Das Monster namens Terminal 5
Die Ratschläge waren vielfältig, vor meiner Reise nach London. “Nimm nur Handgepäck mit”, riet eine Kollegen.
“Ach, schon Erfahrungen gemacht?”, fragte ich zurück.
“Nein, hab ich nur gelesen. Aber weiß doch jeder”, meinte sie.
Mein Gesprächspartner in der britischen Hauptstadt schaute mich mit großen Augen an: “Good luck”, wünschte er in einem Anflug englischen Humors.
Ja, so ist das, berichtet man, dass man ab “Terminal Five” fliegt. Der Neubau des Flughafens Heathrow ist wie Moby Dick: Wenige haben ihn persönlich gesehen, alle aber halten ihn für ein Monster, ein Ungetüm, dass die Menschen verschluckt und sie erst mit Stunden, gar Tagen, Verspätung ausspuckt, während es ihre Koffer auf immer verdaut.
Dabei sollte es doch der Stolz des Königreichs und von British Airways werden. Das größte freistehende Gebäude des Königreichs, ein Palast des Reisens und des Shoppens. Und dann ging alles so fürchterlich schief. Tausende Koffer gingen verloren, Toiletten liefen über, Fahrstühle blieben stecken, heilloses Chaos für eine Woche, British Airways sagte Flüge im Dutzend ab, feuerte Manager und verlor Millionen. Manche Koffer konnten letztlich gar nicht mehr zugeordnet werden und wurden jüngst versteigert.
Wer Terminal 5 hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Spiegel-Online-Leser durften Ratschläge verteilen und die britische Band Roguetune sang den passenden Song dazu:
Aber ist Terminal 5 noch immer so schlimm?
Meine Ankunft, es war Mitte Mai, verlief problemlos. Allerdings hatte ich wirklich nur auf Handgepäck gesetzt. Deshalb bin ich flott raus und mit dem Heathrow Express Richtung Stadt unterwegs. Zum neuen Terminal hat der Zug blau beleuchtete Schienen bekommen - futuristisch. Dafür braucht er fünf Minuten länger als bisher.

Beim Rückflug am späten Nachmittag hatte ich mir extra ein wenig Zeit mitgebracht. Man will ja mal gucken. Und wissen tut man auch nie, ob die Kollegen und Gesprächspartner nicht doch Recht haben…
Die Check-In-Halle ist eher mäßig spektakulär. Luftig leicht wirkt sie, weil es keine Wand aus Schaltern gibt. Wer sich nicht online eingeckt hat, tut dies an Automaten. Dann gibt er sein Gepäck an frei stehenden Schaltern ab, das Kofferband versinkt sofort im Boden. Das gibt dem Terminal ein erstaunlich stressfreies Ambiente. Allerdings fliegen die meisten dicken Jumbos und Airbusse noch immer nicht von hier ab.
Dann zur Security, an einer schwarzen Wand vorbei - und fast wäre ich schwungvoll in eine Menschenschlange gerauscht. Denn die steht hinter der Wand auf viel zu engem Raum, um dann aufgeteilt zu werden auf die Röntgenmaschinen und Metalldetektoren. Muffig-unfreundlich werden die Passagiere in neue Schlangen dirigiert, alle müssen grundsätzlich ihre Schuhe ausziehen - auch weiterhin ein entwürdigendes Schauspiel.
Nun bin ich ja kein Architekt. Aber ich setze mal einen Pint darauf, dass der Sicherheitsbereich viel zu knapp bemessen wurde. Wenn das Terminal unter Volllast arbeitet, könnte es böse enden.
Hat man die Sockenschnüffler im königlichen Auftrag überstanden, wird alles gut. Das Terminal ist beeindruckend. Groß, aber nicht erschlagend. Luftig, aber nicht kalt.

Und einkaufen lässt sich hier wirklich hervorragend. Klar, das Pfund steht tief. Aber noch dazu macht es Spaß: Die Läden sind praktisch durchgängig kleinere Imitate der großen Vorbilder, egal ob Gucci, Dior oder Tiffany - das Original-Gefühl kommt wirklich auf.
Eher merkwürdig allerdings ist in der oberen Etage der Ableger des Kaufhauses Harrods: Wer dort etwas anprobieren möchte, was angesichts der guten Bestückung der Bekleidungsabteilung ja nur logisch und irgendwie Teil des Geschäftszwecks ist, muss sich einen der raren Verkäufer schnappen, der muss einen Schlüssel holen, dann geht man gemeinsam zur Kabine - viel, viel zu aufwändig.
Den vielleicht schönsten Laden hat - als Fan der Marke bin ich vielleicht ein wenig voreingenommen - Paul Smith. Wie auch im Stammgeschäft in der Floral Street gibt es hinten eine Bücherwand, die es sich lohnt, zu durchforsten: alte Bildbände, Zeitschriften, Sammelalben - herrlich!
Ein Tipp meinerseits ist außerdem die in Deutschland nicht erhältliche Marke Ted Baker (sollte es die hier zu Lande doch geben - bitte bescheid sagen). Tolle Hemden, gute Anzüge, exzellente Stoffqualität zu fairen Preisen.
Nebenbei: Selbst die Toiletten sind so edel, wie ich es auf einem Flughafen noch nie erlebt habe:
Essen kann man natürlich auch. Gleich alle meine drei Londoner Fast-Food-Lieblingsketten sind vor Ort: die Sandwich-Künstler von Pret A Manger und Eat sowie die Way-of-the-Noodle-Meister von Wagamama. Aber wo ich schon mal da bin, probiere ich mal das Vorzeigerestaurant aus. Star-Koch und Küchen-Wüterich Gordon Ramsay betreibt in der oberen Etage sein “Plane Food”.

Das Ambiente ist schlicht, die Aussicht auf das Flugfeld aber sehr schön. Die Karte ist nicht sonderlich groß, es gibt typische, englische Gerichte, zum Beispiel Seezunge und Rinderfillet. Und bevor hier einer lästert - die englische Küche ist inzwischen wirklich gut (mehr dazu bei unserer Reise durch die Cotswolds) .
Das “Plane Food” aber ist trotzdem eine Überraschung. Denn wann isst man an einem Flughafen wirklich gut? Mein geschmortes Lamm ist butterzart und würde in jedem gehobenen Restaurant eine gute Figur machen. Das Kartoffelpüree mit Senfkörnern dazu ist ein Hammer. Und: Die Portion ist mehr als ordentlich, das Ganze für 15 Pfund - keine 20 Euro.
Da kann ich nicht meckern und gönne mir noch einen Knickerbocker Glory, das klassische englische Dessert aus aufgeschichtetem Eis, Wackelpudding, Pudding und Obst - saulecker! Ohne Übertreibung: So gut habe ich auf einem Flughafen noch nicht gegessen. Demnächst soll es noch Picknick-Taschen mit Essen geben - das könnte eine sehr hübsche Sache werden.
Mein Flug hat dann Verspätung, aber eine überschaubare. Allerdings ist die Information - typisch für englische Flughäfen - mangelhaft. Ständig muss man die Bildschirme kontrollieren, bis die Meldung kommt, zu welchem Gate man sich zu bewegen hat. Voraussichtliche Verspätungen werden nicht verkündet. Und ich frage mich auch, was mit Gästen ist, die etwas spät kommen und die zu einem der entfernteren Gates müssen, die nur mit einem kleinen Zug zu erreichen sind. 20 Minuten Transferzeit vom Shopping-Areal zum Gate solle man kalkulieren - das kann ja heiter werden.
Ein Monster also ist das Terminal 5 nicht. Man kann sehr gepflegt von hier fliegen. Doch wenn erst mal der volle Betrieb läuft, könnten die Probleme von Neuem beginnen.
Mehr Informationen zum Terminal gibt es auf Deutsch auch auf der Heathrow-Homepage.


Reader Comments (3)
Ah, interessant, danke für den Bericht. Ich habe ebenfalls soeben Terminal 5 überlebt, inklusive Gepäck. Zu meckern hatte ich lediglich, dass nur die Hälfte der Damentoiletten in Betrieb war (mehr Gelegenheit für Bewegung auf langen Wegen) und dass meine Wagamama-Nudeln rechts lieblos zusammengepompft waren (kenne ich sonst anders).
Im Vergleich zum alten Terminal 1 und seinen muffig-teppichbeschlagenen Endlosgängen und abgeranzten Wartesesseln ist das T5 eine Offenbarung. Meine Security (am gleichen Tag, wir trafen uns ja im Flieger) war sehr zügig, kein Vergleich zum Schlangestehen-Gürtelablegen-Schuheaus-Undalleswiederan von T1. Für die Kulnarik fehlte mir die Zeit, aber gut zu wissen, dass Gordon Ramsey was zu bieten hat!
Rein logistisch passt's, vom Terminal Eingang bis zum Boarding (war einmal dort). Nur davor (kein direkter Tube- oder Paddington-Expres Anschluss, verwirrende, an den Hungaroring erinnernde Anfahrtsrouten) oder danach (beim Landen haben wir 20 (!) Minuten auf's Gepäck gewartet, beim Start vergingen 2 (!) Stunden im Flieger, weil irgendwelche Koffer vertauscht wurden). Mehr Dummheit als tough luck.