „Peninsula“, jenes  legendäre Hotel.

Die Eingangshalle ist geschmückt, wie es schöner kaum vorstellbar wäre, von der Empore klingt ein Klassik-Trio.

Und egal ob Dezember oder anderer Monat: der High Tea des „Peninsula“ ist Pflichtprogramm. Eine Etagère wird serviert mit Sandwiches und Scones, klar, aber auch einem Teller mit Stollen und Xmas-Keksen.

Bill Murray winkt noch einmal und geht hinaus, er hat hier nichts zu suchen. Wir bleiben sitzen. Lange. Und sind mit einem Mal Lost in Christlation. Aber auch nur bis zum 9. Januar. Da steigen wir wieder in Hongkong um - und stellen angesichts “Stiller Nacht” auf billigem Synthisizer fest, wie schwer sich die Hongkonger von Weihnachten trennen.

Posted on Samstag, Januar 9, 2010 by Registered CommenterThomas Knüwer in , , , , | Comments2 Comments

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Reader Comments (2)

Schöner Text. Nur: "Vorweihnachtszweit in Hongkong, das ist eine Mischung aus Absurdistan und Melancholien. Nicht schlimm und unschön und zu vermeiden aber eben irgendwie merkwürdig."

Ist das nicht auch bei uns so?

Beste Grüße
Olaf

Januar 12, 2010 | Unregistered CommenterOlaf Storbeck

obwohl ich anders als du die weihnachtliche stimmung null vermisst hab, hab ich einen ähnlichen eindruck. xmas is ein schräges fest in china's großstädten. und hong kong bleibt kong kong auch an weihnachten, immer so geldig.^^

Januar 29, 2010 | Unregistered CommenterThomas Christopher

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