Urlaub in Lappland: Frostbeulen-Freuden bei -30 Grad
Bei arktischen Temperaturen zieht man sich nicht einfach warm an, wenn man die eigenen vier Wände verlässt. Das Ankleiden mutiert zu einer bedächtigen Prozedur, die eher an einen Taucher oder einen Astronauten erinnert. Ist man im beheizten Hotelzimmer bei Klamottenschicht vier von sieben angelangt, wird einem so unerträglich heiß, dass man die restlichen drei zügig bei geöffneter Balkontür überstreift, bevor man wie ein Michelin-Männchen ins Freie wankt.
Beim ersten Atemzug friert einem zum Dank dafür der Rotz in der Nase ein.

Warum tut man sich so etwas freiwillig an und fährt im Januar nach Levi, den finnischen Teil Lapplands, wenn man es beim Anton in Tirol auch gemütlicher haben kann? Zumal man sich nicht nur mit der Kälte, sondern auch mit funzeligen Lichtverhältnissen auf dem 67. Breitengrad im nördlichen Polarkreis herumschlagen muss: Die gelbe Sau namens Sonne zeigt ihre ersten Strahlen ab 10 Uhr - um 15 Uhr ist sie auch schon wieder weg.
Die Antwort auf die “Warum?”-Frage liefert am ehesten dieses Bild, aufgenommen um „High Noon“ vom Heck des Hundeschlittens, der von vier unermüdlichen Huskys durch den Schnee gezogen wird:

So einen Augenblick vergisst man sein ganzes Leben nicht, weil sämtliche Sinne jenseits des Multitaskings im Alltag auf diesen einen Moment gerichtet sind. Die Kälte ist spürbar, aber beherrschbar, der Blick ungläubig auf die Mittagssonne am Horizont gerichtet, während einem die freundlich jaulenden und im Laufen scheißenden Hunde demütigen Respekt abverlangen. So wie es auch Juha Laine, Inhaber von Snow Riders beschreibt: „Hier werden Mensch und Tier zu einem Team.“

In Levi gibt’s auch einen Berg zum alpinen Skifahren, aber haut einen mit seinem Gipfel auf 504 Metern überm Meer nicht wirklich von den Brettern - zumindest wenn man im Münchner Alpenvorland aufgewachsen ist.

Aber genau das ist es ja: Nach Levi fährt man nicht, um das gleiche wie in St. Moriz oder Garmisch-Partenkirchen zu erleben. Nein, hier entwickelt man bei auf den ersten Blick widrigen bis widerlichen Verhältnissen eine vollkommen neue Sicht auf den Winter. Und da gibt’s viel mehr Tolles zu entdecken, als man auf Anhieb vermuten mag.

Auf 230 Kilometer frisch gespurten Loipen rund um Levi ist man noch unter sich und pflügt mit kontrolliertem Puls und einem Gehör für den eigenen Atem durch einsame Wälder, flache Hügel, weitläufigen Ebenen und zugefrorene Seen. Vielleicht zehn andere Langläufer begegnen einem auf so einer dreistündigen Tour. Allerdings wird man, ohne ein Weichei zu sein, gelegentlich auch nicht den Gedanken los, dass eine kleine Panne oder eine harmlose Entkräftung „in the middle of nowhere“ bei solchen Tiefsttemperaturen fatale Konsequenzen nach sich ziehen kann. Immerhin ist Finnland nicht zuletzt dank Nokia mit Mobilfunknetzen bestens überzogen und das Hotel für eine eventuelle Bergung nur einen Tastendruck auf dem Handy entfernt.

(Erwähnt sei noch, dass man außerhalb der der fünf Stunden Tageslicht 18 Kilometer beleuchtete Loipen zur Verfügung hat.)
Für ein echtes James Bond-Feeling sollte man sich eine Tour auf dem Schneemobil nicht entgehen lassen; das sind diese ziemlich laut motorisierten Kisten, die unten von einer Kette im Schnee angetrieben werden. Will man selbst fahren, braucht man einen gültigen Führerschein fürs Auto und eine 5-minütige Einweisung. Alles kein Hexenwerk. Gas gibt man mit einem Hebel, den man mit dem Daumen an den rechten Griff heranzieht, die Bremse befindet sich konventionell am linken Griff und gelenkt wird so ähnlich wie auf dem Motorrad. Und wenn man an eben diesem Hebel rechts zieht, dann darf man sich schon gut festhalten, bis das Gefährt zügig auf 120 km/h beschleunigt und einem dabei minus 32 Grad kalte Luft auf den Leib bläst.

Dafür bedarf es noch einmal einer Extra-Schicht Spezialbekleidung mit einem Ganzkörperoverall. Dazu eine Sturmhaube samt eines Helms, bei dem man sich ein langes Visier vors Gesicht kippt. Damit sieht man dann aus, als würde die GSG 9 zu einem Anti-Terror Einsatz in Eis und Schnee ausrücken.
Das ganze Material wird von den äußerst sorgfältigen Lapland Safaris gestellt, deren Route uns zum Eisfischen an einen 20 km entfernten See führte. Nachdem der Tourguide mit motorgetriebenen Drillbohrer ein kleines Loch ins 50 cm dicke Eis gebohrt hatte, durften wir unser Glück versuchen. Alle 15 Minuten mussten wir mit einer roten Plastikkelle das Loch wieder freischöpfen, um ein erneutes Zufrieren zu verhindern.
Unter diesen Umständen wird man mit unerwarteten Problemen konfrontiert: Atmet man versehentlich in Richtung der Kamera, beschlägt die Linse augenblicklich mit Eis. Mit der Innenseite des Handschuhs lässt es sich entfernen, zwar mit Schlieren - besser als nichts. Will man den Drillingshaken mit den lebenden Maden als Köder bestücken, wird einem bewusst dass die dafür nötigen nackten Hände zur unendlich knappen Ressource werden. Jeder einzelne Schritt zur Vorbereitung will genau durchgedacht sein bevor man sich der schützenden Handschuhen entledigt. Jetzt bleiben einem ungefähr zwei Minuten, um alles Nötige am Haken zu erledigen. Im Nu sind die Hände taub, unbrauchbar und müssen schleunigst zurück in den Handschuh. Ein bisschen unentschlossen geknabbert haben die Fische - aber nicht richtig gebissen. Denen war’s wohl auch zu kalt.
Auch wenn man sich sein Mittagessen nicht autark gefangen hat, muss gottlob in Lappland niemand verhungern. Der Finne schätzt ordentliche Portionen auf dem Teller. Sehr beliebt in diesen Breiten vor allem Kartoffelpüree abwechselnd mit Lachs oder Rentier, manchmal auch gemeinsam. So zu Beispiel im empfehlenswerten “Saamen Kammi”, einem urigen Restaurant mit folkloristischem Einschlag, wo man sich für 45 Euro an einem stilvollen all-you-can-eat Buffet am Feuer labt, um anschließend mit landestypischem Yoik-„Jodeln“ unterhalten zu werden.

Gute Erinnerungen bringe ich aus dem Hotel “K5” mit, dem das erwähnte Restaurant angeschlossen ist. Wenn man nicht gerade zur Hauptsaison im März/April bzw. über Neujahr kommt, muss man mit ehrlichen 90 EUR fürs Doppelzimmer inklusive Frühstück rechnen. Gemessen am ansonsten stattlichen Preisniveau Finnlands geradezu ein Schnäppchen.
Das Haus ist gut geführt, die Bar mit einem Wintergarten verglast und die Wintersportausrüstung wie Langlaufskier und Schneeschuhe kann man sich in solidem Zustand aus dem Gerätekeller ohne Aufpreis leihen. Der Kraftraum im Untergeschoss macht einen exzellenten Eindruck, der selbst so manches professionelle Fitnessstudio alt aussehen lässt. Das Beste allerdings: Jedes der Zimmer verfügt über eine eigene kleine Sauna, wo man sich zu zweit nach minus 30 Grad auf plus 90 Grad instant-auftauen lassen kann.
Nachdem man in den fünf Stunden Sonnenlicht sein sportliches Tagewerk geleistet hat, gegessen und sauniert hat, ist es Zeit für einen eisgekühlten Wodka auf ex. Genau richtig für ein Nachmittagschläfchen um halb vier, wenn die Sonne schon wieder untergegangen ist.
Gotorio-Gastautor René Seifert ist Unternehmer in Bangalore (Indien) und bereist ansonsten gern die Welt. Er bloggt unter www.reneseifert.com.
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