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"Landhaus St. Urban": Augen auf, liebe Michelins

Spätsommer, ich bin unterwegs mit zwei Freunden aus meinem Jazztrio um die einschlägigen Winzer zu besuchen, schon Mittags einen kleinen Hochgewächsrausch zu haben und auf gemütlichen Mosel-Cafeterassen in der von den Schieferhängen reflektierten Wärme zu sitzen. Beim anschliessenden Spaziergang freut man sich auf den Besuch in ein paar Tagen beim “Sonora”, die ja wieder ihre drei Sterne verteidigt haben.

Untergekommen sind wir in einem kleinen Idyll, dass keiner von uns bis dahin kannte, ein Hotel mit Restaurant, in dem wir vorzüglich empfangen werden. Keine große Lobby, alles im klassischen Landhausstil, sehr schick und sehr gepflegt aber alles andere als unangenehm prätentiös oder gar imposant. Die Zimmer fallen sofort angenehm auf durch schön, individuelle Gestaltung (es gibt für jedes Zimmer ein Motto), der Service ist aus einem Guß, sehr persönlich und trotzdem einem sehr hohen Niveau entsprechend. Wir fühlen uns auf Anhieb ausgesprochen wohl, ja, auf seltsame Weise ein bisschen heimelig und familiär. Ohne es bemerkt zu haben, sind wir nämlich in einem kleinen endemischen Kulinarium gelandet, der seine ganz eigene Magie hat: Das “Landhaus St. Urban” von Harald und Ruth Rüssel in Naurath, bei Trier.

Schon die Anfahrt ist ein bisschen abenteuerlich: Geschlungene Pfade, Landstraßen, die durch Elfenwälder führen, in denen wir in diesem Herbst reichlich Steinpilze finden, Wiesen und kleine Flüsse wechseln sich ab und führen durch Täler und über Kuppen. Alles sehr grün, alles sehr ästhetisch.

Hier atmet man reinstes Moselland und als wir auf dem Kies vor dem Eingang anfahren, wird schnell klar: An diesem Ort hat sich ein Ästhet niedergelassen. Die Außenanlage hat viele kleine Ideen, ein Bänkchen hier lädt zum sitzen ein, ein Weiher dort zum verweilen. Alles ist auffällig gepflegt.

Das Gebäude ist eine ehemalige Mühle, die das Ehepaar Rüssel 1992 gekauft und mit viel Fleiß und großer Konsequenz zu diesem Idyll umgebaut haben (Hotel 4Sterne superior).

Doch wo wir wirklich gelandet sind, dass sollte sich erst Abends herausstellen - im Restaurant.

Die Karte ist handgeschrieben, und auch hier fällt sofort ins Auge: Jeder Tintenschwung strahlt eine klare Linie und Ästhetik aus. Später sollte mir bei der Signatur eines seiner Kochbücher auffallen: Es ist in der Tat die Handschrift des Meisters, der auch hier seine ästhetischen Ansprüche durchsetzt.

Es gibt eine angenehme Auswahl an Menüs und a la Carte Gerichten. Und noch etwas fällt auch gleich zu Anfangs auf: Rüssel ist ein Verfechter der regionalen Küche. Der eigenwillige Stil lässt sich am ehesten umschreiben als „französische Küchenmalereien für Gourmets mit regionaler Leinwand und Moselland-Rahmen“. Da findet man Landei mit Stampfkartoffeln, Kalbsrouladen, regionale Pfirsiche, aber auch Schweinebauch (Rüssel hat sich eine einheimische Rasse angeschafft und hängt das Schweinefleisch sogar selber in seinem Keller ab!!) und innerhalb einer fantastischen Auswahl an Broten ein Früchtebrot – letzteres wurde gleich zu Anfang gereicht und führte sogleich zu intensiven Diskussionen an unserem Tisch – drei Hobbyköche und dreimal falsch geraten bei den Ingredienzen…

Das Amuse geuille begeistert uns drei (was man aus Kaninchen so alles machen kann!) und mit dem ersten Gang sind wir dem Meister verfallen. Was nun folgt sind fünf Gänge, die schlichtweg glücklich machen. Ein Rehfilet in einem Würzteig frittiert ist seither in meiner eigenen Küche fester Bestandteil und das Basilikumsorbet ist geradezu sensationell aromatisch. Rüssel kocht nicht molekular, man erkennt ja tatsächlich noch, was man auf dem Teller hat. Stattdessen kocht er einfach atemberaubend gut.

Jeder Gang ein Highlight, die Weine die man uns empfiehlt sind richtig ausgewählt, da hat man sich im Hause wirklich Gedanken gemacht, und auch der Service fällt durch seine Leichtigkeit und Souveränität ausgesprochen angenehm auf. Rüssels regionaler Touch überzeugt, die Waren stammen oft aus der Gegend und sind auffällig frisch.

Als wir vollkommen zufrieden und angenehm satt nach diesem Gaumentraum uns noch einen Grappa genehmigen, kommt sogar die Chefin Ruth Rüssel an die Tafel, und nach einem kurzen Gespräch mit der ausgebildeten Sommelière wird uns klar, warum wir uns hier so wohl fühlen mussten: Harald Rüssel hatte einstmals geplant, Trommler zu werden. Doch dann führte ihn sein Weg in die Küchenkunst über Christof Lang, den Rostangs an der Cotes d’Azur zu Dieter Kaufmann in der Grevenbroicher Traube, wo er alle Stationen in der Küche kennenlernt um schließlich bei Dieter Müller bald dessen bester Mann im Team zu werden.

Wir bleiben noch zwei weitere Tage, genießen das vorzügliche Frühstück und verbringen den nächsten Abend im “Sonora” um die Ecke. Drei Sterne. Ist ja alles ganz lecker. Auch ganz nett. Aber zu später Stunde sind wir dann doch froh, wieder im weniger samtschweren Ambiente des “Landhauses St Urban” zu sein.

Das Restaurant im Landhaus hat heute zu, aber der Chef hat an uns gedacht: Wir mögen uns in der Lobby gerne noch am Wein gütlich tun und einfach aufschreiben, was wir hatten. So viel persönliche Gastfreundschaft in einem Hause auf diesem Niveau verschlägt einem förmlich den Atem

Als wir dann wieder auf der Heimfahrt sind, bleiben viele Fragen unserer Diskussion unbeantwortet: Wieso hat dieser Mann bloß einen Stern? Was stimmt nicht mit den Zungen dieser Michelinschriftsetzer? Und warum verdienen wir mit Jazz nicht genug Geld, um ständig wieder in dieses Refugium zurückzukehren?

Immerhin, wir haben zwei Bücher von Rüssel gekauft, und beide Bücher sind voll mit wertvollen Hinweisen über seine Küche, im „Rüssel, das Kochbuch“ gibt es einen exzellenten Saucenteil, den unser Schlagzeuger Falko gleich nachkochte (Photo).

Und es gibt auch einen Band in der Süddeutsche Bibliothek der Köche, in der Rüssel vertreten ist, der Rezeptteil ist dort zwar nicht ganz auf dem Niveau, auf dem Rüssel kocht, aber man bekommt einen sehr guten Eindruck über das Haus für eine kleine Mark. Es gibt auch ein neues Buch von ihm, das nun auf meiner Weihnachtswunschliste steht.

Alles in allem sei also jedem Freund richtig großer Küche und eines perfekten Wochenendes ohne große Kempinsky-Vierjahreszeiten-Adlon-Glitterlobby und aus allen Ecken tönendes, schleimiges „Selbstverständlich gerne!“ als Top-Tip dieser Republik das “Landhaus St Urban” ans Herz gelegt.

Und wer nur kurz an der Mosel verweilen kann: Das Restaurant (Montag Ruhetag) ist – das sei den Gaumenfreunden gesagt -für Gourmets eine Pflichtveranstaltung!

Landhaus St Urban
Büdlicher Blick 1
54426 Naurath

Tel.: +49 (0)6509 9140-0

Preise: 5 Gänge ab 118,- à la carte zwischen 20,- und 40,- Euro.

Mittagstisch zwischen 12h und 14h

Hotel EZ ab 85,-

Gastautor, Hobbykoch, Jazzer und Kabarettist Tobias Sudhoff schrieb für Gotorio bereits über das “Nam-Kee” in Amsterdam.

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