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Die "Spiegel"-Kantine: Tod einer Legende

Ein warmes Glühen vibriert durch das intensive Wetter. Fast scheint es, selbst der Schnee und das Eis können ihm nicht widerstehen. Ein warmes, orangenes Licht wärmt die Herzen der Passanten. Es fließt aus den Panoramafenstern hinaus auf die viel befahrene Willy-Brandt-Straße zu Hamburg und mancher Unkundige fragt sich, weshalb das Erdgeschoss des so nüchternen Betonhochhauses solch eine Liebe verströmt.

Dort wo das Licht ist, möchten viele hin: Neugierige, die interessiert die orangenen Kacheln mit den Glühbirnen in der Mitte betrachten; Designfreunde, denn sie wissen, dass hier eine Ikone der Moderne zu besichtigen wäre; und Journalisten, denn für viele ist hier der Arbeitsplatz ihrer Träume.

Die Rede ist von der Kantine des “Spiegel”. Doch hier darf nicht jeder hin. Nur zweimal im Jahr öffnet der Verlag seinen Speisesaal der Öffentlichkeit. Den Rest der Zeit braucht es einen Mitarbeitervertrag oder die Einladung von jemand, der einen solchen besitzt.

Wer hier speist, der fühlt sich verschmolzen mit Zukunft und glorreicher Historie. Digitaler Futurismus ist der Beginn: Aus der Speisekarte wählt der Gast die Gerichte und tippt sie in einen Computer, die Mitarbeiterkarte registriert den Zahlenden, die Rechnung geht direkt vom Gehalt ab. Das mag datenschützende Betriebsräte erzürnen, doch so ist sie halt, die Kantine 2.0

Dann aber fühlt sich der Gast zurückversetzt in eine andere Zeit der Medien, eine bessere werden die meisten denken, als Journalisten noch Helden waren, die das Sturmgeschütz der Demokratie mit Geschossen fütterten. Denn hier wird bedient. Und das freundlich. Eine junge Dame nimmt den Ausdruck aus dem Bestellcomputer entgegen um in der Küche die Gerichte erfragen.

 

Währenddessen wandert der Blick über die wunderschönen Tischdekors und die dazu passenden Teppiche. Viele Geschichten dazu gibt es, wie teuer doch die Nachbestellung ramponierter Möbel sei, oder dass nach einer Bodenrenovierung der alte Belag seinen Weg in Hamburger Second-Hand-Läden fand. 1969 entwarf Star-Designer Verner Panton dieses noch heute atemberaubende Gesamtkunstwerk. Eigentlich gestaltete er das gesamte “Spiegel”-Haus, jeder Flur hatte damals seine eigene Farbe. Doch so wie das Magazin sich unsinnigen Moden unterwarf, so geschah dies auch mit der Innenarchitektur: Heute ist von Pantons Arbeit nur die Kantine geblieben.

Hier speisten sie alle, die Augsteins und Steingarts, die Kilze und Ahlers und Simoneits. Wieviele die Nation erschütternden Geschichten wurden an diesen Tischen besprochen, welche stilistischen Volten hier entworfen? In dieser Kantine wurde Demokratie geschrieben. Und das in aller Ruhe: Die Ufo-gleichen Hängelampen und ein pyramidengleiches Deckenrelief reduzieren den Schall, hier wird nicht geklappert und gescheppert.

Doch nicht nur deshalb ist die “Spiegel”-Kantine von hohem Ruf. Sie gilt außerdem als Ort kulinarischer Feinheiten - für eine Kantine. Erbsensuppe mit Wurst gibt es heute, bodenständige Kost in kriselnder Zeit. Es ist gute Erbsensuppe, eine Erbsensuppe wie sie sein muss. Mit jedem Löffel mehr wärmt sie den Magen, so wie das wärmende Licht das Herz.

Noch immer hält sich die Mär, der Umzug des Verlags in die neue Hafencity habe keine Auswirkung auf Pantons letztes Relikt - die Kantine stehe unter Denkmalschutz. Doch dies ist eine Legende, wie ein Mitarbeiter erzählt. Die Kantine wird wohl verschwinden, nur wenige Teile werden in den neuen Bau wandern. Es ist eine Traurigkeit, gar eine Schande, würde dies so kommen. Hamburg verlöre ein Stück Wärme, Deutschland, ja die ganze Design-Welt  ein Stück Design-Geschichte. Und deshalb gilt es auszurufen: Rettet diese Kantine!

Ebenfalls von Gotorio getestet: die Kantine der “Westdeutschen Allgemeinen Zeitung”.


Posted on Donnerstag, Januar 8, 2009 by Registered CommenterThomas Knüwer in , | Comments2 Comments

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Reader Comments (2)

die Kantine ist wirklich eindrucksvoll, allerdings war das Essen eher nicht erwähnenswert.

Januar 9, 2009 | Unregistered CommenterNico

Ich durfte dort vor ein paar Monaten auch speisen. Tolle Atmosphäre, klasse, kompetente und extrem freundliche Bedienung und für ne Kantine war das Essen wirklich o.k. (Hühnchen)

Januar 9, 2009 | Unregistered CommenterCase

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