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Hitze, Schweine, Litcologne

Rockfans pilgern zu “Rock am Ring”. Theaterfreunde nach Salzburg. Opernfanatiker nach Verona oder Glyndebourne. Und Bücher-Vertilger? Die fahren gar nicht. Zumindest habe ich noch nie jemand getroffen, oder von jemand gehört, der einen Kurzurlaub bei der Litcologne bucht. Sicher, einen Tag Buchmesse Frankfurt oder Leipzig, das gibt’s schon. Die Faszination dieser Messen ist mir aber schleierhaft. Es ist zu voll und zu eng und zu hektisch. Mehr als einen Tag kann sich sowieso kaum jemand erlauben: Die Hotelpreise während der Messe sind in Apothekenhöhe.

Und deshalb: Warum nicht als Literatourist nach Köln?

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In diesen Tagen läuft sie zum achten Mal, die Litcologne. Noch immer aber ist sie überregional nur begrenzt bekannt. Weshalb kurz das simple Konzept erklärt sei: Neun Tage lang gibt es Lesungen in der ganzen Stadt verteilt. Krimiautoren tragen im Polizeipräsidium vor, andere Schreiber lesen auf fahrenden Schiffen oder in Kulturkirchen. Die ganz großen Namen füllen das Schauspielhaus. Moderiert werden die Abende und Nachmittage auch, zum Beispiel von Christine Westermann oder Dennis Scheck. Dazu gibt es noch Diskussionsrunden, teils mit ernsthaftem, teils mit bewusst albernem Charakter.

Ein Grund für den geringen Bekanntheitsgrad der Litcologne ist sicher die Abscheu des Feuilletons und der Literaturseiten gegenüber dieser lockeren Präsentation hochwertiger Autoren. Einfach nur Lesungen, ohne Chichi und mit teilweiser entspannt-lockerer Moderation - das ist dem ungemeinen Literaturkritiker viel zu bodenständig.

Das Publikum dagegen liebt diese Tage. Wer nach Köln möchte, sollte sich unbedingt den E-Mail-Newsletter kommen lassen: Denn schnelle Buchung ist Pflicht, die meisten Lesungen sind im Vorverkauf schon voll. Erst recht die der Top-Namen wie in diesem Jahr Ken Follett. Doch gerade die kleinen, weniger bekannten Autoren sind häufig der Spaß an der Sache. David Nicholls, zum Beispiel, Autor der sehr netten Schauspieler-Komödie “Ewig Zweiter”, wurde vor zwei Jahren begleitet von Frank  Goosen - ein herrlicher Spaß. Oder der Auftritt von Hongkong-Krimi-Schreiber Nury Vittachi, den ich vorher auch nicht kannte.

Abzuraten ist dagegen von den Diskussionsrunden - und von gezwungenem Humor. Im vergangenen Jahr verließen wir eine Runde angeblich lustiger Menschen, darunter Hans Zippert und Heinz Strunk, zur Halbzeit - bis dahin hatten wir nicht mal geschmunzelt. Im Jahr vorher maßen sich Frank Schirrmacher und Claudius Seidl mit Sarah Kuttner zum Thema Generationenkonflikt - und verloren. Ebenso übrigens wie der hilflose Moderator Frank Plasberg.

Am schönsten sind einfach die schlichten Lesungen. Wie gestern Abend. Da las Bill Buford. Kennen Sie nicht? Ehrlich gesagt: Uns lockte auch nur die Ankündigung eines Autors, der vor vielen Jahren tief in die englische Hooligan-Szene eingetaucht war und nun, mit Anfang 40, nochmal als Küchenjunge und Metzger gearbeitet hat. Seine Erlebnisse hat er aufgeschrieben unter dem Titel: “Hitze”.

Was war das für ein Abend! Und wie sehr freue ich mich auf die Lektüre dieses Buchs! Buford traf auf Moderator Dennis Scheck, der live ebenso wortgewandt und direkt ist, wie bei seiner ARD-Literatursendung. Sie lieferten sich ein trockenhumoriges Duell, das jenes spezielle Litcologne-Feeling erzeugte: Wer in der Kulturkirche Nippes zu Gast war (doch, ehrlich: die Kulturkirche Nippes), der will dieses Buch haben. Punkt. Am liebsten sofort und handsigniert.

“Vegetarier”, meinte Buford zum Beispiel, “sind die einzigen, die Fleisch verstehen”. Weil sie immer im Kopf hätten, das für ein Essen ein Tier sterben muss. Dann berichtet er, wie er seine in Italien erworbenen Metzger-Kenntnisse daheim in New York umsetzen wollte. Also packte er sich ein totes Schwein auf den Motorroller und fuhr durch Manhattan zu seiner Wohnung - wo er im Aufzug auf einen Wall-Streetler traf, der sich beim Aussteigen wegen des Geruchs übergab.

Oder jener Metzger in der Toskana, der einen heimischen Restaurantwirt öffentlich niedermachte, weil der Gans-Carpaccio servierte - ein Gericht aus dem Friaul: “Das ist Fusion!”, habe der gebrüllt. Und ohnehin hätten nicht alle Kunden der Metzgerei das berühmte Bisteka Fiorentina bekommen - bei manchen habe er sich geweigert, das Fleisch zu verkaufen, obwohl jene Kunden von weit her kamen. Nicht erwähnt hat dieser Metzger, dass sein Fleisch aus Spanien geliefert wurde.

Über die Recherche ist Buford zum Koch-Fanatiker geworden. Eines Morgens, gegen zwei Uhr, habe seine Frau entsetzt in der Küche gestanden, als er einen Truthahn-Hals entbeint habe, obwohl er einen sehr frühen Flug hätte nehmen müssen. “Was tust Du da?”, habe sie gefragt und er habe diese Frage nicht verstehen können - es sei doch klar gewesen, was er da tat. Einen Truthahn-Hals entbeinen. Um zwei Uhr morgens. Für wen? Warum? Konnte er nicht sagen. Es machte ihm einfach Spaß. Scheck entlockte ihm dann auch, dass die Eröffnung eines Restaurants im Rahmen des Realistischen liegt.  

Wundervolle Geschichten, herrlich schlagfertige Momente - Bill Buford hat unser Herz erobert. Mehr zu ihm gibt es auch bei der “Taz”.  Hauptberuflich, übrigens, war er Literaturchef des “New Yorker”. Und in dieser Position hätte er die Litcologne wahrscheinlich geliebt.   

 

Posted on Montag, März 3, 2008 by Registered CommenterThomas Knüwer in , | Comments1 Comment

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Reader Comments (1)

Das war auch unser bisheriges Highlight der diesjährigen Lit.Cologne, insbesondere der Tofu-Teil...
Übrigens hat auch die Zeit ein langes Interview mit Buford und Scheck gedruckt:
http://images.zeit.de/text/2008/04/Interview-Buford-04

März 5, 2008 | Unregistered Commenterdavednb

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