Wandern am Mittelrhein: ein Requiem für den König von Mallorca
Wandern ist ja inzwischen Volkssport. Somit rief meine Ankündigung, von Remagen nach Andernach zu wandern, unter Freunden nicht mehr die mitleidigen Blicke silberner Milde hervor, wie das noch vor einigen Jahren der Fall gewesen wäre.
Die Strecke Remagen-Andernach mit Abstecher nach Maria Laach war sorgsam gewählt, würde ich doch an allen drei Tagen weltberühmte Sehenswürdigkeit bewundern dürfen: Einerseits die bekannte Brücke von Remagen, dann den größten Kaltwasser-Geysir der Welt in Andernach und schließlich das berühmte Kloster am Laacher See.
Wie konnte ich denn ahnen, dass ich zwei davon gar nicht und eins nur halb zu Gesicht bekommen würde?
Ausgangspunkt für alle Touren war das schöne Hotel “Rhein-Residenz” in Bad Breisig, dessen Einzelzimmer nicht nur halbwegs geräumig sind, sondern auch mit Balkon zur Rheinseite hin liegen. Naja, der Balkon war eher ein Austritt auf den man es irgendwie geschafft hatte, einen Stuhl und einen winzigen Tisch unterzubringen.
Beides kann nur von einem erfahrenen Möbelpacker mit Uhrmacherqualitäten angeordnet worden sein, so nahtlos verkeilten sie sich zwischen Geländer und Blumenkasten, dessen nach innen wachsenden Geranien zu allem Überfluss ein weiteres Fünftel des Balkonvolumens in Anspruch nahmen. Saß ich auf dem Balkon, dann musste mein Jack-Russel-Terrier Sammy leider drinnen bleiben. Aber unter Männern gibt es keinen Streit: wir knobelten den Zeitplan für die Benutzung des Balkons aus und ich durfte immer auf den Balkon - außer bei Tag und bei Nacht.
Trotzdem waren Zimmer und Balkon eine wohltuende Abwechslung zu dem, was ich sonst so auf meinen diversen Touren als Einzelzimmer angeboten bekommen habe. Da waren handtuchgroße Dunkelkammern deren mit grobem Leinenstoff bespannte Nachtischlämpchen erfolglos gegen die Finsternis ankämpften und die mobiliare Katastrophe in gnädige Dunkelheit hüllten; Teppichböden, die aussahen als hätten sie vorher in einer Autowerkstatt gelegen sowie Badezimmer mit karamellfarbenen Kacheln und Duschkabinen aus Liliput. Das Öffnen von Schranktüren setzte stets voraus, dass man vorher ein Möbelstück in den Flur bringt. Allen gemeinsam war der Blick aus dem Schießscharten-Fenster auf einen Hinterhof in dem wahlweise Mülltonnen, Autos oder Garagen zu bewundern waren. Alles begleitet von Bratfettgeruch, denn selbstredend endete der Küchenabzug unter meinem Fenster.
Da versprach die “Rhein-Residenz” trotz angemessener Preise doch schon ein ganz anderes Wohnerlebnis. Gleich zum Frühstück war mir klar, dass ich den Altersdurchschnitt der Hotelgäste locker um zehn Jahre gedrückt hatte. Aber was soll’s? Schließlich wollte ich ja wandern und nicht zum Tanztee. Also nahm ich geschwind mein Frühstück ein. So geschwind, wie es das Mozart-Requiem auf WDR-Klassikradio zuließ, welches dezent den Frühstücksraum in zähflüssigen Nebel hüllte.
Die Wanderung nach Andernach verlief ohne Zwischenfälle auf dem Rheinburgen- und dem Rheinhöhenweg. Vorbei an Burgen ging es auf Wegen mit atemberaubenden Aussichten hoch über dem Rhein Richtung Süden.
Die gut ausgeschilderten Wege und freundliche, auskunftswillige Menschen sorgten für zielsicheres Wandern. Direkt vor den Toren des Geysirs in Andernach erwartete mich nach fast 18km und 700 Höhenmetern ein Dialog kafkaesken Ausmaßes mit dem Parkwächter. Der Geysir liegt rund zwei Kilometer außerhalb von Andernach und ist nur von der Rheinseite aus zugänglich, weswegen auch dort eine Schiffs-Anlegestelle ist und man normalerweise mit dem Boot von Andernach aus dorthin gebracht wird.
Wohl wissend, dass der Geysir nur alle zwei Stunden ausbricht war ich hocherfreut, als ich schon von weitem das Schiff auf seinem Weg zur Anlegestelle sah. Also sprach ich den Parkwächter an, der bereits auf dem Steg wartete und es entspann sich folgende Konversation:
“Guten Tag, ich würde gerne den Geysir sehen. Kann ich bei Ihnen eine Karte kaufen?”
“Nein, leider nicht. Karten gibt es im Erlebniszentrum.”
“Und wo ist das?”
“In Andernach. Und wenn Sie die Karte gekauft haben, dann werden Sie mit dem Schiff hierher gebracht.”
“Ok. Verstehe. Aber besteht nicht doch die Möglichkeit, irgendwo hier ein Karte zu kaufen?”
“Nein, leider nicht. Aus Umweltgründen sollen die Leute nicht zu Fuß herkommen, sondern mit dem Schiff.”
“Tja, aber nun bin ich nun mal die 18km hierher gewandert um den Geysir zu sehen…und irgendwie hilft es der Natur kein Jota, wenn ich jetzt noch weiter gehe.”
“Das Erlebniszentrum ist nicht weit, nur 2 km und Sie sind ja gut zu Fuß.”
Inzwischen war das besagte Schiff nur noch einen Steinwurf weit entfernt, die Zeit wurde also langsam knapp und zum ersten mal in meinem Leben versuchte ich, jemanden zu bestechen:
“Können wir beide nicht einfach so tun, als würde ich bereits auf dem Schiff da sitzen? Ich bezahle auch den vollen Preis. Gerne auch ohne offizielle Karte. Nach Andernach laufe ich dann zu Fuß. Ich will nur den Geysir sehen.”
“Nein, leider nichts zu machen.”
“Jetzt mal von Mensch zu Mensch: Sehen Sie das Absurde in dieser Situation?”
“Von mir aus würde ich Sie ja reinlassen, aber”, mit Blick auf Sammy: “Hunde sind sowieso verboten - nur Blindenhunde sind erlaubt.”
Sprach’s und wandte sich dem Schiff entgegen. Ich also nix wie hinterher und den Mann mit einem meiner Wasserflache eins übergebraten und den Kerl über den Steg geworfen.
Das habe ich natürlich nicht getan. Hätte ich aber gerne. Stattdessen bin ich also umweltschädlich bis nach Andernach gelaufen und dort in den Zug zurück nach Bad Breisig gefahren. Den blöden Geysir habe ich mir bei Youtube angesehen.
Am nächsten Tag ging es dann nach Remagen. Durch den schönen Ort Sinzig, entlang der kristallklaren Ahr vorbei an einem bedrückend schönen Soldatenfriedhof vor den Toren Bodendorfs.
Leider bin ich dann weit hinter Remagen die Berge runter gekommen und war einfach zu müde, um zurück zu laufen und mir die Ruine der Brücke anzusehen, die vor allem durch den Hollywoodfilm berühmt wurde. Wie so oft ist die Wirklichkeit aber viel spannender als die Fiktion. Oder wussten Sie, dass die Brücke die einzige war, die die Alliierten funktionstüchtig eroberten weil die Sprengung an einem defekten Kabel scheiterte? Die Wehrmacht ließ die Brücke daraufhin mit Kampfschwimmern und durch Luftangriffe mit den ersten Düsenbombern angreifen. Als auch das nichts half, ordnete der GröFaZ erfolglos an, Remagen mit der V2 zu bombardieren.
Von all dem erzählen heute nur noch die vier Stumpfe der Ruine, die gleich kariösen Backenzähnen das Rheintal säumen. Schließlich habe ich mir die Brücke noch von der Wasserseite ansehen können, denn zurück in Bad Breisig fuhr direkt vor meinem Hotel ein Ausflugsdampfer ab mit Ziel Remagen. Was wie eine beschauliche Fahrt begann, mutierte schnell zu einem akustischen Alptraum, denn der Kapitän war der Meinung, mal richtig Stimmung in die Bude bringen zu müssen indem er einen Ballermannhit nach dem anderen über die Lautsprecher jagte. Nichts, aber auch gar nicht hätte weiter entfernt sein können von der Stimmung an Bord, der malerischen Landschaft und dem Durchschnittsalter der Gäste. Die gleichen Leute, die morgens der Trauermusik ausgesetzt wurden, mussten jetzt die ewig-fröhliche Galeerenmusik ertragen deren Texte man nicht mal ignorieren konnte, weil sie auf Deutsch gesungen wurde.
Meine Fluchtbemühungen waren allesamt zum Scheitern verurteilt, denn selbst im entlegensten Winkel des Schiffs befanden sich Lautsprecher, damit kein Phon des Königs von Mallorca und der zehn nackten Friseusen ungehört verhallen konnte.
Es kam wie es kommen musste: Beim Versuch, achtern eine der Boxen abzuklemmen wurde ich von der Bedienung erwischt. Mein treuer Freund hat mich aber gebührend gerächt: Nach zwei Stunden Dampferfahrt hat er beim Verlassen des Schiffs an der Werbetafel das Beinchen gehoben und zu meiner grenzenlosen Genugtuung stand da nur noch „Täglich 15 bis 17 Uhr: Ausflug nach Rema“. Gut gemacht, Sammy. Normalerweise werde ich durch sein Pinkeln gegen irgendwelche Auslagen stolzer Besitzer von Damensandalen oder Kinder-T-Shirts.
Am dritten Tag bin ich dann nach Maria Laach gefahren um den Vulkansee zu umwandern und mir die berühmte Kirche anzusehen. Nun bin ich einer der unverbesserlichen, der Schilder an Kircheneingängen liest und beachtet. Da stand nun mal unmissverständlich: „Zur Zeit Gottesdienst – bitte nur zum Beten eintreten“. Was etliche Touristen mit offensichtlicher Lese- oder Verständnisschwäche nicht davon abhielt, kreuz und quer durch diese wunderbare Kirche zu laufen und beim Fotografieren peinlich genau darauf zu achten, dass sowohl Blitz als auch das elektronische Auslösegeräusch angeschaltet sind. Umso schöner war dann die Wanderung um den See mit herrlichem Ausblicken auf Kirche und Kloster. Ein rundum gelungener Ausflug.
© Text und Fotos: Frank Helbig. Unser Gastautor lebt in Düsseldorf, hat beruflich ganz viel mit IT zu tun. Privat liebt er das Reisen und - wie man sieht - die Fotografie. Für Gotorio schrieb er bereits ein wunderbares Stück über Marrakesch.


Reader Comments (4)
Gerade entdeckt. Wunderschöner Bericht, wunderschöner Blog! Großes Kompliment - ich komme jetzt öfters!
Lage Post aber es lohn sich es zu lesen! Es sieht sehr gut aus. du hast echt spaß gehabt. Es ist auf jeden Fall eine sehr gute Erhfarung, auch wenn einige Sachen sich so gut gelaufen sind.
Du hast aber sehr gute Bilder genommen.Die Artikel und die Fotos sehen wie ein Märchen aus. Ich transportiere mich nach die Lage...
Moin,
bin eigentlich kein Freund dieser "Das war wirklich ein schöner Bericht"-Kommentare - diesmal muss es aber sein:
denn so stell ich mir Reiseberichte vor - verschont von allzuviel CopyundPaste-DatenundFakten. Dafür Erlebtes so beschrieben, dass man fast mitläuft und vor allem mitfühlt!
Danke
Daniel Kroll