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Halloween in San Francisco: Ein Abend im "Frisée"-Salon

Da ist er wieder. Spiderman. Offensichtlich nach kampfreichem Tag. Sein Trikot existiert nur noch um die Schultern, selbst da ist es eingerissen. Das sauber definierte Sixpack-Areal ist freigelegt. Hosentechnisch ist trotz 31. Oktober Sommer angesagt - Spiderman trägt knappste Shorts.

Ein paar Mal schon ist er vorbei spaziert an unserem Logenplatz im Fenster des “Frisée” in San Franciscos Castro-Bezirk. Nun hat er ein Handy am Ohr. Mit wem er wohl spricht? Iron Man? Kingpin? Er greift nach unten, holt seine kleine Geldbörse hervor, die er in den hautengen Shorts verwahrt. Und für einen Moment sehen wir, was uns nicht so wirklich interessierte.

Spiderman ist gepierct.

An einer Stelle, an der Männer gemeinhin als besonders schmerzempfindlich gelten.

“Ooouuuuahh! Did you see that? Disgusting!”, stöhnt unser Nachbar, einen Barhocker weiter, auf.

Aber so ist eben ein Halloween-Abend im Castro: Irgendwo zwischen “hillarious” und “disgusting”, zwischen eklig und schräg, saukomisch und mitreißend. Und durch einen puren Zufall haben wir einen wundervollen Ort erwischt, um sich aus dem Trubel rauszuhalten aber trotzdem alles mitzubekommen: das “Frisée”. Oder besser: Die Frontscheibe des Restaurants an der Market Street, an der es einen Tresen und Barhocker gibt.

Sie alle spazieren hier entlang, zu unserer Begeisterung und der des einheimischen Paares neben uns. Da sind wohlbeleibte Herren in den 50ern, die als traurige Dragqueens vorbeiziehen; bodygebuildete Latinos in Superhelden-Kostümen; von Depressionsauren umhüllte Manga-Charaktere und - noch wenige Tage bis Obama gewählt werden wird - Sarah Palin. Immer wieder Sarah Palin. Da, schon wieder: Sarah Palin. Oder Pam Ann, aber direkt als Komplett-Crew.

Halloween im Castro war immer etwas besonderes. Auf der Straße wurde früher gefeiert, es war rau und wild und hart und schwul. Dann gab es eine Messerstecherei, 2006 wurden mehrere Besucher angeschossen. Ein Jahr später verhängte der Bürgermeister von San Francisco ein Feierverbot. Nun geht wieder ein wenig was - aber nur auf den Bürgersteigen.

Dort drängt sich das Volk und minütlich wird es enger. Trotzdem: Es lohnt sich dabei zu sein. Weil alle Spaß haben am Sehen und Gesehen werden. Wir ärgern uns, weil wir erst zwei Stunden vorher in die Stadt gekommen sind - und kein Kostüm haben. Gehen wir halt als deutsche Touristen. Stören tut das keinen, hier gibt es keine Anpflaumerei wegen fehlender Maskerade wie im Kölner Karneval.

Irgendwann: Hunger. Und zufällig das “Frisée”. Sieht nett aus. Und cool. Und die Karte liest sich lecker. Der In-Empfang-Nehmer sprüht vor Freundlichkeit. Ob der Platz am Fenster in Ordnung sei? Klar. Und dann kümmert er sich um uns, als wären wir seit Jahren Freunde.

Zwei junge Brüdern gehört das “Frisée” - sie scheinen ihr Geschäft zu verstehen. Der schlauchartige Raum ist cool gehalten, die Gäste sitzen unten oder oben auf einer schmalen Empore, dazu kommt eine üppige Bar. Serviert wird kalifornisches. Also leicht abgewandelte Gerichte, oft mediterranen Ursprungs, hergestellt mit Zutaten aus der näheren Umgebung. Und, klar: alles organic. Zum Beispiel mit Pilzen gefüllte Kürbis-Blüten - ein Traum. Auch der gegrillte Ahi mit Sellerie ist klasse, ebenso die gegrillte Hähnchenbrust mit Spinat-Shitake-Ricotta-Küchlein.

Zugegeben: Als Spiderman kam, wurde es etwas… unappetitlich. Dafür aber gesprächsfördernd. Wir lernten unsere Sitznachbarn kennen und das Fenster des “Frisée” wurde zur inoffiziellen “Wir suchen den Halloween-Superstar”-Show mit vierköpfiger Jury. Die unfreiwilligen Kandidaten spielten mit, posierten, spielten mit uns und unserem exponierten Sitzplatz - ein großer Spaß bei tollem Essen.

Und der Sieger des Wettbewerbs? Es ist ein gut gebauter Herr, denn wir schon im Drugstore getroffen haben. Freundlich lächelnd, fast schüchtern. Er trägt nur seine Schuhe und eine Pizza-Schachtel um die Hüften, gut auch eine Unterhose. Ein Pizza-Stück zum Anbeißen, auf der Suche nach der Liebe, vielleicht. Es ist wahrscheinlich, dass er sie gefunden hat. An Halloween im Castro ist für jeden was dabei.

Frisée Restaurant
2367 Market St.
San Francisco
(415) 558-1616

 

Posted on Donnerstag, Dezember 4, 2008 by Registered CommenterThomas Knüwer in , | Comments3 Comments

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Reader Comments (3)

Verzeihung, aber das mit dem Halloween-Shooting stimmt nicht ganz: die Leute wurden "nur" verletzt.

Das wüsste ich aber auch nicht so genau, wenn ich an dem Abend nicht vier, fünf Blocks weiter gewesen wäre.

Dezember 5, 2008 | Unregistered CommenterLukas

Danke, habs korrigiert.

Dezember 5, 2008 | Unregistered CommenterThomas

Eine Reise zum Halloween-Abend im Castro kann ich nur empfehlen, jedoch sollte Mann oder Frau genügend Phantasie haben. Da die Nacht lang wird und erst am nächsten Morgen bekannt wird, wer zu wem gehört. Nachdem sich alle wieder gefunden haben, kann man wenn man nichts vergessen hat, wieder die Rückreise antreten, vielleicht mit einem Kater aber sonst Gesund.

Dezember 5, 2008 | Unregistered CommenterHans Gerhardt

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