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Silvester in Sydney: Oper, Feuer, Flüchtlingslager

Entwicklungshelfer. Ja, so muss sich ein Entwicklungshelfer fühlen. Im Flüchtlingslager vielleicht.

Dieser Vergleich ist ein wenig geschmacklos, aber er passt. Wir schreiten mit ungläubigem Blick daher, haben freie Passage und sind bestens gekleidet. Rechts und links von uns aber Absperrungen und Menschen in höchst legerer Kleidung, von weißer, brauner, schwarzer Hautfarbe, gelagert auf Decken, Isomatten und Klappstühlen, eng beeinander.

Klassendenken keimt.

Denn während der bunte Haufen Homo Sapiens hier seit Stunden lagert, sind wir gerade erst gekommen und werden unsere Hintern auch nicht auf Beton lagern - sondern auf die gepolsterten Sitze des Sydney Opera House. Und dann, wenn es gilt das Jahr 2010 zu begrüßen, werden wir mit einem Glas Sekt einen Paradeblick auf das atemberaubendste Feuerwerk haben, das wir je in unserem Leben gesehen haben.

Rückblende.

Seit zwei Tagen fragen wir uns, ob die Australier nicht gewaltig übertreiben. Rund um den Hafen stehen Schilder mit Wechselschrift und weisen darauf hin, dass am 31.12. dort alkoholfreie Zone sei wegen eines “Special Event” - some would call it “Jahreswechsel”, but not the Australian government. Alkohol wird es natürlich trotzdem geben, doch darf er nur in Kneipen und Restaurants verzehrt werden.

“Schlimmer als die Amis”, denken wir. Ausführliche Hinweisschilder bedeuten uns außerdem, wo es am 31.12. und 1.1. so langzugehen hat - und wie. Doch als wir am Mittag vom Fischmarkt kommen, in der einen Hand einen Beutel mit Krustentieren für das Neujahrsfrühstück, in der anderen eine Tüte mit einer Flasche australischen Schaumwein, werden wir am Alkohl-Kontrollpunkt nicht kontrolliert - im Gegensatz zu zwei Jugendlichen mit dickem Rucksack. Und überhaupt: Voll wirkt die Stadt so gegen 14 Uhr nicht.

Eigentlich aber interessiert uns das nur bedingt: Denn wir haben Karten für die Gala der Oper Sydney und die anschließende Party dort. Schwer zu bekommen waren die nicht, die Oper wird nur zu 90 Prozent ausverkauft sein - vielleicht ein Zeichen der Krise. Schwieriger ist schon das Thema Übernachtung. Bekannte, die einige Zeit in Australien gelebt haben, rieten uns im März so schnell wie möglich zu buchen. Guter Tipp. Schon neuen Monate vor Silvester war es schwer ein Zimmer zu einem bezahlbaren Preis zu bekommen (Bitte beachten Sie: Das Wort “bezahlbar” ist massiv aufgeladen mit Ironie).

Die Opern-Gala ist kein billiges Vergnügen: Pro Person zahlt man zwischen 80 und 300 Euro für die Karte, die Party hinterher kostet nochmal knapp unter 200 Euro. Der Preis für Stressfreiheit: Wir können es uns ersparen, am Morgen schon gen Botanischen Garten oder Hafen aufzubrechen um einen einigermaßen ordentlichen Platz zu bekommen.

Denn beim Umziehen und dem parallelen Blick ins Fernsehen legen wir das mit der Übertreibung beiseite. Der Hubschrauber der TV-Nachrichten fliegt die Hafenlinie ab und zeigt: Menschen. Mehr Menschen. Noch mehr Menschen. Um 17.30 Uhr schließen die Zonen mit der besten Aussicht. 1,5 Millionen Zuschauer werden erwartet.

Jenes despektierliche Denken gebenüber den australischen Behörden nehmen wir spätestens 23 Sekunden zurück, nachdem wir unser Hotel verlassen haben. Da wanken zwei junge, sportliche Herren mit nacktem Oberkörper und aggressiven Gesten mitten durch den Verkehr und pöbeln Autos an. Ein Hobby, das wohl nur ab einem gewissen Promillepegel zu entdecken ist und beweist, wie sehr sich gewisse englische Wurzeln in die australische DNA gefräst haben.

Das Taxi setzt uns an der Straße ab, an der die Operngäste Zugang haben. Kein Mensch ist hier, abgesehen von einigermaßen gut gewandeten Personen mit Tickets in den Händen und einem Haufen Sicherheitspersonal.

Es hat etwas von Science-Fiction-Film, wie wir die leere Straße Richtung Oper gehen. Dann kommen wir am Vorplatz an und da ist es: das Gefühl, Entwicklungshelfer im Flüchtlingslager zu sein.

Wir spülen es mit dem ersten Sekt des Abends herunter und genießen den Blick vom Balkon der Oper. Menschen über Menschen, kreuzende Schiffe, Doppeldecker am Himmel. Langsam wird es dunkler und die wunderschöne Beleuchtung der Silvester-Segler und Fähren kommt zum Tragen - anschwellender Silvestergesang.

Das Publikum an diesem Abend ist nicht weniger unterhaltsam. Denn das australische Paar an sich hat augenscheinlich Mode-Defizite.

Während die Damen selbst beim netten Essen innerhalb der Woche lang anlegen, die aber bereit sind mit Flipflops zu kombinieren, erscheinen die Herren selbst bei der Opern-Gala in Turnschuhen mit Cargo-Pants. Nicht alle, aber erschreckend viele.

Dann die Gala - und die würde auch außerhalb Silvesters einen ordentlichen Preis rechtfertigen. Zehn Solisten und das Orchester der Oper unter der Leitung des dynamisch-sympathischen und deutschen Dirigenten Johannes Fritzsch liefern nur Publikumsknaller.

Das gesamte Konzert könnte prima als “Oper für Einsteiger”-CD vermarktet werden: “La donna è mobile”, “Toreador”, “E lucevan le stelle”, “Figaro” - nur das Orchesterstück “Pini di Roma” von Ottorino Respighi kannten wir noch nicht (ist aber grandios). Wir haben den Eindruck, dass auch die Solisten in fröhlichster Silvester-Stimmung einen Mörderspaß an der Sache haben. Am Ende regnet es Luftschlangen und Ballons.

Die Pause dazwischen ist gezielt gesetzt: Den um 21 Uhr gibt es in fast allen australischen Großstädten das erste Feuerwerk - für die Kinder. Es ist ein erster Eindruck, was drei Stunden später los sein wird.

Und doch kann es nur unzureichend auf die 20 Minuten vorbereiten, wegen derer all die Menschen hier sind. Ein Countdown wird projeziert, tausende von Menschen am Hafen zählen mit.

 

Ich habe schon viele Feuerwerke in meinem Leben gesehen - aber die im Feuersturm versinkende Harbour Bridge schlägt alles.

Hinter ihr türmen sich glühende Blumen, dann schießen die Hochhäuser der City Lichter in den Himmel - es ist fantastisch, unglaublich, faszinierend, wunderschön.

Untermalt wird es nicht - wie viel zu oft in Deutschland - von Händels “Feuerwerksmusik”, sondern von aktuellen Hits. “I gotta feeling”, ahnen die Black Eyed Peas, “that tonight’s gonna be a good night” - und perfekt synchron dazu macht es Bumm.

Es ist nicht einfach danach umzuschalten, ins Nordfoyer zur Party zu gehen. Doch es gibt was zu essen, etwas leckeres noch dazu - und natürlich Sekt bis zum Abwinken. Dazu spielt eine Band ganz entzückend - und das Wort entzückend ist das einzige, das passt - Songs aus den 30er und 40ern, eine Art Max Raabe ohne Ironie. Und fast jeder tanzt, das Durchschnittsalter ist nicht so gehoben, wie man denken könnte.

Um zwei Uhr ist auch das vorbei, so war es angekündigt und in solchen Punkten sind die Australier Amis auf Speed. Noch ist die Stadt abgesperrt, in wenigen Straßen begegnen wir den abströmenden Massen, andere Wege sind gänzlich ohne Passanten.

Wir wanken hinaus, der Vorplatz ist leer. Aus Restaurants und Clubs klingt vereinzelt ein partybedingtes Wummern, auch dort wo “die heißeste Girl-Rock-Band Europas” versprochen wurde, eine kroatische Formation mit “Angel” im Namen - die alte Welt ist halt weit.

Und dort wo zuvor die Menschen lagerten, türmt sich der Müll. Auch das hat irgendwie etwas von Flüchtlingslager.

 

Posted on Freitag, Januar 15, 2010 by Registered CommenterThomas Knüwer in , , , , , | Comments1 Comment

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Reader Comments (1)

Ich hatte ja keine Ahnung! Aber jetzt als Feuerwerkfan einen Traum.

Januar 16, 2010 | Unregistered Commenterkaltmamsell

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