"B&B", Las Vegas: die vielleicht beste Pasta der Welt
Ein guter Weblog-Eintrag, rät mancher, der sich mit solchen Themen auskennt, sollte mit einem Knaller-Satz starten.
So einem richtigen Hammer.
Mit einem Satz, der die scheinbar flüchtigen Leser bei der Stange hält.
Na gut, solch einen Satz können wir in diesem Fall bieten. Er mag für manchen schockierend sein, vor allem für unsere italienischen Freunde. Auch die germanischen Anhänger italienischer Sinnesfreuden werden uns vielleicht mit Verachtung strafen. Doch es muss sein, es geht nicht anders. Also - der Satz lautet:
Die mit Abstand beste Pasta unseres Lebens aßen wir in Las Vegas.
Doch. Ehrlich. Keine Übertreibung. Wir sind ja selbst noch leicht im Schockzustand - nicht nur ob des Ortes, sondern auch angesichts des unglaubliche, fabulösen, irrwitzig tollen Geschmacks.
Eigentlich treibt uns bei einem US-Besuch so gut wie gar nichts in ein italienisches Lokal. Gute Italiener gibt es in Düsseldorf reichlich, da ist man gemeinhin gut bedient. Dann aber kam jener späte Abend in Vegas. Wir kamen aus der “Red Piano”-Show von Elton John - die übrigens extrem sehenswert ist. Es war schon nach halb elf und wir versuchten im “Venitian” noch ein Abendessen zu bekommen.
Gleich am Eingang ein Plakat mit einem schwergewichtigen, rotbärtigen Herrn in Kochschürze: Mario Batali. Dieser Name wird den meisten Deutschen wenig sagen. Ausnahme: die Leser des wundervollen Buches “Hitze” von Bill Buford, den wir auf der Litcologne gehört hatten. Buford ist ein Journalist, der mit Mitte 40 mehr oder weniger zufällig nochmal eine Koch-, dann sogar eine Metzgerlehre absolvierte. Und das Kochen lernte er eben bei jenem Mario Batali, dem Besitzer des angesagten New Yorker Italo-Restaurants “Babbo”.
Buford erzählt in “Hitze” wilde Geschichten von Batali. Ständig enden Begegnungen mit ihm in - anders kann man es nicht bezeichnen - Fress- und Saufgelagen. Zig Gänge werden dann hinuntergespült mit mehreren Flaschen Wein pro Person. Dass Batali nicht gerade introvertiert ist, lässt sich auch auf Youtube überprüfen. Mit seiner Kochshow “Molto Mario” auf dem Food Network wurde Batali zum Superstar. Hier eine Ausgabe:
Und es gibt noch eine Geschichte, die sich um Mario Batali dreht. Seine Show sorgte dafür, dass ein frustrierter Jura-Student begann, zu kochen. Er heißt Adam D. Roberts. Dann schrieb er über seine Liebe zum Essen - im Internet. Es entstand das wunderbare Blog Amateur Gourmet und später das ebenso betitelte und höchst lesenswerte Buch aus Roberts Tastatur.
“Irgendwann sollten wir vielleicht mal ins ,Babbo’”, hatten wir schon mal gedacht. Und nun stehen wir vor dem Plakat mit Batali, der im “Venetian” zusammen mit seinem Geschäftspartner Joe Bastianich drei Restaurants betreibt. Eines davon heißt “B&B” und ist an diesem späten Abend - im Gegensatz zur Konkurrenz - rappelvoll. Entweder hält der Mario-Hype an - oder ganz so schlecht kann es nicht sein. Probieren wir’s also.

Das Innere ist unspektakulär und gehoben. Eine Bar, rechts und links davon zwei Speiseräume mit viel dunklem Holz und mit Weinflaschen gefüllten Schränken. Die Realität von Vegas holt ein, wer durch die geöffneten “Fenster” in die Einkaufspassage blickt: vorbeischlurfende Spieler, Touristen und Hotelgäste in trauriger Lichtstimmung.
Unser Kellner sieht aus wie Tokio-Hotel-Bill in erwachsen und ist fröhlich-zuvorkommend wie Schwiegermutters Liebling. Ob wir noch irgendwelche Flüge oder Shows zu bekommen hätten oder es sonst wie eilig hätten? Nein, haben wir nicht. Eigentlich haben wir nur Hunger. Und zwar richtig.
So beginnen wir mit einem Rote-Beete-Salat - und sind angetan. Weniger, übrigens, von den Weinpreisen - die sind ziemlich heftig.

Dann die Pasta. Ich habe mich für die “Mint Love Letters” mit scharfer Lammwurst entschieden. Vor mir liegen rechteckige Winz-Ravioli. Ich nehme einen Bissen. Und dann…
verschwimmt die Welt vor meinen Augen…
wird alles wohlig warm…
ist alles gut…
der Raum beginnt sich zu drehen…
ich bin im Himmel.
Moment? Was war das denn. Ich blicke auf den teigigen Liebesbrief. Neben der Wurst ist der gefüllt mit frischer Minze von offensichtlich bester Qualität. Aber trotzdem: Das war doch wohl gerade der Hunger, der mich übermannt hat. Also noch ein Happen und…
kleine Italiener tanzen um mich herum als wären sie gerade Fußball-Weltmeister geworden…
moment, ich bin Deutscher…
also ist Deutschland Weltmeister - und die Italiener freuen sich mit…
sie reißen sich die Trikots vom Leib, vor allem die weib…
OK, wir wollen nicht übertreiben. Doch die andere Seite des Tischs bestätigt: Diese Pasta ist UN GLAUB LICH GUT. Und bei den ebenfalls georderten Tortellini mit Kalbsbäckchen und Trüffeln ist das nicht anders. Hammer. Wahnsinn. Irre. Pasta. In Las Vegas.
Und als Dessert folgt ein Flan. Wie der ist? Perfekt. Nuff said.
Zugegeben, wir trauen uns selbst nicht. Vielleicht hatten wir einfach saugute Laune nach der herrlichen Elton-John-Show? Und das gepaart mit Hunger kurz vor elf? Das muss überprüft werden. Was wir sonst nie tun würden, muss getan werden: einen Abend später sind wir wieder im “B&B”, diesmal zu etwas normalerer Dinner-Zeit.
Wieder ist es rappelvoll, wieder ist der Service sehr, sehr nett. Die Vorspeise lasse ich gleich mal weg - es gibt zweimal Pasta - basta. Zuerst Orecchiette mit süßer Wurst und Rüben. Dann Picci mit Lammragout. Auch die Spaghetti Arrabiata ordern wir - einfach um zu sehen, was Batali aus solch einem Standard zaubert. Um es kurz zu machen: Jedes dieser Gerichte ist ein Traum. Ein Volltreffer. Ein Boomchicawawa unter den Nudeln.

Und das Dessert kann wieder voll mithalten: Saisongemäß wählen wir Kürbis mit Mascarpone und Honig. Selbiger, erklärt die Bedienung, sei etwas ganz Besonderes. Der Pastry Chef habe die Wabe nämlich am Vortag mit seinen eigenen behandschuhten Fingern aus dem Bienenstock gegrabbelt. Vielleicht ein wenig italienische Übertreibung. Genauso wie jene “seltenste Birne der Welt”, die nicht auf der Karte steht. Ein Herr am Nebentisch bestellt sie und bekommt - eine Birne. Mit einer Schüssel Wasser zum Abwaschen. Na ja, meint er, die sei gut - aber auch nicht so sensationell.

Wir aber sagen ohne italienische Übertreibung sondern mit germanischer Gradlinigkeit: Im “B&B” aßen wir die beste Pasta unseres Lebens. Und deshalb bestellten wir daheim auch Batalis Kochbuch “Molto Italiano”. Der erste Versuch daraus, Pasta di San Giovanello, erforderte zwar ein paar Arbeitsgänge mehr, war aber nicht schwer - und saulecker.
So ziehen wir die Kochmütze vor jenem Mario Batali: Er kann kochen, Restaurants führen, Typ sein und Kochbücher schreiben. Und wenn wir das nächste Mal nach New York reisen, ist das “Babbo” Pflichtprogramm - und wenn es 95 Wahlwiederholungen braucht.
B&B Ristorante
im “The Venetian”
3355 Las Vegas Blvd. South
Las Vegas


Reader Comments (1)
...wie geht das zusammen: "Molto Italiano" in Las Vegas? Fernseher an jeder Ecke, Eiswasser und edle Tropfen, Wahnsinns-Pasta im Fast-Food-District? Und Einheimische, die Maccharoni-Cheese für Gourmetküche halten? Ich sehe sie am Nachbartisch: Coke light mit viiiiiiiiel Eis neben dem Teller, den einen Arm unterm eigenen Hocker, die Augen permantent auf die Glotze gerichtet und dieses Essen (regungslos!) in der Endlosschleife reingeschaufelt. Vorher noch die Ein-Wort-Bitte an den Kellner: "Ketchup!" Kurz: Perlen vor die Sä.... Womit hat Vegas so etwas verdient?