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"Adagio", San Francisco: schlicht und gut

In diesen Tagen, da die Börsen so schwer durchgeschüttelt werden, entwickelt mancher eine bodennahe Scheiß-egal-Haltung: Weg mit den Aktien, her mit dem Urlaub. Und es lässt es sich ja herrlich profitieren von der schwächelnden US-Wirtschaft - der Dollar-Kurs macht Nordamerika zum bevorzugten Reiseziel.

Kein Wunder: Selbst hübscheste Hotels sind nun für Appel-Ei-Preise zu bekommen. Das erlebte ich kürzlich in San Francisco - kaum zu glauben, was da mit einem Mal erschwinglich wurde. Im Schrank meines Zimmers im “Hotel Adagio”, zum Beispiel, wurde 390 Dollar als Normalpreis ausgelobt - bezahlt aber hatte ich über Hotels.com magere 110.

Wobei ich ja ein wenig skeptisch war. Denn die Kette, zu der das “Adagio” gehört, nennt sich Joie de Vivre. Und solch malerische Hotelkettennamen erinnern mich an “Extended Stay Hotels”, jenes Unternehmen, in dessen Ablegern ich nach Betrachten des Werbevideos definitiv keinen extended stay wünsche.

Die Sorge war unbegründet: Das “Adagio” ist ein angenehm schlichtes Haus, das gehobenen Ansprüchen absolut genügt. Es residiert in einem hübschen, 15 Stockwerke hohen Haus in jenem maurisch anmutenden Stil, der häufig in San Francisco anzutreffen ist. Bis zum Union Square mit seinen Kaufhäusern sind es zwei Minuten zu Fuß. Die Lobby ist freundlich und hell, mich hat sie irgendwie an ein Wüstenhotel erinnert, ein Hauch altes Las Vegas (zumindest so, wie ich mir das alte Vegas vorstelle) liegt in der Luft.

Das Zimmer ist üppig groß, allerdings bekomme ich auch einen Executive Room im 14. Stock, somit auch ruhig über dem Verkehrslärm gelegen, noch dazu ein Eckzimmer, das für reichlich Luft und einen tollen Ausblick (der, den Sie ganz oben sehen) sorgt. Ein erster Blick auf die Details verrät aber auch schon den Haken des “Adagio”: Dies ist ein altes Hotel. Und trotz aller gelungenen Renovierungen kann es eben auch nicht darüber hinwegtäuschen. 

Da wäre zunächst der Schrank, der mehr eine Wandnische mit Vorhang ist. Dann die Klimaanlage. Sie steht als weißer Kasten unter dem Fenster, und ist angeschaltet kaum zu ertragen. Andererseits ist sich auch nicht stark genug, um den Raum in wenigen Minuten runterzukühlen. Und: Ab 22 Grad ist sie dringend nötig. Ich fühle mich als Umweltsau, aber es geht nicht anders - ich lasse sie angeschaltet, als ich am Morgen das Zimmer verlasse. Ach ja, die Fenster lassen sich nur teilweise und mit erheblichem Kraftaufwand öffnen. Immerhin sind es Doppelfenster - das hält den Lärm ab.

Auch das Bad zeugt von einer langen Historie. Die Dusche ist von wenig Luxus geprägt, die Kacheln schlicht und weiß. Ein Waschtisch ist noch das Spektakulärste. Immerhin: Eine frische Blume gibt es.

Die Einrichtung ist ansonsten modern. Mancher mag das gleich als “Design” bezeichnen, aber das fände ich übertrieben. Es ist so sehr Design, wie Habitat Design ist - auch der Stil ist ähnlich. Bis auf ein Detail: Es ist ja leider üble Tradition bei US-Hoteliers, unbedingt rückenschonende Bürostühle an den Schreibtisch zu stellen. Das mag gesundheitstechnisch verständlich sein (doch ruiniert man sich wirklich den Rücken mit einer kurzen Arbeitsschicht am Hotelschreibtisch?), sieht aber fürchterlich aus. Meister in dieser Disziplin sind Marriott-Hotels, doch das “Adagio” tut sich da nicht viel.

Wo wir beim Arbeiten sind: W-Lan gibt es nur in der Lobby, dafür aber ein Ethernet-Kabel, das Online-Zugang in einer erträglichen, wenn auch nicht übermäßig schnellen Geschwindigkeit ermöglicht. Allein: Mein Zugang funzte zunächst nicht - und so lernte ich die vielleicht beste Seite des “Adagio” kennen: den Service.

Innerhalb eines Spaziergangs wurde das Problem behoben, einen Tag später hatte ein guter Geist ohne meine Nachfrage einen Mehrfachstecker im Zimmer installiert - wohl weil mein Wust an Kabeln einen Bedarf erkennen ließ. Auch die Besatzung an der Rezeption ist freundlich und flott.

So bleibt insgesamt ein positiver Eindruck. Ein “luxury boutique hotel” mit Schwerpunkt auf Design, wie die Homepage strunzt, ist das “Adagio” nicht so wirklich - aber ein sehr angenehmes und empfehlenswertes Hotel - erst recht bei dem Dollar-Kurs.

Adagio
550 Geary St
San Francisco



Posted on Dienstag, September 30, 2008 by Registered CommenterThomas Knüwer in , | Comments1 Comment

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Reader Comments (1)

Sieht sauber aus und wenn der Service stimmt...! Und dass sie so nett mitgedacht haben, ist ja wirklich nicht selbstverständlich.
Soviel Zeit hast du dort eh nicht verbracht, oder? *twitter, twitter* ;-)

Ich hab mal irgendwo genächtigt, wo aber garkein Vergleich zwischen Homepage und Wirklichkeit war. Mit FlipFlops in die Dusche und solche Scherze...!

Oktober 1, 2008 | Unregistered CommenterFelicitas Hackmann

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