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Der Zentralfriedhof: Wo Wien liegt

Ein toller Mann. August Eisenmenger, “Führer der Nordpolexpedition 1872 bis 1874”.

Eine tolle Frau. Josefine Schnabel. Ihr Lebensmotto: “Viel gekämpft - ausgestritten. Viel erlebt - ausgelitten.”

Ihr Leben verbrachten beide in illustrer Gesellschaft. Ihre letzte Ruhe fanden sie wenige hundert Meter entfernt von Brahms und Schubert, von Qualtinger und Johann Strauß - auf dem Wiener Zentralfriedhof.

Über ein Gelände von 2,5 Millionen Quadratmeter führen lange Alleen, an deren Ränder sich Gräber zu rechteckigen Gruppen scharen. Drei Millionen Gebeine liegen in dunkler, Wiener Erde.

Einen Charme ehrfurchtsvollen Moders strahlt das riesige Gelände aus. Vor allem im Herbst, wenn der Wind die Gräber mit gelben Blättern bedeckt und dabei keine Unterschiede macht zwischen großen Österreichern, kleinen Wienern und denen, die gern mehr wären als ein einfacher Bürger zwischen Prater und Hofburg.

Johann Heinrich Steubel zum Beispiel, der auf seinem Grabstein vermerken ließ, daß er “Realitätenbesitzer” war - KuK-Titelsucht. Die Realität hat ihn eingeholt. Heute lehnt sich sein schwarzer Grabstein schief an den seines Nachbarn Georg Willner, “KuK-Hofrat, o.ö. Professor Ing.”, der sich so gut mit seinem Nachwuchs verstand, daß auch seine “Lieblingsnichte” mit ins kühle Grab durfte.

Wenigstens im Tod ist der Realitätenbesitzer der guten Gesellschaft ganz nah. Alois Negrelli liegt gleich nebenan: “Ihm verdankt die Welt den Suezkanal.” Nicht weit entfernt wurde Konteradmiral Ludwig Ritter von Hähnel, “Afrikaforscher”, begraben.

“Der Tod, das muß ein Wiener sein”, schrieb schon Georg Kreisler. Und so wundert es nicht, daß zu Ende des 19. Jahrhunderts ein wahres Bestattungsfieber rund um den Zentralfriedhof ausbrach. 83 Leichenunternehmen kämpften um die kalten Körper und belagerten die Häuser von wohlhabenden Dahinsiechenden, wie es heutzutage nur Sensationsreporter tun.

Wer allzunah liegt an der Hautevolee, für den ist die letzte Ruhe alles andere als ruhig. Die Touristen trampeln über die breiten Wege, immer auf der Suche nach dem nächsten Promi-Grab. Vielleicht ist das meistbesuchte auch das hässlichste. Es liegt in der neuen Prominentenabteilung, ein Plexiglasflügel spendet Halbschatten. Darauf der von uns Gegangene, gewandet als Fledermaus, die Arme gehoben, wie zum Schutz vor sich selbst - was im Leben nicht gelang, soll nun die Ewigkeit richten. Es ist Falco, jenes unerfüllte Musikversprechen der Österreicher, die einzige Hoffnung einmal weltweit anerkannt zu werden. Quit living on dreams.

Da tröstet ein wenig der Gedanke, dass es des nächtens wirklich so zu geht, wie es Wolfgang Ambros einst in seinem Lied “Es lebe der Zentralfriedhof” besungen hat:

Es lebe der Zentralfriedhof,
auf amoi macht’s an Schnoizer,
da Moser singt’s Fiakerliad,
de Schrammeln spiel’n an Walzer.
Auf amoi is die Musi still
Und alle Aug’n glänzen,
weu dort drüb’n steht der Knochenmann
und winkt mit seiner Sens’n.

So verbindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof alles zu einer Melange der Melancholie. Die Gegenwart holt Spaziergänger ein. Zurück im Jenseits findet sich der Gast im Cafe nebenan wieder. Das Schild “Restauration & Kaffeehaus & Etablissement” weckt Erwartungen. Selbst hier, zwei Meter über der durchschnittlichen Grabestiefe, scheint die Unterwelt zu regieren. Das Friedhofscafé, Schloß Concordia, Kleine Oper Wien, ist keine irdische Lokalität.

Im Sommer, sicher, da ist es fröhlich. Sitzt man beisammen im Gärtchen mit dem hohen Jesus, der vergebend seine Arme ausbreitet. Trauer vergeht schnell in der Sonne. Doch wird es herbstlich, bahnt sich der Besucher durch wucherndes, regennasses Grün den Weg, vorbei an rostenden Gartenstühlen. Trübes Fensterglas läßt neugierige, tastende Blicke nicht zu. Das dumpfe schiefe Knirschen der Tür, das gemächliche Abblättern der Deckfarbe lassen den Gast noch einmal zurückweichen. Zu spät. Die Schwelle ist überschritten, ein Schild über dem Eingang heißt den Besucher willkommen: “Wir sind nur Gast auf Erden.” Die modrige Wärme im Innern zieht an.

Dieser Ort ist der Vorhof zur Unterwelt. Zumindest für die schlanke Linie. Hier darf das Schnitzel nicht mehr Schnitzel sein, wird es gedreht und gewendet und gefüllt. Trauer macht Schwach in einem Moment, da Stärke gefragt wäre. Jeder Ort hat seine Bestimmung, hier ist es der Leichenschmaus.

Gut, in einer Stadt, die den Tod so sehr umarmt, kann auch dies eine fröhliche Veranstaltung werden. Der Erbonkel ist unter der Erde, die Familie, seit langem ohne Todesfall, wieder vereint, man scherzt und lacht. Zum Nachtisch gibt es “Scheiterhaufen mit Himbeersaft”.

Nur einmal muß es doch traurig gewesen sein. Denn einer kam alleine her, und seine Verbitterung hat er in ewigen Stein gemeißelt: Vinzenz Reichsgraf von Morzin: “der letzte seines Stammes”.

 

Posted on Mittwoch, Oktober 14, 2009 by Registered CommenterThomas Knüwer in , , , | CommentsPost a Comment

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