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Essen in Schottland: Cail Bruich!

“Und das Essen?”

Die Frage kommt unweigerlich. Jedes Mal, wenn wir von unserem Schottland-Urlaub schwärmen. Gestellt wird sie mit zweifelnd zusammengezogenen Augenbrauen und einem leicht zögerlichen Ekel in der Stimme.

“Und das Essen?”

Woraufhin wir ausrufen: “Super!”

Ja, das Essen in Schottland ist toll. Denn anscheinend ist hier eine Bewegung im Gange, die sicherlich in England schon ein wenig weiter ist: die Wiederentdeckung der eigenen Reichtümer.

Irgendwie wäre es ja logisch, gäbe es in Schottland gutes Essen. Schließlich erwerben wir in Deutschland doch schottischen Lachs und schottisches Lamm und schottisches Steak und schottischen Hummer, gelegentlich gibt es auch noch schottische Austern. In lebendem Zustand sind die Zutaten eines gehobenen Mahls nicht zu übersehen: Überall stehen Rinder, überall laufen Schafe herum und wer Glück hat, sieht zwischen Juni und September sogar Lachse und Forellen die Stromschnellen hinaufspringen - ein Bild, das nie mehr aus dem Kopf verschwindet.

Und all das soll sang- und klanglos und bis auf die letzte Gräte exportiert werden?

Natürlich nicht. Doch gab es eben eine düstere Zeit, in der das Vereinigte Königreich in seiner Gesamtvereinigung eine kulinarische Amnesie erlitt. Es vergaß, welch großartige Natur es beherbergte und welche wunderbare Tierwelt.

Die Wende kam Ende der 80er - und sie hält bis heute an. “Cail Bruich” ist gälisch und bedeutet “gutes Essen”. Und genauso ist es auch, das Essen in Schottland. Einfach. Gut. Praktisch überall, wo wir Hunger bekamen, aßen wir einfach gut. Nicht innovativ, spektakulär, die Sinne verdrehend ungewöhnlich - sondern simpel und lecker. Nicht nur auf Sterne-Niveau wie in “The Kitchin”.

Nehmen wir nur das kleine Örtchen Pitlochry, das sich vor allem durch sein Festival-Theater auszeichnet. Das steht direkt am Fluss und noch näher am Wasser liegt die “Fisherman’s Bar” (keine Homepage), ein kleines Häuschen mit wunderschöner Terrasse. Hier gibt es schottische Basisküche mit Anspruch. Zum Beispiel fabelhaften Lachs aus jenem Fluss, an dem man sitzt. Und Haggis. Leckeren, leckeren Haggis.

Über jene Nationalspeise müssen wir ohnehin ein paar Worte verlieren. Ihr Ruf ist… desaströs. Verständlich. Denn die Vorstellung von Schafsmagen, der mit Schafslunge, Schafsherz und sonstigen Schafsinnereien gefüllt wird, angereichert mit Zwiebeln und Hafermehl fällt nicht unter die Rubrik “Schön & Begehrenswert”. Noch dazu, da er gemeinhin mit Möhren, Kartoffelpürée und Bratensauce auf den Tisch kommt.

Tja, und dann sitzt man in der “Fisherman’s Bar”, unten am Fluss, und bekommt dies gereicht:

 Ja, so kann Haggis auch sein. Und er ist lecker. So lecker, dass uns auch nicht die Vorstellung schreckt, ein gutes Stück Filet vom Angus-Rind mit ihm zu füllen. So serviert ihn ein weiteres gastronomisches Kleinod: das “Sutherland House” (keine Homepage) in Dornoch. Direkt an der Kirche des aufgeräumten, kleinen Highland-Ortes liegt das Haus mit den groben Außenmauern. Innen ist es unspektakulär - im Gegensatz zur Herzlichkeit der Chefinnen. Die ist spektakulär. Man fühlt sich ins Herz geschlossen, wie so oft in Schottland. Denn ist man erstmal im Gespräch mit den Schotten, dann wird es richtig lustig.

Die Karte des “Sutherland House” führt viel Steak auf und ein wenig Meeresgetier. Innovativ ist das nicht - aber großartig zubereitet. So wie der Sticky Toffee Pudding, den es hier wie fast überall gibt. Als wir erzählen, wie sehr wir den mögen, eilt die Chefin zum Computer und druckt das Rezept aus. Schritt für Schritt geht sie die Zubereitung durch und erzählt, einmal hätte ein Ex-Gastin sogar Weihnachten aus den USA angerufen, weil sie diese Variante des Brotpudding zubereiten wollte - aber eine Kochkrise hatte, die dann per Telefon behoben wurde.

Ähnlich herzlich geht es im “Vine Leaf” zu. Es liegt im Herzen des Golfer-Ortes St. Andrews. Der ist auch ohne Schläger - man hat ja noch Sex - einen Besuch wert: Hübsch, kompakt angenehm. Das “Vine Leaf” fällt gemeinhin nicht ins Auge. Ein schmaler Eingang, ein paar Treppen, draußen eine Karte, drinnen ein fröhlicher Chef und viele Gäste mit den Golfer-Outfit-üblichen Polohemden. Das Essen ist solide: Meeresfrüchte-Platte, Salat mit Mango und Hummerfleisch - da kann man nicht meckern.

Allerdings: Noch eine Liga höher spielt das “Sea Breezes” (nein, auch keine Homepage) in Portree, dem größten Ort der Isle of Skye. Ein paar bunte Häuschen stehen am Hafen herum, drei von ihnen enthalten Restaurants, keines von ihnen wirkt, als erhebe es höhere Ansprüche. Wir entscheiden uns für das “Sea Breezes”, weil es lokale Austern anpreist - und da werden wir ja immer schwach.

Wir bekommen den letzten der ohnehin wenigen Tische. “Was für ein Glück”, werden wir hinterher sagen. Denn nicht nur die Austern sind hervorragend. Die Jacobsmuscheln sind vielleicht die besten ihrer Art, die wir weltweit aßen. Handgepflückt sind sie, was in Schottland häufiger der Fall ist. Und einfach groß und köstlich und perfekt gebraten. Wie alles hier vom allerfeinsten ist - bei äußerst überschaubaren Preisen. So wie das “Sea Breezes”, so muss ein Hafenrestaurat sein.

Ambientetechnisch das ganze Gegenteil ist jenes Lokal, das diesem Artikel seinen Namen gegeben hat: Das “Cail Bruich” hat sein Stammhaus in Renfrewshire, außerhalb von Glasgow. Wir besuchten den innerstädtischen Ableger, das “Cail Bruich West”. Warum es “West” heißt, obwohl es östlich des Ur-Restaurants… egal.

Es liegt an der Great Western Road, einer abwechslungsreichen Straße, aber nicht direkt in der City. Das Innere ist schlicht und weiß, die Tische stehen soldatisch aufgereiht, der Service ist aber alles andere als militärisch, sondern fröhlich und freundlich.

Die Küche ist schottisch mit leichten, modernen Anklängen. Da gibt es zum Beispiel Jacobsmuscheln, diesmal ertaucht in der Bucht von Tarbert, mit Westküsten-Krebs, Parmesankruste, Erbsenpürée und Beurre blanc.

Ebenfalls toll ist eine weitere schottische Traditionsspeise, in die wir uns verguckt haben: Black Pudding, eine Art Blutwurst. Das “Cail Bruich” serviert sie mit pochiertem Ei - eine leckere Schweinerei. 

 

Oder verschiedene Stücke von einer besonderen Schweinezüchtung der Ballancrieff Farm mit Apfelpürée (ja, der Schotte püriert gern), Kartoffeln und Babykarotten.

Und zum Finale Bananenparfait und ein kleiner Bananenshake sowie eine Käseplatte. Das “Cail Bruich” gereicht seinem Namen zur Ehre.

Wem aber all das Restaurantsuchen und Ausprobieren zu viel ist, der hat bei gutem Wetter ja zumindest zum Lunch eine Alternative. Die Schotten sind fast so picknickverliebt wie die Engländer. Auch hier gibt es bei “Marks & Spencer” oder den lokalen Supermärkten alles, was es braucht für ein Mahl im Gras. Herrliche Salate, frisches Obst (natürlich auch aus Schottland), geräucherte Forelle, heimische Kase, kleine Desserts. Mit denen sitzen wir am Ausläufer eines Lochs, ein Jagdhund springt ins Wasser und stört die Angler, im Hintergrund grünen die Berge.

“Und das Essen?”

Cail Bruich! Einfach cail Bruich!

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Reader Comments (3)

Warum es "Cail Bruich West" heisst ist doch klar, weil es im "West End" von Glasgow ist.

Aber dass Ihr auf Skye das Three Chimneys ausgelassen habt ueberrascht mich ja doch etwas.

Juli 23, 2009 | Unregistered CommenterArmin

Das "Three Chimneys" war fahrttechnisch schwierig zu machen - wir hatten unser Quartier ja in Inverness. Aber es steht auf der Liste für die nächste Schottland-Reise. Und die kommt bestimmt!

Juli 24, 2009 | Unregistered CommenterThomas

Das erklaert es natuerlich, da seid ihr entschuldigt ;-)

Kommen noch mehr Berichte von diesem Schottland-Urlaub oder war's das bis zum naechsten Besuch?

Juli 24, 2009 | Unregistered CommenterArmin

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