"The Kitchin", Edinburgh: Gestern Natur, heute auf der Platte
Da sitzt er nun und freut sich. Und kostet einen Bissen. Und freut sich noch mehr. Kostet noch einmal. Verzieht das Gesicht vor Genuss. Wendet sich zum Fenster, das den Blick in die Küche frei gibt und klatscht still Beifall - doch niemand der Kochmannschaft beachtet ihn. Dann steht er auf, versucht es zumindest. Er schwankt, scheint zu fallen, tappst leicht schlangengängig gen Toilette.
Selten sahen wir in einem Top-Restaurant einen so seltsamen Gast. Geschätzt Ende Dreißig, vielleicht jünger. Groß, schlaksig, dem Akzent nach Franzose. Er kam spät, wirkte schon da aufgekratzt, vielleicht hatte er als Aperitiv nicht nur alkoholische Genussmittel. Allein futtert er sich durch das Menü im “The Kitchin”, mit immer ratloseren Blicken beobachtet ihn das Personal. Am Ende geht er ohne im Restaurant selbst zu zahlen, vielleicht tat er dies vorne an der Bar. Vielleicht auch nicht. Ein bizarres Schauspiel.
Angesichts seines Zustandes ist es schon eine Überraschung, dass er überhaupt hierher gefunden hat. Denn die erste Frage, die sich viele Gäste stellen, die eine Tisch in “The Kitchin” reserviert haben lautet: “Bin ich hier richtig?” Und für die meisten dürfte die Antwort lauten: “Nicht ganz”.

Obwohl das Restaurant in Edinburghs Hafenstadtteil Leith seit 2006 praktisch von Null auf Platzhirsch in der Stadt ging, hat sich bei den Taxifahrern noch nicht herumgesprochen, dass die postalische Adresse den Küchenausgang bezeichnet, der Eingang aber auf der anderen Gebäudeseite liegt. Und dort gibt es keinen richtigen Straßennamen.
Wer angesichts jener Adresse, Commercial Quay, auf ein Essen am Wasser hofft, wird enttäuscht. “The Kitchin” liegt zwar dort, wo früher ein Kai war - doch von dem ist nur noch eine Art lang gezogener Springbrunnen ohne Spring übrig. Und noch eine - kleine - Enttäuschung erwartete uns. Wir hatten uns das Ambiente jünger und cooler vorgestellt.
Dafür spräche die Geschichte des Restaurants. Tom Kitchin war 29, als er 2007 seinen Michelin-Stern bekam - nur sieben Monate, nachdem “The Kitchin” eröffnet hatte. Optisch fällt er unter “Jung & Wild”, wirkt ein wenig wie Simply-Red-Sänger Mick Hucknall vor der Erfolgsverfettung. Er hat eine Menge bewirkt in Schottland, steht an der Spitze einer Bewegung, die frische, lokale Zutaten für eine moderne, regionale Küche mit ausländischen Anklängen - in Kitchins Fall französischen - verwendet.
Kitchin ist auf der Insel zwar noch nicht so bekannt wie Jamie Oliver, aber durchaus medienpräsent. Im August erscheint sein erstes Kochbuch, zum Titel hat es das Motto seines Restaurants: “From Nature to Plate”. Enthalten soll es saisonale Rezepte, denn die spielen auf der Menükarte seines Hauses eine besondere Rolle.
Das Ambiente des “Kitchin” ist dann aber bemerkenswert konventionell. Dunkelgrüner Teppichboden, unauffällige, aber keineswegs hübsch designte Bestuhlung und Betischung, ein karg gefülltes Bücherregal auf der einen Längsseite, ein breites Fenster zur Küche auf der anderen, das Licht ist gedimmt.

Immerhin, damit lenkt nichts ab vom Essen. Und das ist gut so. Denn was Kitchin auf den Teller bringt, ist toll. Wir entschieden uns - raten Sie, liebe Leser - für das sechsgängige Tasting-Menü. Die Besonderheit: Es ist eine Überraschung - welche Gerichte serviert werden, erfährt der Gast erst, wenn sie vor ihm stehen. Das ist gewöhnungsbedürftig. Andererseits: Es klangen so viele Speisen auf der Karte interessant - die Entscheidung wäre uns schwer gefallen.
Die Küche grüßt zunächst mit einer zum Gelée gewordenen Enten-Consomée. Klasse. Es folgt ein sommerlich frischer Krebssalat mit Koriander, Tomate, Avokado und einer Blüte, hübsch angerichtet in einer Krebsschale.

Noch eine Steigerung: die Schwertmuscheln mit Chorizo und einem perfekt gegrillten Stück Oktopus, dazu kleine Gemüsewürfel und Limettenconfit. Die Röstaromen des Tintenfisch und die Wurst würzen auf großartige Weise die durch Gemüse und Confit frisch schmeckenden Muscheln. Das hat etwas von Meisterklasse.

Es folgt eine schottisch-französische Ehe: Zartester Schweinbauch mit krosser Kruste begleitet von einer Schnecke. Sehr schön deftig, selbst für Schweinbauch-Verneiner lecker.

Dann ein schönes Stück Heilbutt mit Fenchel, Orange und Olive - ebenfalls ein angenehmes Sommergericht. Und wir hatten ja, wie berichtet, nur wundervolles Wetter bei unserem Schottland-Aufenthalt. Der Heilbutt ist von einer tollen Qualität, wie so viele Meerestiere in Schottland.

Lecker, aber fast ein wenig uninspiriert dann das Stück Rinderfillet mit Rotweinsauce, Pilzen, Erbsen und Speck. Noch dazu, da eines der Steaks einen winzigen Hauch zu trocken geraten ist.
Das bremst unsere Begeisterung nur 2,3 Zehntelsekunden. Auch, weil der Service durchgängig freundlich-fröhlich ist. Dass wir den von ihm empfohlenen Rotwein “Mas de Daumas Gassac” sehr mögen, scheint den Sommelier ehrlich und herzlich zu freuen. Wir ergänzen das Menü um eine Käseauswahl, aber eine schottische, bitteschön. Denn in Schottland ist es wie in England: Es gibt so viele, kleine Käsereien mit traumhaft leckeren Bio-Produkten. Warum ist so etwas in Deutschland eigentlich nicht möglich?

Dann das Finale: Cheesecake-Crème auf Shortbread mit einer Beerenauslese - schottischer Sommer pur, nur noch zu steigern, nähmen wir dies auf einer Picknickdecke mit Blick auf ein Loch oder ein Castle ein. Nicht einmal die Rechnung kann dieses Glück trüben: 60 Pfund für das Menü - das sind 72 Euro. Für diese Qualität ein Schnäppchen. Weshalb das “The Kitchin” beim nächsten Edingburgh-Besuch - und der wird kommen - wieder auf der Liste stehen wird. Das versichern wir uns, als wir auf das Taxi warten. Und wir warten lange: Der Fahrer hatte den Hinterausgang angesteuert.
The Kitchin
78 Commercial Quay
Leith, Edinburgh
Telefon: +44 131 555 1755


Reader Comments (2)
Einerseits: Vielen Dank für den Bericht! Andererseits: Wieso hatten wir das Lokal bei unserem letztjährigen Edingburgh-Urlaub nicht auf dem Radar, verdammt?
@ Chère Mamsell, weil ich da Ihren Blog nochc nicht kannte ;-)
@ Freut mich sehr, lieber Herr K., daß es Ihnen gefallen hat - wie mir Ihr Bericht, danke.