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Viareggio: Mondäne Mai-Melancholie

Viareggio, ach, Viareggio!

Viareggio ist einer der Orte, die in meinem Kopf nur mit dem Zusatz “mondäner Badeort” Verwendung finden durften. Eine “Über den Dächern von Nizza”-Kulisse ohne Nizza.

Und Grace Kelly.

Und Cary Grant.

Aber eben so ähnlich.

Und für solche Bilder habe ich eine gewisse Schwäche. Allein schon Geschichten wie die des britischen Dichters Percy Shelley, der mit einem Boot vor der Küste Viareggios kenterte und ertrank, woraufhin ihn sein Freund Lord Byron am Strand verbrennen ließ - ja, das sind Historien, die es nur in “mondänen Badeorten” gibt. Gut, man muss anfügen, dass Byron keine Wahl hatte: Die Seuchengesetze ließen keine andere Beerdigungsart zu. 

 

Viareggio, also, musste sein während unserer Toskana-Reise. Aber vielleicht ist das so mit einer gewissen Art von Sehnsuchtsorten: Die Erwartungen sind so dermaßen überhöht, dass die Realität ihnen niemals Stand halten kann.

Das heißt nicht, dass Viareggio hässlich oder ganz, ganz schlimm ist. Nein, es ist nur außerhalb der Hautkrebsförder-Saison ein wenig… depremierend. Leer wirkt es dann, vor allem am Nachmittag, wenn die erste Frühtouristen die Strände verlassen haben. Dann stehen die Hundert-, oder sind es gar Tausendschaften von Liegen und Sonnenschirmen aufgereiht im Sand, wie mit der Wasserwaage positioniert. Eine Armee ohne Aufgabe, die kündet von der Bewältigung der Massen. Alle hundert Meter dann ein Strandbad, manche mit Pool, die günstigeren nur mit Bar, die an einem solch leeren Tag wirken, wie dem Hirn Edward Hoppers entrissen.

Wie es in der Hauptsaison hier wohl aussieht? Vor den Augen des Mai-Besuchers erscheint eine Fata Morgana, nein, eine Emotiona Morgana, seine Nase durchzieht eine Mischung aus Nebenligen-Besitzer-Schweißes und eigener Sonnencrème, seine Ohren füllen sich mit Kindergeschrei und Italo-Pop aus Ghetto-Blastern. Es ist eine Melange des Katalogtourismushorrors.

Verlassen wir also den Strand und gehen die parallele Promenade entlang. Dezent mit zahlreichen Designernamen beklebte Boutique-Türen künden von einer gewissen Kaufkraft der Sommergäste. Doch, einkaufen können hier zumindest die Damen in angenehmem Ambiente.

Zeit nun eigentlich für einen Aperitivo. Allein: Die Lokalitäten an der Strandpromenade versprühen Weiße-Plastikstühle-Charme. Hier setzt man vielleicht mit Badehose, die noch feucht ist vom Meeresbad. Warum aber können die Viareggioner es nicht auch mal netter machen? Hübscher? Es dauert eine ganze Zeit, bis wir doch noch eine nette Weinbar finden: Das Fanatiko (Via Marconi 102). Hier sitzen wir mit Aperol-Spritz und kleinen Häppchen auf Flecht-Sofas und es wird ein wenig freudvoller, dieses Viareggio.

 

Dann geht es Richtung Stadt. Und dort erschließt sich ein wenig, warum Viareggio so ruhmreich ist. Wenn das rotgoldene Abendlicht die pastelligen Art-Nouveau-Fassaden streichelt, dann wirkt das Art-Deco-Viertel von Miami dagegen wie ein billiger Vergnügungspark, wie das verzweifelte Scheitern der Amerikaner, es besser zu machen als das europäische Orginal - wir kennen das ja aus verschiedenen Gegenden.

Es lohnt sich, den Blick nach oben zu richten: Fast jedes Haus hat seine eigenen, kleinen Details. Und irgendwann, die Dunkelheit kriecht langsam in die Stadt, scheint da in einem Hauseingang Marcello zu stehen, vertieft in einen Flirt mit Sophia, oben auf dem Balkon, eifersüchtig beobachtet von Gina an der Ecke.

Dann verdrängt Hunger die Cinecittà-Vision - auf zum Abendessen. Zwei Restaurants hebt der “Lonely Planet” hervor. Beim ersten, dem Platzhirschen “Da Giorgio”, scheitern wir. Man sei ausgebucht, teilt man uns mit. Das mag stimmen - wie wir später merken, isst man in Viareggio sehr spät. Doch sät der abschätzende Blick des Empfangspersonals den Verdacht in unsere Köpfe, dass man uns trotz nicht ungepfleger Kleidung für nicht Gast-würdig hält.

 

Wesentlich netter fällt der Empfang im “Amaro” (Via San Martino 73 - keine Homepage) aus. Cool designt ist es - eine Ausnahme in der Toskana. Viel Glas sorgt für eine luftige Atmosphäre - und ermöglicht den vollständigen Blick in die Küche. Dort werkelt ein anscheinend höchst entspanntes italo-asiatisches Team.

 Im “Amaro” gibt es vor allem Fisch. Doch hat der Küchenchef offensichtlich den Anspruch, die klassische Küche zu erweitern. So wird das Meerestier in Folie in einer durchsichtigen Variante serviert - hat ein wenig was von Geburtstagsgeschenk, schmeckt aber hervorragend.

Das gleiche lässt sich sagen für die hausgemachten Ravioli und die Fisch-Lasagne im kleinen Töpfchen. Auch die gegrillten Meeresfrüchte sind exzellent. Service? Prima! Ein sehr angehmer Laden.

Schade nur, dass die Chefs meinen, sich mit reichlich ausländischen Weinen absetzen zu müssen. Da bin ich aber eigen: Wenn ich in einem Weingebiet urlaube, möchte ich die Weine der Gegend und keinen deutschen Riesling oder australischen Sauvignon Blanc.

So fahren wir doch ein wenig versöhnt mit der Stadt wieder ab. Vielleicht wird es zu anderen Zeiten seinem Ruf gerecht. Im Mai aber, abseits der Hoch-Zeit, da ist Viareggio doch eher der Auslöser für eine gepflegte Mai-Melancholie.

 

 

Posted on Sonntag, August 3, 2008 by Registered CommenterThomas Knüwer in , , , | CommentsPost a Comment

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