"Hotel Advokat", München: Wirtschaftswunder reloaded
Irgendwann ist selbst die Realität der verhasstesten Epoche so weit aus den Köpfen getilgt, dass ihr geistiges Abbild den Charakter des Sehnsuchtsvollen erhält. Dann schauen Modeschöpfer, Designer und anderes kreatives Volk auf jene Äre und verklären sie durch Anleihen in ihren aktuellen Werken. Solchen Status hat auch die Zeit des Wirtschaftswunders erreicht. Einst war es Inbegriff der Piefigkeit, der Muff unter den Talaren, gegen den manche Eltern rebelliert, den andere Erziehungsberechtigte geliebt haben. Beide Varianten sorgten nicht Liebe in den Herzen der Heutigen.
Langsam aber blickt eine Generation auf diese Zeit mit Neugier. Sie selbst rauchen Zigarren, was damals Ausdruck des Es-geschafft-habens war. Hüte sind nicht mehr Ih-Bah, sondern ironischer Kommentar auf die Zeitgeschichte. Und die Autos jener Zeit sind Gesprächsthema, geht es um den Oldtimer, den man gerne kaufen würde, “aber das frisst ja so viel Zeit”. 
Wie war es in jener Zeit, zu reisen? Ausgespuckt zu werden aus einer DC 3, nach wackeligem Flug, weiter mit einer Mercedes-Limousine, der weiß behandschuhte Chauffeur öffnet die Tür? Im Zimmer dann den Kamelhaarmantel weghängen und einen Kaffee aus weißem Porzellan in der Lobby? Davon künden heute nur noch Hotels, die seit den Tagen von Ludwig Erhard keine Renovierung erfahren haben. Seien wir ehrlich: In denen möche man nicht nächtigen. Wie es aber gewesen sein muss, damals, das lässt sich im Hotel “Advokat” in München nachempfinden. Ein Design-Hotel ist es, aber keines, dass sich gläserner Coolness verschrieben hat. Hier herrschen die 50er und 60er, nur eben so, als sei das Haus gerade erst eingerichtet worden.
Vergessen wir mal die grauen- und grau-volle Fassade und gehen hinein ins “Advokat”, ganz nah am Isartor. Auf eine beige-marmorne Eingangshalle mit skulpturaler Kunst folgt eine winzige Rezeption. Und man darf es als symbolhaft einordnen, dass ein bestellter Taxi-Fahrer, der auf den Gast noch warten muss, gerade auf eine Tasse Kaffee eingeladen wird - das gibt es nicht oft. Ohnehin geht es hier freundlich und persönlich zu. Der Service ist nicht aufdringlich, sondern einfach nett. Genauso wie die Beigaben auf dem Zimmer: Kleine Lesewerke sollen in den Schlaf helfen, auf der Kissenkante thronen Äpfel, eine Rose ist auch vorhanden. Ach ja - das drahtlose Internet funktioniert wunderbar und ist kostenlos.
Die Einrichtung der Zimmer ist angenehm nostalgisch. Nur die zeitgenössischen Fotografien an den Wänden stören: Modische Jünglinge haben hier nichts zu suchen, schöner wären stilvolle Bilder der Sehnsuchtsorte jener Zeit - Italien, Spanien, damals noch so exotisch wie heute Myanmar.
So müssen sie sich wirklich gefühlt haben, die Dienstreisenden im Auftrag der Renaissance Deutschlands. Der Gast lässt sich auf das angenehm unausgelegene Bett fallen und schmunzelt angesichts der auf dem Nachttisch liegenden Bettlektüre.
Ihre Auswahl ist an einem Tag, an dem das Haus gut gefüllt ist mit Gästen der Zukunftskongresses DLD, entweder Ironie des Zufalls - oder sehr persönliche Gästebetreuung: “Denken mit Orwell”.
Advokat
Baaderstr. 1
80469 München


Reader Comments (1)
Großartig geschrieben ... habe selber einige Nächte im Empfehlenswerten Advokat verbracht und hätte es nie besser umschreiben können.