Blattgold für die Netz-Bohème
Für jene, die sich nicht täglich mit Internet, Web 2.0, Blogs, Twitter, Facebook & Co. sowie der damit verbundenen Szene beschäftigen, scheint es kaum glaubhaft: Gäbe es einen Wirtschaftszweig, der den Business-Club wiederbeleben würde, am ehesten wäre es wohl die Netz-Branche. Nirgends ist das Bedürfnis, sich zu treffen und kennenzulernen - als Fleisch- und Blut-Variante - stärker als bei jenen, die sich so oft im Bereich des Virtuellen und Avatarischen bewegen.
Es ist das Glühen eines freien WLan-Anschlusses, dass sie anzieht, die Ameisen und Königinnen der digitalen Wirtschaft. Eine Seltenheit, in Deutschland, so ein Gratis-Web-Zugang. Hier zu Lande mögen Café-Inhaber keine Laptop-Aufklapper, die durch ihr Tastatur-Hacken den Eindruck erwecken, sie blieben Stunden auf nur einen Kaffee - auch wenn das oft nicht stimmt. Wie belebend diese Szene aber auf ein Lokal wirken kann, demonstriert in Berlin am Rosenthaler Platz das “St. Oberholz”. Draußen hängen Sinnsprüche wie “Das Leben ist kein Ponyhof”, drinnen begrüßt die Eintretenden ein hoher Tisch, auf dem die Apple-Logos leuchten, als bezahle Steve Jobs für diese Werbung.
Wenn ich in Berlin bin, muss ich nur über den Kurznachrichtendienst Twitter ankündigen, dass ich mich ins “Oberholz” begebe - und irgendwer, den ich kenne, wird mit Sicherheit kommen. Das ist nicht der einzige Grund, mal vorbeizuschauen: Es gibt guten Kaffee, sehr leckeren Kuchen und hippe Limonaden. Ach ja, die Buletten sind exzellent. “Oberangeberholz” nennt ein Mitglied der Web-Gemeinde das Café und vielleicht ist das auch nicht ganz falsch. Die Gäste sind so Berlin-Mitte, wie Berlin-Mitte nur Berlin-Mitte sein kann, sie sind die Digitale Bohème, wie sie im Buch “Wir nennen es Arbeit” beschrieben wird.
Auch im Epizentrum des Internet-Geschäfts gibt es solche Treffpunkte. In San Francisco, zum Beispiel, das “Ritual Roasters” im Mission District. Mission, das ist das Berlin-Mitte von San Fran. Hier wohnen und Arbeiten jene, die mit der Hoffnung das Großmachen ihrer Idee angereist sind. Folgerichtig ist im “Ritual Roasters” die Apple-Konzentration hoch, nein, das ist falsch beschrieben: Ein Laptop mit Windows ist hier der argwöhnisch beäugte Außenseiter, der Schalke-Schal in der BVB-Fankurve.
An jedem der auf alt gebeizten Tische sitzen rechnerbewährte, junge Menschen, gewandet in olive Ex-Uniformen. Wer mitlauscht, hört von Business-Plänen, Programmiersprachen und Web-Anwendungen. Die Stimmung ist aufgeladen mit Tatendrang, mit dem Willen, die Welt, zumindest aber das Netz, zu erobern. Und das alles unter dem Dach eines Cafés, dessen Logo schwer an Hammer und Sichel erinnert. Revolution liegt in der Luft? Aber ,bittschön, bei hervorragendem Kaffee, selbst geröstet, natürlich. Selbst der allein wäre eigentlich schon den Besuch wert.
Einen Web-Szene-typischen Humor scheinen die “Roasters” auch zu pflegen: An Halloween verkleideten sie sich als Starbucks-Mitarbeiter und fragten die Kunden, ob sie einen Kürbis-Latte haben möchten - darüber lacht der Insider.
Sollten Sie gerade in der Nähe sein, lohnt übrigens auch das “Dolores Park Café” den Besuch - vor allem zum Frühstück.
Wer es geschafft hat im Web-Geschäft, zumindest aber die ersten Schritte gemacht hat, der kann sich schon anderes leisten. Oder andere leisten es sich für ihn, potenzielle Investoren, zum Beispiel. Treffpunkt ist dann Palo Alto, jener eher schnöde Ort im Herzen des Silicon Valley. Vor der Tür des “Coupa Café” parkt ein gelber Beetle - das passt. Irgendwie.
Das “Coupa” behauptet, Kaliforniens einziges venezoelanisches Kaffeehaus zu sein. Und wenn es auch nicht das einzige sein mag, so wird es doch schwer, ihm den Titel als das beste venezoelanische Kaffeehaus des Staates streitig zu machen. Leichte Latino-Atmosphäre schwingt durch den Raum, die Geschäftigkeit der Anwesenden springt den Besucher weniger aggressiv an als im “Ritual Roasters”. Doch auch hier stehen viele aufgeklappte Apple-Laptops auf den Tischen, Bill Gates würde weinen.
Schnell kommt man ins Gespräch mit den Menschen am nächsten Tisch. Neben mir sitzt ein Paar mit Hund, Mittagspause, sie gründen ein Startup. Was genau? Das mögen sie dem deutschen Journalisten nicht verraten. Oft sitzen sie hier, der Kaffee sei der beste in Palo Alto. Mir fehlen die Vergleichsmöglichkeiten, doch in der Tat ist das Gebräu von so guter Qualität, dass ich ein Kilo Bohnen mit nach Deutschland nehmen würde - wenn nicht mein Koffer ohnehin schon die Höchstgewichtsgrenze touchieren würde.
Voll aber, sagen meine Sitznachbarn, sei es fast immer im “Coupa”. Die digitale Elite ist hier zu finden, berichtet auch das Branchenklatsch-Blog Valleywag, David Sze vom Investor Greylock treffe sich hier mit Gründern, ebenso sei Reid Hoffmann anzutreffen, Gründer des Business-Netzwerks Linked In. Und weil es so voll ist im “Coupa”, liefert der Valleywag gleich noch Ausweich-Orte mit freiem WLan.
Der Tourist aber sollte sich das “Coupa” gönnen, er ist ja nicht so oft in der Gegend. Auch sind die Auslagen in der langen Theke äußerst verlockend, sie würden in Paris oder Wien keinem Konditor die Ehre schädigen. Dem Besucher aus Deutschland wird klar, wo noch immer die Unterschiede liegen zwischen der digitalen Bohème in Berlin und dem Tal der Silicium-Träume. Drüben, in der Heimat-Haupstadt, gibt es Buletten.
Und hier, im “Coupa”, kostet der doppelte Espresse mit dem wundervollen Schoko-Küchlein mehr als zehn Dollar. “Royale” heißt das perfekt geformte, dunkelbraune Rund auf dem Teller. Und auf seiner glänzenden Oberfläche liegt, wie vom Himmel gefallen, geschnitzeltes Blattgold.
St. Oberholz, Rosenthaler Str. 72a, 10119 Berlin
Ritual Roasters, 1026 Valencia Street, San Francisco CA 94110
Coupa Café, 538 Ramona Street, Palo Alto CA 94301 Palo Alto

Reader Comments (1)
Coupa Cafe ist großartig. Wer in Palo Alto übernachten will, dem empfehle ich das Cardinal Hotel direkt an der Ecke, da ist der Weg zum Coupa nicht mehr so weit. Auf dem Weg zum Apple Store (wer es mag) kann dann zu Mittag bei Plutos vorbeischauen. ;)