Über Go to Rio

GotoRio  ist die etwas andere Reiseseite im Internet. Sie steht für subjektive Eindrücke und Erlebnisse, und wir, die Autoren, stehen mit unserem Namen zu dem, was wir schreiben. Reisen, Restaurantbesuche, Shoppingtouren sind selbst bezahlt - denn wir sind nicht käuflich.

Praktischer Hinweis: Wenn Ihr in Rubriken suchen wollt, findet Ihr die weiter unten auf der Seite unter dem Stichwort Suchen und Finden!

 

Warum heisst gotorio Go to Rio? Weil wir über alle Orte schreiben - außer Rio.

Kontakt zu Gotorio
Suchen und Finden
Neueste Kommentare
Navigation
Login
Impressum / Datenschutz
« Ein Sonntag mit Herrn Max in der "Sofabar" | Main | Last night of the Proms: eine magische Nacht »
Freitag
Sep182009

"St. John", London: Von der Schnauze bis zum Schwanz

Es war nicht Neujahr, sondern etwas später, als ich mir etwas vornahm für dieses Jahr: Ich will mein kulinarisches Spektrum erweitern - und zwar um Innereien.

Alle reden und schreiben ja über Innereien. Und ein merkwürdig anmutender Herr mit extrem starken Brillengläsern und Namen Fergus Henderson bereitet sie zu. Allein seine Geschichte ist schon den Besuch des Restaurants wert: Ferguson leidet unter der Parkinsonschen Krankheit und erhielt ein Deep Brain Stimulation (die Ärzte unter den Lesern mögen das bitte erläutern). Die schlug so gut an, dass er nun ein Hoffnungsträger für die Parkinson-Kranken im Königreich ist. Schon zuvor aber hat er in England eine Renaissance der Innereien ausgelöst mit seinem Restaurant “St. John”. Bemerkenswert: Ferguson ist eigentlich Architekt und hat nie Koch gelernt. Das sind so interessante Geschichte, dass beim jüngsten London-Besuch klar war: Es muss das “St. John” sein. Untertitel das Hauses: “Nose to tail eating”. Urteil von Michelin: ein Stern.

Von außen mag man nicht glauben, dass hier ein preisgekröntes Restaurant sitzt.

Na gut, von innen mag man es auch nicht glauben.

Nur ein paar hundert Meter vom Finanzdistrikt oder St. Paul entfernt - und doch eine andere Welt. Hier ist der Smithfield Market, ein echter Markt. Und das St. John sieht aus wie ein Laden, in dem sich die Markt-Klientel trifft. Unten ist eine Bar und Bäckerei, die Wände sind zementig grau oder weiß, die hohen Wände lassen die Gespräche der Gäste widerhallen.

Auf halber Höhe das eigentliche Restaurant. Auch hier: weiße Wände, abgeschrabbelter, weißer Parkettboden, Papiertischdecken. An den Wänden hängen Haken - die Garderobe. Es ist proppevoll und laut. Körperlich anstrengend laut. Wir dürfen uns entscheiden, ob wir einen Einzeltisch nehmen oder den “action table” mit anderen Gästen direkt an der offenen Küche - natürlich nehmen wir den lieber.

Doch mein großer Vorsatz mit den Innereien schränkt die Auswahl mächtig ein. Denn trotz aller Protzerei mit Schwanz und Schnauze: So ungewöhnlich ist die Karte des “St. John” gar nicht. Das meiste klingt schlicht solide britisch.

Wir haben es ja schon oft geschrieben: In England wird - entgegen aller Vorurteile - hervorragend gekocht. Warum auch nicht? Auf der Insel gibt es großartige Zutaten. Die Briten haben nur ein paar Jahrzehnte vergessen, wie man sie zubereitet. Aus diesem Gourmetkoma sind sie jedoch mit aller Wucht erwacht.

Als Vorspeise wählen wir eine Terrine - sehr lecker! Und - Achtung Vorsatz - geröstetes Knochenmark mit Petersiliensalat. Der Teller wirkt wie eine futuristische Landschaft. Die abgesägten Knochen sind unten sozusagen zugebraten. Der Boden muss durchstoßen werden, dann fließt eine braun-beige Masse auf das hausgemachte Brot.

Das Mark schmeckt ohne jede weitere Zutat extrem mild und nichtssagend. Erst mit ein wenig Meersalz bekommt es fleischiges und röstiges Aroma. Das ist keine Sensation, aber durchaus lecker. Und eklig nur, wenn man den Kopf einschaltet.

Derweil erreicht am Nebentisch, dort sitzt eine große Gruppe junger Engländer, die offensichtlich koreanische Geschäftspartner bewirtet, die Stimmung ekstatische Höhen. Aus der Küche naht ein Blech mit einem kompletten Spanferkel, einer Spezialität des Hauses, die aber eine Woche im voraus geordert werden muss. Als erstes wird der Kopf abgehackt und auf einen Teller gepackt, dann lässt sich jeder der asiatischen Gäste damit fotografieren. Sag noch einer, man möge nicht mit dem Essen spielen.

Der Hauptgang bringt uns eines der leckersten Geflügel, die wir kennen: Moorhuhn. Ich kann mich nicht erinnern, das in Deutschland schon mal auf der Karte gesehen zu haben. Sollte es jemand entdecken: essen! Im “St. John” ist das Moorhuhn butterweich und medium, dabei extrem aromatisch. Einfach eine Sensation!

Ach ja, Vorsätze.

Pardon, VORSÄTZE!

Ich ordere Ochsenherz mit Pommes Frites. Wirklich das einzige Innereien-Hauptgericht auf der ganzen Karte Ehrlich gesagt: Ich habe noch nie bewusst zubereitetes Herz auf dem Teller gesehen. Weshalb mich das Ergebnis überrascht. Dünne Fleischlappen liegen da vor mir, dazu eine tomatige Barbecue-Sauce und hausgemachte Fritten.

Durchatmen.

Der erste Bissen.

Fest ist das Fleisch.

Und…

Boah, hör ma!

Lecker!

Und wie! Bissfestes, aromatisches Fleisch. Davon doch bitte noch ein halbes Kilo!

Nach diesen zwei Gerichten auf einen Trend zu schließen, ist natürlich schwer. Doch scheint das “St. John” eine besondere Kunst zu beherrschen: Den Geschmack von Fleisch im positiven Sinn zu betonen. Wer das mag, der ist hier im Himmel. Wenn auch in einem mit verbesserungswürdigem Service: Die Damen und Herren zeichnen sich durchgängig durch eine eher ruppige Herzlichkeit aus. Die Weinkarte, übrigens, ist komplett französisch.

Als Dessert gönnen wir uns eine Joghurt-Crème mit Himbeeren - zum Reinlegen. Und dann gibt es noch eine Blauberr-Eton-Mess. Diesen Nachtisch gibt es traditionell an der Elite-Uni Eton nach dem jährlichen Cricket-Spiel (nein, das wusste ich vorher auch nicht - aber wozu gibt es Wikipedia?).

Der Engländer matscht ja gerne seine Desserts durcheinander, so auch hier: Sahnecrème mit Baiser-Bruchstücken und Früchten. Lecker, wenn man süß mag. So süß, dass schon kein süßer Zahn gefragt ist, sondern ein süßes Gebiss - mit Dritten zum Wechseln.

So, der erste Schritt zur Erfüllung der Mittjahresvorsätze ist getan. War es schlimm? Im Gegenteil: Es war sehr, sehr gut. Und beim nächsten Besuch unseres Düsseldorfer Stammrestaurants “Roberts Bistro” gibt es saure Nierchen oder Innereienwurst.

St. John Bar & Restaurant
26 St. John Street
London EC1M 4AY
Reservierungen: +44 (0) 207 251 0848 (email: reservations@stjohnrestaurant.com)

 

Reader Comments (5)

In Deutschland hatte ich aber auch noch nie ein Moorhuhn gesehen - wohl aber Joggen am River Isis in Oxford.

Danke fürs Reinknabbern, wird meine Anlaufstelle beim nächsten Londonbesuch. Mal sehen, ob die dort besseres Ochsenherz machen als ich (in Biersoße, Familienrezept), und die Markbeine müssen unbedingt sein - sind hierzulande praktisch nicht zu kriegen.

Ob ich mich allerdings dauerhaft mit der deutschen Unsitte anfreunden kann, Innereien als Default-Variante "sauer" zuzubereiten, glaube ich nicht.

September 19, 2009 | Unregistered Commenterkaltmamsell

Markbeine nicht zu kriegen? Gibt's zumindest hier in Niederbayern bei jedem Metzger (für irgendwas muss ja die kulinarische Pampa gut sein) und kommen immer unter meinen Tafelspitz. Das ergibt dann die Vorspeise für die Köchin, auf geröstetem Brot mit etwas Fleur de Sel.

Zum Thema Innereien: Ochsenherz ist fein, Kalbsherz auch ganz köstlich. Kalbsnieren, mmhh - auch kurz gegrillt gerne gegessen. Kalbshirn ist leider kaum noch zu kriegen. Kalbsbries (natürlich von allen Häutchen befreit) ist ein zarter Genuss. Zunge - ich glaube, ich muss jetzt aufhören, der Appetit wird sonst übermächtig ;-) Das einzige, was ich nicht sehr schätze ist Lunge, jedenfalls hat sie mich bei meinem ersten Versuch nicht vom Hocker gerissen. Ach ja, und die Milzwurst vom Viktualienmarkt war auch nicht mein Geschmack.

Ich fand übrigens auch interessant, dass in der letzten Effilee mehrere Artikel den hier oft vernachlässigten Innereien bzw. dem von "Kopf bis Fuß"-Essen gewidmet waren.

Das St. John ist als London-Tipp notiert - vielen Dank!

September 24, 2009 | Unregistered CommenterPetra aka Cascabel

... wer Roberts Bistro sein Lieblings/Stammrestaurant nennt, aber noch nie die Nierchen dort gegessen hat (übrigens nicht "sauer" sondern in Senfsoße) hat (bislang) etwas falsch gemacht. Na ja, es wurde ja nun Besserung gelobt. Wahlweise geht es nun auch bei Hülsmann (ja, ROBERT Hülsmann) auf der Luegallee in Oberkassel. Das Orginal sozusagen. Dafür braucht es jedenfalls nicht bis nach England. (Was hat das Essen für zwei Personen in London denn gekostet? Ich würde es im November gerne mal ausprobieren).

September 28, 2009 | Unregistered CommenterJoachim Kuhel

@Joachim: Nicht nur die superleckeren sauren Nierchen, auch die, für den einen als ganz ok und für die andere als ungenießbar empfundene Andouillette (hört sich gut an, entpuppt sich aber als mit Darm und Magen gefüllte Wurst), die der Kellner bei der Bestellung schon mit mit einem mahnden "Wissen Sie was das ist?" kommentiert haben wir inzwischen bei Roberts gegessen. Preislich ist der Unterschied nicht groß.Im St. John haben wir inkl. einer Flasche Wein und Wasser 111,85 Pfund bezahlt.

September 29, 2009 | Unregistered CommenterNicola

Wir hatten es uns auch getraut beim letzten London Besuch: viel Voruteile und einen gehörige Portion Respekt im Magen, va bei meine Frau. BUT: es war echt lecker und was "böse" klang schmeckte verdammt gut.

Februar 15, 2010 | Unregistered CommenterJohn

PostPost a New Comment

Enter your information below to add a new comment.

My response is on my own website »
Author Email (optional):
Author URL (optional):
Post:
 
All HTML will be escaped. Hyperlinks will be created for URLs automatically.