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Rügens Top 10 in einer Woche

Es ist Krise. Und Krise bedeutet oft auch Hektik. Keine Zeit. Für langen Urlaub. Nur eine Woche ist Zeit für Rügen. Das Wetter ist unbeständig. Seien wir effizient. 10 Punkte nur. Eine Liste der To-Do’s auf Rügen.

1) Sellin:

Binz sollte man vergessen, Sellin ist Urlaub! Eine 2.000-Seelen-Perle direkt am Strand. Hier wurde die Wilhelmstrasse als kleiner Pracht-Boulevard liebevoll restauriert. Die weissen Häuser mit ihren verzierten Fronten der Vorbauten erinnern an die Architektur der Südstaaten. Und auch sonst ist von maroden Bauten nichts zu sehen. Dorint restaurierte gleich drei Gebäude und verband sie unterirdisch, und die omnipräsenten Edel-Makler Engel & Völkers haben sich die Sahneschnitte unter den Immobilien direkt an der Seebrücke geangelt. Die Seebrücke verschlägt auch einem Globe-Trotter den Atem. Was ist schon Brighton? Sicherlich ist diese Brücke vor 100 Jahren nicht so schön gewesen. Sie steht ja auch erst wieder seit 10 Jahren.

2) Prora

Dder Ort liegt bei Binz und hat keinerlei Attraktivität - aber dafür historische Schwere: Hitler baute hier im Wahn seine KdF-Ferienanlage. Die ist immer noch nicht abgerissen, selbst russischer Sprengstoff versagte. Aber seine Bestimmung hat sie auch nie wirklich gefunden. Wirklich top gelegen direkt am Strand liess der Gröfaz eine 4,5 km lange Bettenburg für 20.000 potentielle Gäste bauen. Die Kosten des Zweiten Weltkrieges kamen der Eröffnung in die Quere, und so war dieser Koloss jahrzehntelang Kaserne. Seit 1994 sucht das Bundesvermögensamt einen Investor. Es regnet in einigen Häusern seit mehreren Jahren durchs Dach - kein Verkaufsargument.

Betreten kann man sowieso nur einen Trakt in Form eines KdF- und NVA-Museums. Da hat man mit einem Eintrittsticket zwei Mal deutsche Geschichte, die man lieber nicht hätte. Auch das Dokumentationszentrum Prora bietet in den Original-Bauten sehr viel anschauliches Material zur NS-Propaganda KdF. Die Ironie der Geschichte will es so: In dem ehemaligen Tanzsaal ist nun eine Disco.

3) Rasender Roland

Dampfloks in Betrieb sind wirklich laut und stinken! Dieses Pfeifen und der schwarze Rauch lassen Eisenbahnerromantik im Keim ersticken. Die Deutsche Bahn hat das kleine Streckennetz des Rasenden Rolands allen Ernstes mit in Ihre vorgeschlagenen Bahnverbindungen aufgenommen. Also Vorsicht bei Anschluss-Zügen auf Rügen: Es kann eine Dampflok sein, die man da mit der BahnCard bucht.

4) Jugendherberge

Dieser Punkt könnte Seiten füllen. In aller Kürze: Als Familie ist eine hochrangige Jugendherberge wie die in Sellin zu empfehlen. Welches andere Dienstleistungsunternehmen hat sich sonst schon 100 Jahre erfolgreich gehalten? Die Jugendherbergen unterstehen einer Kategorisierung nach Hotel-Sternen. Eine gute Orientierung! Mit einem Familienzimmer ist man unter sich und hat ein keimfreies, eigenes Bad. Doch, wirklich, das gibt es in Jugendherbergen. Im direkten Vergleich scheint die ein oder andere englische Pension oder spanische Hotelanlage nun gesundheitlich bedenklich und gar meldepflichtig.

Und der Clou: die Lage ist meistens gut, Kinder können unter Ihresgleichen auch mal durch den Frühstücksraum laufen und alle sind laid-back. Hier gibt es auch Latte Macchiato, Vegetarier-Menüs und auf muslimische Essgewohnheiten wird Rücksicht genommen. Findet man das standardmäßig auch in Pensionen? Neben einer kleinen „Brennpunkt“-Gäste-Gruppe aus Berlin Marzahn saßen morgens friedlich die paar Schüler der privilegierten Internationalen Schule. Im Grunde gab es hier kein gemeinsames Gesprächsthema. Daher blieb es auch ruhig. Im Übrigen waren zu 80 Prozent Familien oder Mütter mit ihren Kindern hier zu Gast, also wenig Jugendlichen-Lärm.

5) Ozeaneum Stralsund

Als wäre das New Yorker Guggenheim-Museum verkleinert und im Hafengebiet zwischen alten Backsteinhäusern passend gemacht worden: Tolle Architektur verbindet einen Schlängel-Rundgang von einem Gebäude-Turm zum anderen. Beeindruckend sind Crypta und das grosse Aquarium. Aber zum Schluß überwältigt einen doch die große Halle der 1:1-Modelle eines 26 Meter langen Orka und dreier anderer Wale. Die Liegen, der Sound aus einer Bose-Anlage und die Atmosphäre führen zu einer gelungenen Illusion, selber Teil des Meeres zu sein. Dabei will man nicht in der Nähe sein, wenn tatsächlich ein Orka-Baby mit 4.500 kg auf die Welt kommt. Der Besucher wird mit einem Blick auf die Stralsunder Brücke und die Gorch Fock I belohnt (kann man auch besichtigen).

6) Eisenbahnmuseum in Prora

Bei Regen ist ein Museum immer eine gelungene Abwechslung. Manchmal aber auch eine gelungene Überraschung. Denn der unscheinbare Name des Museums läßt nicht ahnen, dass amerikanische Oldtimer, gigantische Loks, alte BMWs und unzählige Loks hier Platz haben. Die Anzahl und die Größe der russischen Loks beeindrucken sehr. Clever: Der Eingang ist eine alte Straßenbahn, durch die man hinten einsteigen, innen das Ticket kaufen und vorne aussteigen muss.

7) Jagdschloss Granitz

Hhier kommt doch noch etwas DDR-Gefühl auf. Denn zu dem hoch gelegenen Schloß kann man nur per 2,2 km Fussweg durch einen tollen Wald gelangen, mit 12 Prozent Steigung zum Teil. Alte Leute kaufen sich die Fahrt dorthin mit einer Kutsche, aber schlichtweg alle krakseln über nicht-asphaltierte Wege zum renovierten Schloß mit vielen ausgestopften Wildschweinköpfen.

8) Putbus

Als wäre das englische Königshaus hier abgestiegen und hätte ein wenig Landschafts- und Gebäudearchitektur betrieben. In der Mitte der sonst eher langweiligen „Residenzstadt“ triumphiert ein “Circus” mit mittigem Obelisken. Drumherum reihen sich weiße, einheitliche Gebäude. Ein paar Schritte weiter lädt die Orangerie mit neuem Wintergarten zum Tee ein, denn es kann ja auch mal wieder regnen….

9) Fischkombinat 24

Endlich ein DDR-Name! Überall sieht man diese kleinen Fischbuden auf Rädern mit dem sehr eindeutigen Namen. Es ist gut möglich, dass diese Fischkette früher Fischkombinat 2000 hieß. Aber man geht ja mit der Zeit…

10) Binz

Tja, manch einer mag viel Trubel auf der engen Promenade. Aber das hier ist nicht Sylt, auch nicht die Cote d’Azur, hier findet man eher gleich gekleidete Pärchen und viel zu viele Leute in der Nebensaison.

Wenn im November 20 Jahre Mauerfall gefeiert wird, dann ist das schon die Hälfte der Zeit, die die DDR überhaupt existierte. Und in den vergangenen 20 Jahren wurde sehr viel investiert, um eine Anpassung oder Angleichung herzustellen. Flächendeckende Spaßbäder, ausreichende Gastronomie, lange Ladenöffnungszeiten, freundliche Bedienungen, alle BRD-üblichen Franchise-Ketten, Kurkarten-Systeme, und Tourismus in seiner professionellen Art sind im äußersten Nordosten angekommen. Zum Teil scheint gerade in den letzten Jahren noch einmal alles Historische liebevoll und aufwendig restauriert worden zu sein; aber das westliche Nachbauen der alten Strukturen im Disney-Land-Stil passt nicht, und funktioniert auch nicht: hier das Beispiel Seepark Sellin.

Und nun genug erholt. Es ist Krise.

Gastautorin Katrin Weber arbeitet in der Content-Vermarktung der Verlagsgruppe Handelsblatt. Für Gotorio listete sie schon “10 Gründe für London” auf und berichtete von der Costa de la Luz.

 

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Reader Comments (2)

Ein großer Spaß für den geneigten Golfer ist auch der Golfclub Sassnitz direkt an der Steilküste.

Juni 17, 2009 | Unregistered CommenterAlexander

Alles ein Muss für jeden Rügen-Touristen. Aber es gibt natürlich noch viel mehr: Die Störtebeker-Festspiele in Ralswiek, ein Schiffsausflug nach Hiddensee, das Bücherdorf in Gingst. Und wer dann noch Zeit zum Faulenzen am Strand hat, kann sich demnächst auch noch den spannenden Rügen-Krimi "Aktion Störtebeker" holen ...

Juni 17, 2009 | Unregistered CommenterKlaus Scheld

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