"Hafenperle", Düsseldorf: Überraschung durch die Hafenratten
Die Bewohner des Düssel-Dorfs, zumindest aber ihre Gastronomen, wären lieber Hamburger. Oder zumindest Küstenbewohner. Könnte man denken, angesichts der bemerkenswerten Ballung von Fischrestaurants im Düsseldorfer Hafen, der sich nach weiträumiger Abkehr von der Industrie so gerne mit dem Vornamen “Medien-” schmückt.
Da gibt es die grandios designte “Meerbar” mit ihrem Mutterschiff “Bug”, es gibt die Bar von “Roberts Bistro” mit ihrer Krustentier-Auswahl und auch “Patricks Seafood”, das auf unserer “Verdammt, wir waren immer noch nicht da, warum eigentlich?”-Liste auf Platz 1 rangiert. Ach ja, auch im nicht empfehlenswerten Schicki-Micki-Laden “Riva” gibt es einen Fisch-Schwerpunkt.
Warum also noch ein Fischladen? Wo doch ohnehin ein Fischrestaurant in einem Hafen so originell ist wie ein Biergarten in München?
Ich gebe zu: Als ich hörte, dass in den Räumen der ehemaligen Club-Disco “MK2” ein solcher aufmachen sollte, habe ich ihm nicht viele Chancen gegeben. Das war zu Jahresanfang. Und noch dazu hat man seitdem recht wenig gehört von der “Hafenperle”. Dabei wird sie doch betrieben von drei Gastronomen, die reichlich Erfahrung haben mit dem Wörtchen “In”: Malte Wienbreyer, der mit seinem “Eigelstein” tatsächlich eine ständig rappelvolle Kölsch-Kneipe in Düsseldorf betreibt, Aydin Kirici vom Sehen-und-Gesehen-werden-Paradies “Bazzar” und Lasaros Arachovitis vom “Kytaro”. Zusammen getan haben sie sich unter dem hübschen Firmennamen “Hafenratten”.
Gestern nun waren wir erstmals in der “Hafenperle” - und sie war in jeder Hinsicht eine dicke Überraschung…
1. Überraschung: die Größe. Der Laden ist riesig. Ein großer Raucherraum für die Drogenabhängigen, ein großer Nichtraucherraum mit Aquarium und Blick in die offene Küche, die Wände schmücken Flachbildschirme, die eine Fische-mit-Korallen-Endlosschleife zeigen. Dazu bei gutem Wetter eine ausladende Terrasse. Egal aber, wo man sitzt: Überall gibt es eine tolle Aussicht auf die andere Seite des Hafenbeckens.

2. Überraschung: die Fülle. Es war ein wenig Angeberei dabei, als die Restaurantleiterin tat, als habe sie Probleme, an einem Montag zwei nicht reserviert zu Habende unterzubringen - denn es gab freie Tische. Aber wirklich nicht viele. Wenn an einem solchen Tag die “Hafenperle” brummt, ist eine Reservierung am Wochenende wohl dringend geboten.
3. Überraschung: die Wartezeit. Es dauerte. Und dauerte. Und dauerte. Rund zwei Stunden mussten wir auf unsere Hauptspeise warten, ebenso die fröhliche Runde am Nebentisch. Eigentlich wäre das nicht akzeptabel gewesen. Wenn da nicht…
4. Überraschung: der Service. Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, ist es aber nicht. Der Service reagierte auf die Wartezeit so, wie es sein sollte. Er entschuldigte sich, noch bevor es zu einer Beschwerde kam. In der Küche habe es Ausfälle gegeben, das sei nicht der Normalfall, wir mögen das entschuldigen. Ein Glas Wein gab’s oben drauf, der Nebentisch durfte in der Digestif-Karte stöbern. Ein fröhlicher Koch kam mit einem großen Tablett, entschuldigte sich ebenfalls und servierte als Dreingabe ein paar köstliche Häppchen. Am Ende kam noch einmal die Restaurantleiterin und entschuldigte sich auch noch. Service kann so einfach sein - es braucht nur Ehrlichkeit und die Bereitschaft, Fehler einzugestehen. Weder wir noch die Gruppe nebenan war sauer oder ungeduldig. Ach, würden sich doch alle Gastronomen ein Beispiel nehmen am Team der Hafenperle. Womit wir aber beim eigentlich Wichtigsten wären - dem Essen.

5. Überraschung: das Mahl. Zu all dem kommt - es schmeckt auch noch gut in der “Perle”. Wobei an den Vorspeisen noch gearbeitet werden könnte. Die Fischsuppe war lecker, enthielt aber zu wenig Fisch. Das Seeteufelcarpaccio mit Pfefferpflaume und Shizo Kresse bestand zwar aus gutem Fisch - von der Pfefferpflaume war aber nichts zu schmecken und das äußerst milde Pesto kam gegen den Seeteufel kaum an.
Deutlich besser die Hauptspeise: Fisch zubereiten, das können sie. Sowohl der sehr leckere Barramundi mit Tomate und Risotto wie der Barracuda mit Gemüse begeisterten uns. Selten haben wir so lecker und kross gebratene Fischhaut erlebt, die Konsistenz stimmte auf den Punkt.
Optisch stand der Fisch vielleicht ein wenig zu sehr im Mittelpunkt: Auf dem großen Teller lag ein Stück Barracuda, daneben eine Schüssel mit Broccoli und Spinat. Das ist sehr, sehr, sehr puristisch an der Grenze zur Lieblosigkeit.

Dies ist aber wirklich die einzige Kritikpunkt. Denn es gab ja noch die
6. Überraschung: das Preis-Leistungsverhältnis. Hauptgerichte zwischen 15 und 20 Euro, eine Gesamtrechnung für zwei Vorspeisen und Hauptgerichte plus Wasser und 4 Gläsern Wein für 71 Euro - das ist bei dieser Qualität mehr als fair.
Wozu also noch ein Fischrestaurant? Weil es gut ist, das Konzept stimmt und es von fähigen Gastronomen betrieben wird, die ein Gespür für ihre Gäste haben. Und überhaupt: Bevor es Club wurde beheimatete das Gebäude “Maassen”, das erste Fischrestaurant des Hafens. Seit gestern Abend frage ich mich nicht mehr, ob die Idee der “Hafenperle” überlebensfähig ist - sie ist auf einem guten Weg.
HafenperleKaistr. 4
40221 Düsseldorf

Reader Comments (3)
Das sieht mir aber eher nach Romanesco aus, was da mit dem Barracuda und dem Spinat serviert wurde.
Wie dem auch sei, ein netter Bericht. Leider ist Düsseldorf so weit weg.
Gehe ich eben ins http://gotorio.squarespace.com/start/2007/9/5/cafe-paris-hamburg-unter-den-fliesen-liegt-das-himmelreich.html
Grüße, Christian
Du hast vollkommen Recht, es war Romanesco. Man sollte seine Erinnerung immer mit den Fotos abgleichen ;-)
Ihr Bericht ist zwar schon ein Jahr her, doch doch nun zu "Überraschung 7"...es macht immer noch viel Spaß hier zu essen und zu trinken.