Hotel "Boston HH": Melancholie hamburgaise
Sepia umhüllt mich. Kein bräunliches Sepia, ein ein leicht oliviges. Mich fröstelt, obwohl es nicht kalt ist. Zuckendes Licht aus dem Flachbildfernseher wirft sich auf mein Bett. Nachtjournal. Ich ziehe die Decke ein Stück höher.
Eigentlich kann Hamburg ein Hotel wie das “Boston HH” gut brauchen. Die schönsten Design-Hotels sind entweder am Ende der Welt (“25 hours”, “Gastwerk”), citytechnisch gesehen, oder zu teuer (“East”). Bleibt noch das empfehlenswerte “The George”, das sich anscheinend steigender Beliebtheit erfreut - jüngst war es ausverkauft.
Also das “Boston HH” - auch weil es bei HRS und Hotel.de höchst löbliche Bewertungen bekommen hat. Beworben wird es mit schwülstigen Worten: “Ein Kamin, in dem was wohlige Feuer prasselt. Eine Lounge, die Ihnen beim Betreten gleich ein heimeliges Gefühl gibt…”

Und das stimmt. Im Foyer des “Boston HH” ist schon Weihnachten, der Kamin ist angeworfen. Hier vermischen sich Bar, Lobby und Restaurant - und das ist gut so. Ein Wohnzimmer für die Gäste, ein schönes gar, mit Wlan und bequemen Sesseln. Viele aufgeklappte Laptops zeugen davon: Die Idee funktioniert. Und auch der Service macht die Sache angenehm, selten wurde ich so strahlend begrüßt wie hier.
Und noch etwas ist explizit zu loben: Auf allen Zimmern gibt es kostenfreies und funktionierendes Wlan.
Dann der (bemerkenswert langsame) Fahrstuhl, die Tür öffnet sich - und Melancholie umkrallt die Seele.
Ein uniformer Gang ohne Schmuck. Nur Türen, die Nummern kaum lesbar über der Klinke. 408. Ich schiebe die Karte hinein, mich begrüßt - eine schwarze Wand.
Zumindest wirken so die Schiebetüren des schwarzen Schranks. Rund 40 Quadratmeter groß ist nämlich das Zimmer. Und um das aufzuteilen hat der Architekt eine Zwischenwand eingezogen, die auf beiden Seiten umgehbar ist. Und vor der steht der Schrank. Rechts davon ein offenes Bad, Dusche und WC in kleinen Extraräumen mit viel schwarzem Granit.
Ich umrunde den Schrank und denke: “Wo ist die andere Hälfte der Möbel?”
Ein großes Zimmer ist schön. Doch hier bedeutet es auch: große Leere. Ein Glasschreibtisch steht noch im Raum, ein bequemer, breiter Sessel, ein Bett. An der Wand lehnt ein Spiegel, fast mannshoch. Das wars. Keine Bilder an den Wänden, nur ein für die Größe des Raumes zu kleiner Flachbildfernseher auf einem Ständer.
Das alles ist vom Guten. Das TV von Loewe, zum Beispiel. Die Möbel machen einen teuren Eindruck.
Doch über allem liegt Sepia. Die mageren, an japanisches Design erinnernden Stehlampen erhellen am Abend nicht mal ansatzweise den Raum. Und die breite Fensterfront wird von einer weißen Gardine verhängt, die wahlweise von einem schlammgrauen Vorhang noch weiter abgeschottet werden kann.

Fröhlichkeit, Du bist nicht Gast hier im “Boston HH”. Zumindest nicht oben, in den Zimmern. In meinem Kopf spielen The Notwist ihre traurigen Wiesen. Immer habe ich gesagt, Hamburg sei eine schöne Stadt für regnerische Tage. Weil ihr tiefhängende Wolken und steifer Wind etwas buddenbrookerisches verleihen. Doch so viel Melancholie wie an diesem Abend im “Boston HH” mag ich nicht ertragen. Nein, mein Hamburg, diese Gefühlskälte hast Du nicht verdient.
Ich ziehe die Decke hoch und lösche das Licht. Endlich kein Sepia mehr.

Reader Comments (1)
Mir fehlt bei aller Mitfröstelei ein wenig Information: Wo genau?, Link?
Ja, mein Nachbar 'The George' bekommt immer und überall Lob, das stimmt.