Shopping in Hayes Valley: Schwuchtel-Crème und Nähmaschinen
Darf man als heterosexueller Mann so etwas im Bad haben?
Also, ich meine, gelegentlich kommen ja Gäste. Und gucken dann mal, was da so rumsteht, allein schon, weil sie das Logo mit der blauen Blume nicht kennen. Dann werden sie den Namen der Marke sehen:
“Nancy Boy”.
Was frei übersetzt werden kann mit “Schwuchtel”. Sie werden sich die Packungen näher anschauen und dann den Zusatz auf der Rückseite sehen: “Getestet an boy friends, nicht an Tieren”.

Ja, das ist so eine Sache mit den Produkten von Nancy Boy. Sie machen keinen Hehl daraus, dass ihre Zielgruppe schwul ist. Aber andererseits: Die Sachen sind echt klasse. Egal ob das frisch riechende Shampoo, das kühlende After-Shave-Gel oder die streichelhautmachende Rasiercrème - alles tolle Herrenkosmetik zu Preisen, weit unter den Nickels oder Shiseidos. Bio ist das ganze natürlich auch, ebenso gibt es eine Geschichte dazu: Gegründet wurde das Unternehmen von einem Werber und einem Ex-Vize-Präsidenten der Notenbank.

Diese Kosmetik, also, gibt es nur im Internet (wobei die Jungs leider nicht ins Ausland liefern) - oder im wunderschönen Stammgeschäft der Marke. Das liegt in jenem Teil von San Francisco, den sich Besucher definitiv gönnen sollten: Hayes Valley.
Als ich 1993 einen Sommer lang in Berkeley studierte, war Hayes Valley, gelegen westlich des Civic Centers, noch eine Gegend, in die man nicht ging. Hier gab es reichlich Obdachlose und statt Designerstücken waren eher Drogen die Ware du jour. Dabei waren damals dort schon hübsche Häuser zu finden, nur verfielen sie - langsam, aber sicher.
Seit einigen Jahren hat sich das mächtig geändert. Heute ist Hayes Valley einer jener Samstag-Vormittag-Stadtteile, von denen es in SF einige gibt. Dazu muss man wissen, dass die Sache mit dem Shoppen in San Francisco nicht so einfach ist. Es existiert nicht DER coole Stadtteil, in dem Top-Designer hinter alten Mauern teure Waren feilbieten. Überhaupt gibt es wenig Designer-Läden in der Stadt. Im Gegensatz zum ewigen Rivalen Los Angeles schert man sich hier weniger um Mode.
Was es aber gibt, sind zahlreiche Ecken mit hübschen, kleinen Läden. Und die sind innerhalb der Woche nur wenig gefüllt - Samstags aber rappelvoll. Man sollte sich mal den Spaß machen und Hayes Valles an einem Mittwoch Nachmittag vergleichen mit dem Samstag Mittag. Es sind zwei Welten: innerhalb der Woche ist kaum ein Mensch auf der Straße, Samstags ist kaum ein Parkplatz zu bekommen.
Verteilt auf ein Carée von vier mal vier Blocks zwischen den Straßen Fell, Buchanan, Grove und Franklin liegt Hayes. Vor allem aber geht es um die mit alten Bäumen versehen Hayes Street. Nirgens in San Francisco findet man auf solch engem Raum so viele abgedrehte Geschäfte wie hier.
Mein persönlicher Favorit ist “Flight001” - ein Laden für Reisezubehör. Die weißen Regale sind geformt wie ein Flugzeugbauch und tragen die Last des modernen Reisens. Oder besser: Waren, die jene Last des modernen Reisens erleichtern sollen. Von der coolen Edel-Schlafbrille über Koffer bis zu Reiseführern reicht das Sortiment. Laptop-Taschen gibt es neben Soja-Kerzen, Reisespiele neben Gewürzsets für das Handgepäck - damit das Airline-Futter etwas besser schmeckt.
Für den speziellen Geschmack gibt es “True Sake” - ein einladend helles Spezialgeschäft für Sake. 190 Varianten werden angeboten. Ich muss aber gestehen: Sake ist nicht mein Ding.
Wohndesign gibt’s auch reichlich. Sehr nett ist dabei ein wenig einheimisches Geschäft, nämlich “Skandinavian Details”. Nachgebaute Klassiker-Objekte offeriert “Inside” - aber so etwas bringt man sich ja eher weniger aus dem Urlaub mit.
Wer seinem Wauwau daheim was gönnen möchte: Bei “Babies” gibt es alles was zwar kaum das Hunde-, wohl aber das Herz der Besitzer begehrt. Ebenfalls abgedreht: die “Stitch Lounge”. Hier werden zum einen Stoffe verkauft, zum anderen können die Kunden an den dort stehenden Nähmaschinen selbst arbeiten - abgerechnet wird nach halben Stunden.
Ach ja, Kleidung gibt’s auch. Wobei nur wenig dabei ist, was einen vom Hocker haut. Damen werden vielleicht fündig bei “Dish”, wo es so was wie coolere Stücke gibt. Beide Geschlechter könnten bei “Nida” reinschauen. Der Schuh-Platzhirsch heißt “Bulo” und hat ein Herren- und ein Damengeschäft. Einen Blick wert ist die “Residents Apparel Gallery”: Hier verkaufen näh- und stoffbegeisterte Leute aus der Gegend ihre eigenen Entwürfe. Und der Nachwuchs? Bekommt was von “Fiddlesticks”.
Lust auf eine Pause? Dann empfehlen wir das “Absinthe”: eine Bar/Brasserie, die so französisch ist, dass sie problemlos in Paris stehen könnte. Das Essen ist lecker, das Publikum entspannt. Und dort, beim Auspacken des Erstandenen, beantwortet sich dann auch die Frage von oben: Klar darf man “Nancy Boy” im Heten-Bad stehen haben. Mann braucht nur genug Selbstbewusstsein.
Unsere Tips für das Hayes Valley gibt es hier noch als Google-Karte:


Reader Comments (1)
Na ja, allein vom eincremen wird man nicht schwul...das kann ich als Schwuler versichern. Dem Autor ein bisschen mehr Selbstbewusssein ;-)