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Sonntag
Nov162008

Austern und Nostalgie

Der amerikanische Traum hat für viele eine ganz bestimmte Ästhetik. Sie stammt aus den 50ern und 60ern. Es sind Hopper-Bilder im Kopf, vielleicht nur nicht ganz so depressiv und mit Cary Grant oder Frank Sinatra in der Mitte. Lange Theken mit Drehstühlen davor tauchen auf, in der Luft liegt eine einzigartige Mischung aus Hoffnung und Verzweiflung.

Es gibt viele Restaurants, die noch heute so aussehen. Die einen, weil sie einfach heruntergekommen sind, die anderen, weil sie genau an dieses Bild anheften wollen - und deshalb unauthentisch sind. Nur ganz wenige Läden kenne ich, deren Patina echt ist, aber nicht verkommen.

Erstaunlicherweise haben diese oft mit Austern zu tun. Zum Beispiel eine der Perlen unseres Kalifornien-Urlaubs: das “Swan Oyster Depot” in San Francisco. An der Polk nahe der California Street liegt es. Eine Gegend, die sich durch nichts auszeichnet, die der gemeine Tourist nicht aufsuchen würde. Eine blaue Markise hängt über einem Schaufenster, in dem die Welt der Meeresfrüchte zelebriert wird. Garnelen, Hummer, Lachs, Fischsalate - und Austern.

Hinter dem Fenster liegt ein schmaler Schlauch, der Raum wird brutal geteilt durch eine Theke mit Hockern davor, vielleicht 20 gibt es davon. Gerade mittags bedeutet das auch mal ein wenig auf einen freien Platz warten - aber es lohnt sich. Obwohl dies offiziell gar kein Restaurant ist. Es gibt keine Speisekarte und keine weißen Tischdecken. An der Wand hängen die Fischladenpreise des Hauses, denn genau das, ein Fischladen, ist das “Swan” aus Behördensicht. Doch seit 1912 ist es eben auch ein wunderbarer Ort, um Meeresfrüchte ohne Chi-Chi und aufwendige Saucen zu verspeisen.

Hinter der Theke wirkt die Familie, das ist an den Gesichtern abzulesen. Papa und drei Söhne, haben wir mal geschätzt. Jeder von ihnen freundlich und von hoher Geschwindigkeit - und mit der Kenntnis des Austernöffnens ausgestattet. 10 nimmt jeder von uns, dazu noch ein Krebscocktail, um die Wartezeit zu überbrücken. Der besteht nicht aus in roter Sauce ertränktem Schalentier, sondern aus seinem Glasbecher, randvoll gefüllt mit frischem Krebsfleisch. In einem zweiten kommt eine Tomatensauce dazu - der Cocktail ist eigentlich ein Dip. Und weil es so lecker ist, probieren wir auch noch die hausgeräucherte Forelle - ebenfalls toll.

So sitzten wir da und futtern und schmunzeln über die Details, die so wunderbar diesem amerikanischem Hopper-Bar-Bild entsprechen: das Wählscheiben-Telefon, die unterschriebenen Football-Trikots, die handgemalten Tafeln, die alten Familienfotos.

So bleibt höchstens ein kleiner Kritikpunkt, aber den trifft das ganze Land: Austern auszulösen und dabei das ganze Meerwasser wegzuschütten - nein, das ist nicht schön. Austern müssen nach Meer schmecken! Aber egal, hier im Swan sind sie so frisch, dass sie dieses Manko locker wett machen. 

Das gleiche trifft auf die Ostküste zu. Ein Jahr nach dem Swan, also 1913, öffnete in New York die “Oyster Bar” in der Grand Central Station. Im Bauch des riesigen und doch wunderschönen Bahnhofs braucht es ein wenig Orientierung, bis man vor den wunderschönen, deckengekachelten Gewölben steht.

Leer ist es hier selten, vor allem zu Mittag tobt hier New York. Der Gast kann sich das Essen am Tisch - natürlich mit rot-weiß karierten Decken - servieren lassen. Zum Lunch steht eine weitere, viel interessantere Option bereit. An hüfthohen, U-förmigen Theken werden jeweils rund 12 Esser von einem Bar-Mann bedient. Hier ist New York dann, wie New York sein soll. Der Tourist sitzt neben der “Sex & the City”-Wiedergängerin, ein Platz weiter ein Anzugträger, der zu seiner Clam Chowder gelangweilt im “Wall Street Journal” blättert.

Die Suppe ist übrigens sehr gut. Wie alles. Völlig unterschätzt sind die hausgeräucherten Fische, besonders zu empfehlen ist der Stör. Aber eigentlich kommt man wegen der Austern. An einem Tag im Jahr 1999 sollen hier 6000 Stück serviert worden sein. Es gibt sie in kaum überblickbarer Vielzahl. 30 (!) Varianten stehen auf der Karte, wenige aus Europa oder Japan eingeflogen, die meisten aber aus den USA. Wer nicht glaubt, dass unterschiedliche Austernsorten ganz unterschiedlich schmecken - hier lässt es sich testen.

Und irgendwo zwischen Kumamoto, Meximoto und Bluepoint (die drei sind unsere Favoriten), schweift der Blick umher über Anzüge und Kostümchen und T-Shirts, über Schicksale und Alltage, und irgendwo im Hintergrund spielen die Eagles das Lied über die “New York Minute”, in sich alles verändern kann.

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