Design-Hotels in London und Schottland: Rule Britannia!
In Sachen Mode ist britischer Stil in diesem Herbst und Winter waaaahnsinnig angesagt. Aber so was von. Was mich als bekennenden Fan von Paul Smith, “Gott”, wie ich ihn gern nenne, sehr freut.
Dieser Schritt zur weiträumigen Anerkennung englischer Lebensart wäre also schon mal gemacht. Doch das darf nicht alles sein. Es muss weitergehen. In Richtung Hotels: Möge auch dort der britische Geschmack regieren! Denn auf der Insel tut sich etwas in Sachen Designhotels.
Dort stießen wir bei unseren Reisen gen Schottland und London gleich reihenweise auf einen neuen Stil. Zutiefst englisch, was Stoffmuster und Auftreten betrifft - aber doch modern. So wie jene Designs, die Tricia Guild und ihre Designers Guild erschaffen und die in Deutschland derzeit in hochwertigen Einrichtungsgeschäften auftauchen.
Ein gutes Beispiel für diesen Trend ist das “Number Sixteen” in London. Zwei Ecken entfernt von der U-Bahn-Station South Kensington liegt eine dieser wunderschönen, viktorianischen Häuserzeilen, kolonadenreich und strahlend weiß, Sumner Place heißt sie.
Dort, in der Nummer 16, residiert - “Number Sixteen”.
Fast immer sitzen Gäste vor dem Hotel auf einer der beiden weißen Bänke, häufig ein Buch in den Händen. Nicht immer sind sie Raucher, was ja erklärbar wäre. Nein, mancher möchte vielleicht einfach das Gefühl haben, hier zu leben. Ein Haus zu haben in einer gut begüterten Gegend Londons, wo er jeden schönen Tag vor der Tür sitzen könnte. Bei dieser Träumerei stören kein roter Teppich und keine Portiers. Das “Number Sixteen” ist von außen pures, britisches Understatement, als Passant käme man gar nicht auf die Idee, dass hier ein Hotel seinen Sitz haben könnte.

Drinnen geht es wunderbar englisch weiter. Ein Lese- und ein Barzimmer liegen im Erdgeschoss mit Blick auf die Straße. Eingerichtet sind sie in jenem Tricia-Guild-Stil, der alte Ornamente mit bunten Farben mischt. Hinten im Hof gibt es noch einen Garten, wo Tee und Snacks gereicht werden, das alles mit äußerster Freundlichkeit und ohne einen Hauch von Servilität. Das Team des “Number Sixteen” strahlt Dienstleistungspower aus. Äußerst hübsch die Idee, Gäste mit einem kleinen Geschenk zu begrüßen: Eine Schachtel mit geringelten Bleistiften wurde uns aufs Zimmer gebracht - sehr nett.

Die Zimmer sind - willkommen in der Londoner Realität - klein. So klein, wie eben Zimmer in einem Wohnhaus sind. Nur würde man hier wohnen, hätte man eben alle Räume zur Verfügung - und nicht nur einen. Wett macht das durchdachte Platzökonomie und detailverliebtes Design.

Hier durfte sich jemand austoben - und jedes Zimmer anders einrichten. Wem es zu eng wird, der kann bei gutem Wetter zumindest bei den Räumen nach vorne auf den Balkon treten. Lang gestreckt verbindet er alle Zimmer von außen.

Die Sache mit der Größe hat allerdings einen Tiefpunkt: das Bad. Das ist besenkammerwinzig. Wer gefahrfrei die Zähne putzen will, nimmt besser auf dem WC Platz. Und deshalb sind die 150 bis 180 Pfund für ein Zimmer der untersten Kategorie auch durchaus an der Kante des Erträglichen.


Trotzdem ist das “Number Sixteen” für uns bevorzugte Anlaufstation in London. Weil es so nett ist, das Personal so herzlich und die Verkehrsanbindung hervorragend. Wer lieber läuft: Es sind keine zehn Minuten bis nach Chelsea. OK, vielleicht würden wir bei der nächsten Reise auch eines der anderen Hotels von Firmdale nehmen, der kleinen Kette, zu der das “Number Sixteen” zählt. Sechs Stück sind es in London und alle sehen sie reizvoll aber individuell aus. Auch einen Ableger in New York gibt es schon: das “Crosby Street Hotel”.
Ein ähnliches Konzept fährt die Hotel-du-Vin-Gruppe. Mit der hat sie angefangen, jene Trend-Welle britisch und doch modern gehaltener Hotels im Königreich - und das schon vor rund zehn Jahren. Der “Guardian” schrieb einst:
“Looking back, it’s clear that what founders Robin Hutson and Gerard Basset created was a totally new hotel category, a feat that shouldn’t be underestimated unless you too are in the habit of spotting and filling gaps in the market.”
In Glasgow gilt das “Hotel du Vin” als Platzhirsch in Sachen Design. Zentral gelegen ist es nicht. Aber will man das in Glasgow? Die Stadt ist nicht so hübsch und touristenfreundlich wie ihr Rivale Edinburgh weiter östlich. Hier ist Business angesagt, vieles ist grauer, härter, fußgängerzoniger und auch dreckiger als in Edingburgh.
Auch im “du Vin” regiert Königen Victoria. Wieder eine Häuserzeile, diesmal mehr Sandstein, denn weiß. Gleich mehrere der Häuserparzellen gehören zum Hotel. Auch ein Restaurant ist hier untergebracht, das mit seiner etwas beliebigen Karte aber trotz guter Kritiken nicht wirklich lockt (wir haben uns dann für das Cail Bruich West entschieden - eine gute Idee).
Hier geht es förmlicher zu als im “Number Sixteen”: Ein Portier hilft mit den Koffern - das ist auch nötig angesichts der Weitläufigkeit des Hauses. Das ist eher dunkel gehalten, häufig mischt sich violett mit aubergine und dunkelbraun. Nur einige Treppenhäuser sind etwas heller, die bei denen das Licht nicht durch alte Glasfenster fällt. Dazu gibt es viel Kolonialwaren - ein Markenzeichen der Gruppe. Ein Gefühl von “Haus am Eaton Place” kommt auf.

Das Zimmer ist angenehm groß und gut ausgestattet. Leider aber schon an diesem 22-Grad-Tag reichlich überhitzt. Klimaanlage ist angesichts des Baujahres der Immobilie nicht zu erwarten, wenigstens ein Ventilator steht bereits. Wunderbar groß ist dagegen das Bad, hier holt sich auch der 1,95-Mann keine blauen Flecken.
Vielleicht liegt es daran, dass jenes “Hotel du Vin” schon so lang existiert: Schnäppchen sind absolut möglich. Unser Zimmer kostete gerade mal 79 Pfund - und das ist für diese Qualität ein Witz. Ein guter Witz aus Sicht des Gastes.

Unbedingt empfehlenswert ist die Bar im Erdgeschoss. Nicht nur wegen der angenehmen Polstermöbel und der gekonnten Mischung aus hip und alt. Sondern auch wegen der ausladenden Whisky-Karte: Jede Distillery scheint vertreten, viele mit Raritäten. Also muss es sein: Kurz nach meinem 40. Geburtstag ordere ich einen 40 Jahre gelagerten Bunnahabhain - köstlich.

Einen ganzen Tacken moderner, aber doch sehr britisch geht es in Edinburgh zu: “The Rutland Hotel” liegt im Herzen der Stadt, nur wenige Gehminuten von den Einkaufsstraßen entfernt. Die Lobby ist winzig klein, aber wer braucht die schon? Ein gläserner Lift transportiert uns zu den Zimmerfluren, die so klein sind, dass der Rollkoffer eher behutsam gerollt werden muss.
Unser Zimmer ist üppig - allerdings haben wir uns zu einer Junior Suite hinreißen lassen. Die Zimmer kosten regulär zwischen 150 und 200 Pfund, sind über Hotelplattformen aber auch günstiger zu haben.
Wohlfühlen ist kein Problem: Hier ist Tricia Guild, hier darf sie es sein. Wunderschöne Dekors, moderne Blumentapeten, hübsche Details wie ein käuflich zu erwerbender Ian-Rankin-Roman (der wie alle Rankins-Krimis in Edinburgh spielt) und zwei Begrüßungs-Cupcakes auf dem Bett. Und das Wlan ist gratis - so gehört es sich.

Allein das Bad ist… lieblos. Weiß mit Philippe-Starck-Armaturen, die ja meist eher hübsch denn leicht anzuwenden sind. Immerhin: Es ist angenehm groß.
Das gilt auch für das Restaurant. Im Erdgeschoss ist es eher eine Bar mit Essen, oben erinnert das “The Restaurant at the Rutland” stark an das “Mix” in Las Vegas - was vor allem an den Ketten mit Glasbällen liegt, die global die Restaurants erobern (nun auch zu sehem im Lokal des Interconti-Hotels in Düsseldorf).

Serviert wird schottische Fusion-Küche: Also einerseits lokale Spezialitäten wie Austern aus der Region, Lachs und Nordsee-Seezung, andererseits ein wenig Thai-Gemüse und Tagliatelli. Das ist solide und dem Preis angemessen. Das Publikum ist gemischt, am Nebentisch sitzt eine Familie, dann ein Date und wieder einen Großtisch weiter eine Gruppe Flanellmännchen, die wie Investmentbanker wirken - sie haben nicht so viel zu lachen.
Drei Hotels - und alle drei wünschen wir uns in Deutschland. Weil sie Stil haben, ohne altbacken zu wirken. Einem das Gefühl geben, daheim zu sein. Weil sie mit Liebe zum Detail geführt werden. Warum ist so was in Deutschland so selten möglich?
Moment.
Es ist möglich. In Hamburg. Dort haben die Besitzer des “Gastwerk” und des “25 Hours” - beide schön aber weit ab vom Schuss - seit einem Jahr einen zentraleren Bruder: “The George”.
Am Rand von St. Georg liegt es, was den Namen ergab - gemeinsam mit genau jener britischen Design-Philosophie, die jene oben beschriebenen Hotels auszeichnet. Ich betrete das Zimmer - und will nicht wieder weg. Warme Töne, moderne Blumentapeten, lauter modernes, englisches Design. In der Minibar Hanteln zur freien Verfügung - Zielgruppe schwules Publikum. Wer ein größeres Zimmer nach hinten nimmt, blickt zwar auf anonyme Bürogebäude, hat aber einen kleinen Balkon, auf dem es sich wunderbar frühstücken lässt. Allein das Bad ist eher beliebig gehalten - aber außer der mangelnden Kreativität und sehr tief liegendem Waschbecken gibt es keinen Grund zu meckern.

Das gilt auch für das Personal. Egal ob an der Rezeption oder im kleinen aber sehr hübschen Wellness-Bereich - wir fühlten uns freundlich willkommen.
Auch den Preis gilt es zu loben: Wer Glück hat, nächtigt für unter 120 Euro die Nacht. Was das “The George” zu unserem persönlichen Top-Hotel in Hamburg macht. Mit drin ist übrigens ein “Croissant-Frühstück”, was genau das ist: aufgebackene Mini-Croissants zum Sattessen, inklusive Kaffee - kein Höhepunkt der Kulinarik, aber für den Geschäftsreisenden ein netter Service.
Und noch etwas ist top. Dann, wenn Sommer ist. Oben im siebten Stock ist dann die Dachterrasse geöffnet. Auf Daybeds rumlümmelnd, einen Cocktail in der Hand, liegt vor dem Besucher die ganze Schönheit der Binnenalster. Ich behaupte: Bei gutem Wetter ist dies der coolste Ort von HH. Um 17 Uhr gibt es sogar 5 O’clock-Tea: Für einen Grundbetrag darf sich der Gast dann an einer Art Sandwich-Tapas-Buffet bedienen.

Na bitte, es geht doch mit dem Brit-Style in Deutschland, denken wir. Möge Britannie rulen - nicht die waves, aber bittschön die Hotels.


Reader Comments (1)
Auch wenn die Zimmer etwas britisch beengt wirken mögen - auf dem Bild der Dachterasse spürt man davon nichts. Das Bild wirkt eher weitläufig und der Style lässt eher nicht auf Britanien schließen. Da kann man den 5 o`clock tea auch in Kauf nehmen.