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Montag
Sep142009

Last night of the Proms: eine magische Nacht

Es gibt nur wenige Momente im Leben, da einem bewusst wird, etwas zu erleben, von dem man lange, vielleicht Jahre, vielleicht schon irgendwie immer, geträumt hat.

Am vergangenen Samstag hatte ich solch einen Moment. Ich stehe auf dem Parkett mitten in der Londoner Royal Albert Hall. Im Smoking, denn besondere Momente verlangen besondere Kleidung. Und mit einer Flagge in der Hand. Einer britischen Flagge.

Vielleicht beginnt alles mit Miss Shand, meiner ersten Englisch-Lehrerin. Sie würde immer Miss bleiben, während meiner Schulzeit, erst mit weit über 70, habe ich gehört, hat sie geheiratet. Überraschender als die späte Hochzeit war, dass wir sie schon damals für über 70 hielten, in der Grundstufe. Sie war Engländerin und Royalistin und als leicht beeinflussbare Teenager wurden wir zu einem Großteil ebenfalls zu Anhängern der englischen Krone und zu Bewunderern des britischen Stils.Im Laufe der Jahre schliff sich das ab. Wie viele meiner Generation entdeckte ich eine Nähe, Liebe gar, zu den USA - und verlor sie während der Bush-Jahre.

Während all dieser Zeit aber gehörte die “Last Night of the Proms” zu meinen jährlichen TV-Höhepunkten. Nein, das ist nicht jene Veranstaltung, in der Nokia scheintote Pop-Zombies aus den 80ern reanimiert. Die Geschichte der “Last Night” ist weitaus älter. 1895 veranstaltete der Impressario Robert Newman zum ersten Mal Promenaden-Konzerte in London. Sie sollten das einfache und weniger zahlungsfreudige Volk an Orchestermusik heranführen. Dirigent, praktisch ausschließlicher Dirigent, war Henry Wood - er sollte das Musikfest prägen.

Heute sind die Proms in der Hand der BBC und ein abwechslungsreiches Klassik-Festival, wie es nur wenige weltweit gibt. Die letzte Nacht aber ist traditionell etwas… anders. Der erste Teil und der Beginn des zweiten besteht aus einem bunten Programm von Klassikern bis Neukompositionen reicht. Und dann - kommt der Nationalismus. Pur. Britisch. Selbstironisch und selbstherrlich.

Schon vor der Halle ist es englisch, denn egal ob auf Steinbalustrade oder aus dem Kofferraum: Der Brite picknickt, wo er seinen Korb niederlassen kann.

Ein Tipp für alle, die einmal das Glück einer Karte haben: Die Albert Hall macht nicht erst eine halbe Stunde vor Konzertstart auf, wie auf den Tickets steht, sondern früher. Das merken wir, als wir direkt Einlass finden, eine Dreiviertelstunde vor Beginn stehen wir in der Mitte der Stehplätze. Es wird ein harter Abend werden. Körperlich. Das Publikum picknickt weiter, Taschen wurden zwar durchsucht und erlaubt sind angeblich nur Flaschen mit Schraubverschluss - doch das interessiert niemand.

Die härtesten der Prommers in den ersten Stehreihen rufen Freunde und Verantwortliche hinaus: “Seid Ihr schon nervös?” Dann verkünden sie rufend das Ergebnis der jährlichen Spendensammlung während des Festivals: 77.000 Pfund für musikpädagogische Zwecke - am Ende werden es noch ein paar mehr.

Viele Neulinge sind neben uns, reichlich Deutsche, ein paar Schweizer. Sie alle haben mutmaßlich über Zwischenhändler Summen bezahlt, die beim Blick auf den aufgedruckten Preis von fünf Pfund den Glauben an die Marktwirtschaft trotz der Finanzkrise wieder erstehen lassen. Die “Last Night” ist ein teures Vergnügen. Wer es günstiger mag: Draußen im Hyde Park steht - wie in mehreren anderen Städten auf der Insel - ebenfalls eine Bühne. Hier ist das Programm poppiger, Barry “Mandy” Manilow gastierte in diesem Jahr. Dafür gibt es ein großes Feuerwerk. Karten zu bekommen ist mit etwas Vorlauf kein Problem.

Das echte Ding aber ist die Albert Hall. Hier begegnen einem Menschen wie jener Schotte, der fatal an Papa Kelly ohne Familiy erinnert. Oder jenes Quartett, dass scheinbar ein Loch im Boden zwischen sich hat. Anders ist nicht zu erklären, was sie ständig an Stimmungsmachern hervorzaubern: Luftballons, britische Fahnen, aufblasbare Tiere, englische Fahnen, Tröten, Windsor-Fahnen, Gasdruckfanfare, Knallbonbons - Stück für Stück wird die Intensität gesteigert.

Dabei ist der erste Teil alles andere als leicht und nationalistisch. Sicher, Henry Purcell gehört dazu und eine Neukomposition des Schotten Oliver Knussen. Aber ebenso ein fantastisches Chorstück von Heitor Villa-Lobos und ein Trompetenkonzert von Haydn. Den Solo-Part dabei übernimmt die gerade 31-jährige Alison Balsom, bei der man angesichts der euphorischen Publikumsreaktion wirklich sagen darf: Blondes have more fun. Das bunte Quartett vor uns stampft, auf dass das Parkett bebt, alle stampfen mit - noch einmal muss die Anne Sophie Mutter der Blasinstrumente hinaus. Möglicherweise sehen wir gerade den nächsten Superstar der Klassik.

Den sängerischen Solo-Part bestreitet die englische Sopranistin Sarah Connelly. So ernst sie im ersten Teil ist, so locker gibt sie gemeinsam mit Balsom im zweiten Teil eine Jazz-Einlage mit “They can’t take that away from me”. Nun ist auch das Dirigentenpult getauscht mit einem, das aussieht wie die Bütt-Kanzel der Mainzer TV-Karnevalssitzung. Der Chor der BBC und auch das BBC Symphonie Orchester bewirft sich mit Luftschlangen, Party für alle. Eröffnet wird die Lockerheit mit “A Grand, Grand Ouverture” von Arnold - zu den Instrumenten gehören drei Staubsauger, eine Bonerwachsmaschine und vier Flinten, bedient von Prominenten, die mit den Promenadenkonzerten zu tun hatten, darunter Dokumentarfilmer David Attenborough.

Die BBC selbst demonstriert ebenfalls, was sie drauf hat. Über die Städte hinweg gibt es neu geschriebene Fanfaren von Komponisten, die gerade mal zwischen 14 und 18 sind. Später folgt Händels Feuerwerksmusik mit passenden Feuerwerken über die Park-Veranstaltungen hinweg.

Doch eigentlich warten alle nur auf jene letzte halbe Stunde. Befreiend der Jubel, als Sarah Connelly zurückkehrt - in einem Lord-Nelsen-Kostüm. Die nervöse Aufgeregtheit ist zu greifen, eruptiv bricht sie sich Bahn: “Rule Britannia, Britannia, rule the waves” - und jeder singt mit und schwenkt Fahnen und dreht bunte Regenschirme.

Dann wird es andächtig: “Jerusalem”. Und wieder singt jeder mit. Na gut, viele auch nur so halb, denn der Tourist an sich wird da schon textunsicherer. Aber die Engländer, die können das. Kein Wunder, dass alles Pillepalle ist in der Bundesliga, verglichen mit dem Roar des FC Liverpool oder der Anhänger von Arsenal und ManU.

Auch Gastdirigent David Robertson hat Spaß. Sichtlich. “They told me it would be like this”, schmunzelt er und hält eine lustige und herzwärmende Rede über das Orchester als Muster für eine funktionierende Gesellschaft. Bevor er es aber tränenrührend wird wirbelt er herum, reißt den Taktstock hoch und die Prommers fallen ein in das rhythmische In-die-Knie gehen, das die ersten Takte von Elgars “Pomp and Circumstances” begleitet es gleitet hinein in eine ruhige Melodie, die jeder kennt als Titelmelodie von “Das Haus am Eaton Place”. Die Albert Hall summt mit, so laut, dass die BBC-Symphoniker übertönt werden. Und dann, dann bricht es hinaus, aus Engländern und Walisen und Schotten und Iren und Deutschen und Japanern und Schweizern und allen anderen. Das Lied, das vom Land der Hoffnung und Ruhm kündet, dessen Grenzen immer weiter gezogen werden mögen: “Land of Hope and Glory” und bei jedem Refrain springen auch die Sitzplätze auf. Wen das kalt lässt - dem ist nicht mehr zu helfen.

“Ich wünschte, sie wären zu den Proben gekommen”, ruft Robertson aus. Und dass man doch bitte das T am Ende von “… mightier yet” singen möge. Das sei doch nicht so schwer: “This nation was build on tea.” Also nochmal: Refrainzugabe, jeder gibt noch einmal alles, denn alle wissen: Bald ist es vorbei.

 Last Night of the Proms 2009

Fast. Die Nationalhymne noch, deren zweite Strophe sich auf dem Niveau eines Kindergartenliedes bewegt. Noch einmal wird Dirigent Robertson herausgeklatscht, dann geht die erste Geige, denn das letzte Lied braucht kein Orchester. Jeder in der Halle gibt sich über Kreuz die Hand, auch der Chor: “Auld Lang Syne”, das Silvesterlied von jenen, die man vergessen hat, ein Versprechen des Wiedersehens.

Am Ausgang warten schon die Limousinen, die Bentleys und Rolls. Crisis? What crisis? Jene, die sich Logen mit deutlich dahinter erkennbaren, gut gefüllten Bar-Arrangements leisten können, tun das jedes Jahr. Für viele aber war dies ein einmaliges Erlebnis. Einmal im Leben.

Eine magische Nacht.

Reader Comments (3)

Hach, wie schön! Auch wenn ich nie selber bei der Last Night of the Proms war, so kenne ich eine ähnliche Stimmung, wie die, die Du beschreibst von Konzerten bei Kenwood House in Hampstead Heath. Picknickkörbe und so beispielsweise. Ich kann es also ein wenig nachvollziehen, glaube ich. Und beneide Dich. In der Royal Albert Hall war ich auch einige Male, aber zu anderen Konzerten. Unter anderem, als diese von Herbert Grönemeyer und einer Masse von deutschen Fans mit einer Minderheit an englischen Freunden komplett in deutscher Hand war. Das war mein magischer Abend dort. Solche Erlebnisse und anderes, was Du von Deinen Besuchen auf der Insel berichtest, lässt mich London und England echt vermissen. Danke also für diesen schönen Post.

September 15, 2009 | Unregistered CommenterAnja

Das wünsche ich mir auch mal, bei der Last Night of the Proms dabei zu sein. Ich besitze eine CD von der 100sten Last Night, die fängt die Atmosphäre schon ganz gut ein, durchgängig bis Auld Lang Syne und mit allen Knallfröschen, Tröten und Ratschen - ein ganz besonderer Genuss!

September 15, 2009 | Unregistered CommenterDorit

Neid. :)
Da wäre ich auch mal gerne.

September 15, 2009 | Unregistered CommenterJens

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