"Essneun", München: Spritze zum Sorbet
Es wird der Tag kommen, da wird die aktuelle Gastro-TV-Welle auch die Drehbuchschreiber beflügeln. Und dann werden sie eine Serie schreiben, die in einem Restaurant spielt. Es wird ein cooles Lokal sein und zu essen gibt es Gerichte, die wie eine Karikatur klingen. Zum Beispiel: “Lavendel-Grapefruit-Crèmesuppe mit Szechuan-Zander auf Spargel-Kardamon-Chutney”.
Sie haben auch geschmunzelt? Dann waren Sie noch nicht im Münchener “Essneun”. Denn dieses Lokal mit der kühl-designten Einrichtung und den Gerichten, die über drei Zeilen gehen, gibt es schon. Und wir empfehlen dringend seinen Besuch. Vielleicht nicht im heißen Hochsommer, denn als wir das “Essneun” betreten erfassen uns wechseljährige Hitzewallungen, so warum ist es. Mit aufgestellter Tür wird es langsam erträglich.
Dies aber bleibt der einzige größere Makel. Unsere Runde entscheidet sich für das Menü. Das gibt es kurioserweise nicht niedergeschrieben, sondern nur vorgetragen vom höchst freundlichen und fröhlichen Kellner. Auch als wir am Ende des Abends nach einer Liste der Menüfolge fragen, braucht es etwas: Sie wird von Hand verfasst - rührend altmodisch.
Das “Essneun” im Glockenbachviertal nahe dem Gärtnerplatz hat sich einerseits der Molekularküche verschrieben, andererseits wildesten Geschmackskombinationen. Und so entstehen Gerichte bei deren Nennung, nur äußerst verbiesterte Naturen ernst bleiben können. Denn jedes klingt so abgefahren, dass man glaubt bereits mitten in einer Restaurant-Comedy gelandet zu sein.
Die Küche grüßt zunächst mit einer fabelhaften Ananas-Grober-Senf-Crème Brulée. Ananas zu würzen ist ja gerade sehr angesagt, meist aber kommt Pfeffer oder Chili hinzu. Senf geht aber auch. Und wie.
Danach wird es komplizierter: Rhabarber-Schlangenbohnen-Seeteufel-Strauß mit Nektarinen-Curry-Pizza und Steckrüben-Paprika-Relish. Jaaaaa - versuchen Sie mal, sich das überhaupt nur zu merken. Vorstellen, wie das schmeckt ist da fast unmöglich. Der Strauß bildet die Umrollung des Seeteufel - Surf & Turf 2.0, sozusagen. Eine Geschmacksexplosion ist noch dazu die getrocknete Orangenscheibe, die optisch so unauffällig daher kommt.
Es folgt der bereits oben erwähnte Zander, bei dem vor allem das Chutney so lecker ist, dass wir es gerne gleich gläserweise mit nach Hause nehmen möchen.
Und dann der Moment, bei dem sich jeder die Frage stellt, ob das “Essneun” nicht doch zu weit geht. Vor uns stehen Schälchen mit Sorbet. Maracuja-Wasabi-Sorbet, um genau zu sein. Neben dem Sorbet-Töpfchen aber liegen eine aufgezogene Plastikspritze mit leicht brauner Flüssigkeit und ein geschwungener Löffel mit weißem Pulver, dessen Verpackung unter dem Löffel liegt - es handelt sich um Ahoi-Brausepulver. Witze über weißes Pulver, das ansonsten in München beliebt ist, verkneife ich mir mal.
Die Anweisung lautet: Erst das Sorbet essen. Das tun wir gerne, denn es ist wunderbar. Könnten bitte mehr Köche Sorbets und Eise mit Wasabi anschärfen? Anschließend sollen wir das Brausepulver in den Mund nehmen, aber noch nicht schlucken. Dann hinzu kommt der Inhalt der Spritze: ein in Wodka aufgelöstes Ricola-Bonbon. Ein Cocktail zum Selberbasteln, also, was manchen zum ersten Headbanging seit Jahrzehnten verführt. Selbst diese Mischung aber schmeckt, weil die Säure der Brause die Kräuter bremst.
Somit sind wir bereit für den Höhepunkt: Kalbs-Campari-Jacobsmuschel mit Bananen-Trauben-Berglinsen und Pfirsich-Blaukraut-Gemüse, die Sie im Bild ganz oben sehen. Kellner, die solche Gerichte ankündigen, holen vorher besser einmal tief Luft, sonst droht Atemnot noch vor dem Pfirsich. Sie können sich schon denken: Auch diese Kombination ist köstlich, noch dazu optisch sehr schön garniert: Die Berglinsen fließen aus einer umgekippten kleinen Campbell-Dose - Warhol hätte gejubelt.
Das Dessert bildet ein warmer Mate-Oliven-Kuchen mit Wacholder-Kirsch-Eis. Wer Mate nicht mag, wird hier nur begrenzt begeistert sein: Der Teegeschmack kommt deutlich raus. Und Mate mag ja nicht jeder. Als Entschädigung sind sogar die Petit Fours ein wilder Geschmacksritt: weiße Sahne-Limetten-Safran- und schwarze Grand-Marnier-Mohn-Schokopralinen.
Selbst kritische Münchner Mitesser - erste Reaktion auf den Namen des Restaurants, in dem wir uns treffen würden: “Oh Gott, nicht das” - waren am Ende des Abends begeistert. Sie waren bisher hier nicht eingekehrt, sondern hatten auf die “Karte geschaut, hatten herzlich gelacht und waren weiter gegangen”. Das “Essneun” ist eine Entdeckung und ein großer Spaß - gerade in größerer Runde.
Und das Videourteil sprechen diesmal Podpimp Alexander Wunschel und Amazoneranerin Andrea Moderegger:

Reader Comments (2)
Vielen Dank dafür! Das Küchenkonzept (immer dabei: der Brause-Wodka-aus-der-Spritze-Gag) gibt es ja seit mindestens fünf Jahren, und ich habe es viele Male sehr genossen. Doch vor einem Jahr, so hörte ich, hätten Küchenbesatzung und Restaurantchef ins Dukatz gewechselt. Seither hatte ich mich nicht mehr hin getraut. Jetzt traue ich mich.
Dass das gute alte niederrheinische Traditions-"Getränk" Korn-Brause mal in abgewandelter Form Einzug in die gehobene Münchner Küche halten würde, hätte ich jetzt aber auch nicht gedacht.