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Montag
Nov102008

"French Laundry", Yountville: Hände schütteln mit Al Gore

Und auf einmal spielten wir nur noch die zweite Geige.

Dabei hatte der Abend so grandios begonnen, servicetechnisch. Der Empfang in der “French Laundry” war von höchster Freundlichkeit, ebenso aber von einer Herz erwärmenden Nettigkeit. Der Servicechef erwies sich als rechter Plauderer. Ach, wir kommen aus Germany? Er habe einen guten Freund in Dresden, den wolle er bald besuchen, auf seiner anstehenden Hochzeitsreise, die Vermählung liege sechs Monate zurück. So viel Information ist schon fast Familienanschluss.

Solche minderdistanzierte Herzlichkeit ist selten in europäischen Top-Top-Top-Restaurants. Und dass die “French Laundry” im Herzen des Weingebiets von Napa Valley ein solches ist, steht wohl außer Frage. Ein gewaltiger Rummel herrscht schon seit Jahren um ihren Gründer Thomas Keller. Kein Titel, der ihm nicht schon verliehen worden wäre, kein Lob, das ihm nicht schon bezeugt worden wäre. Auch 14 Jahre nach ihrer Eröffnung ist die “French Laundry” ständig ausgebucht, wie wir deutlich feststellen konnten. Ich sage, äh, schreibe nur: 95 Mal Wahlwiederholung…

Doch es hat ja geklappt und so stehen wir fast schon nervös vor der hutzeligen Ex-Wäscherei in Yountville. Sie zu finden ist gar nicht so leicht, das Namensschild ist unbeleuchtet auf Bodenhöhe gelötet. Gegenüber erstreckt sich ein wunderschöner Garten: Es ist die hauseigene Kräuter- und Gemüseproduktion. Ob da nicht mancher Hobbykoch der Gegend des Nächtens mal ein wenig schnippeln geht?

Drinnen ist es angenehm schlicht. Keineswegs 80er-Jahre-plüschig wie leider so viele deutsche 3-Sterne-Restaurants. Weiße Wände wechseln sich mit Naturstein ab, das Halbdunkel ist edel, auf den Tischen liegen weit gefächerte Servietten, zusammengehalten von Holzwäscheklammern mit dem Logo des Hauses. Ja, klar, das erste Souvenir für Gastro-Touristen.

Serviert wird wahlweise ein 9-gängiges Menü mit Fleisch und Fisch oder eine ebenso lange vegetarische Version. Allerdings gibt es bei mehreren Gängen Wahlmöglichkeiten. Und: Nicht alle am Tisch müssen die gleiche Auswahl treffen. Der feste Preis des Abends liegt ohne Getränke bei 240 Dollar. Überraschung: Der Service ist dabei inbegriffen. Rechnet man die landesüblichen 20 Prozent raus, landet man bei einem Kurs, der sich ungefähr mit den Gegenstücken in der alten Welt misst.

Deutlich teurer allerdings ist der Wein. Eine halbe Flasche zu finden, die nicht im dreistelligen Dollar-Bereich liegt, ist schwierig. Fast schon als Beleidigung muss es das Weingut Dr. Loosen empfinden, dass es den mit Abstand günstigsten Wein der Karte liefert: 16 Dollar für die halbe Flasche.

Auf solche 0,375-l-Abfüllungen ist der Gast auch angewiesen, kommt er zu zweit. Denn begleitende Weine gibt es nicht, stattdessen trifft der Service-Chef je nach Menu-Auswahl und persönlichem Geschmack eine Auswahl. Unsere Einschränkung scheint ihn als Aufgabe gar zu reizen: Es würde unser Herz brechen, erklären wir ihm, wenn wir in einer Weinregion essen, die tausende Kilometer von der europäischen Heimat liegt - aber trotzdem deutsche oder französische Weine orderten.

Wir wünschten uns also US-Tropfen - und bekommen zwei richtig gute. In Weiß kommt der Esprit de Beaucastel Blanc von Tablas Creek - selten habe ich einen Weißwein mit so langem Abgang erlebt. Als Roten gibt es einen tollen Pinot Noir namens Kiser von Copain aus Nordkalifornien.”Das sollte uns bis zum Dessert bringen - und dann sprechen wir nochmal”, kündigt der freundliche Herr an.

Dieses Versprechen wird er nicht einhalten - doch dazu später.

Dann grüßt schon flott die Küche, zunächst mit hoch aromatischen Käse-Teigbällchen, dann mit Thunfisch-Tartar im Winz-Hörnchen. Noch sind wir fast allein im Restaurant, hübsch untergebracht in einer dreitischigen Nische die sich zum unteren Hauptspeiseraum öffnet. An unserer Seite bietet ein kleines Fenster den Blick in den begehbaren Weinkühlschrank. Oben gibt es einen weiteren Raum, der aber so eng ist, dass es bei der Reservierung angeraten sein dürfte, um einen Tisch unten zu bitten.

Gleich der erste Gang bietet eine von Kellers Spezialitäten: Oysters and Pearls - pochierte Austern mit Kaviar vom weißen Stör in einer Sabayone aus Tapioca-Perlen. Jeder einzelne dieser Bestandteile bewegt sich zwischen “geht so” (Sabayone) und “lecker” (Kaviar). Gemeinsam aber lösen sie im Mund eine Geschmacksexplosion aus.

Und genau so geht es auch weiter: Einfach klingende Bestandteile fügen sich gemeinsam zur Perfektion. Beim zweiten Gang, zum Beispiel, wahlweise einem grandiosen Salat von hawaiianischen Palmenherzen mit Radieschen-Scheiben, Persimone (eine asiatische Dattelpflaume - ja, so etwas gibt es) und Koriander oder der Foie Gras von der Ente mit Apfel-Relish und schwarzen Trüffeln. Hier zeigt sich, wie ernst die “Laundry” Qualität nimmt: Das Brioche zur Pastete hat immer warm zu sein - ständig wird frisches gereicht.

Auch beim nächsten Gang gingen wir getrennte Wege: Einmal gab es ein Stück amerikanischen Stör mit Kohl, Spätzle und Gulasch-Sauce - sehr lecker (überhaupt ist der Stör ein zu selten gereichter Fisch, finde ich); zum anderen kross frittierte Froschschenkel-Stücke mit Blumenkohl-Gratin und süßem Knoblauch - sehr, sehr lecker.

Danach fanden wir wieder zusammen mit einem weiteren Keller-Klassiker: “Beets and Leeks” besteht aus einem Hummerschwanz, Lauch, Rote-Beete-Sauce und einer knackigen, papierdicken Scheibe Kartoffelchip.

Die Präsentation der Gerichte ist überraschend schlicht. Hier werden nicht mit altem Balsamico oder Fruchtsaucen Karikaturen auf die Teller gemalt. Der Hummerschwanz verschwindet fast unter der Kartoffelscheibe - Understatement ist angesagt.

Und dann, irgendwann zwischen dem Kaninchen mit Dijon-Sauce, dessen Carée serviert wird wie eines vom Lamm, und dem Rib-Eye vom Lamm wird auch der letzte Tisch unserer Nische voll. Es ist der letzte noch freie Ort im Restaurant. Denn was in Deutschland wohl eher mit Missmut zur Kenntnis genommen würde: Die “French Laundry” serviert am Abend für zwei Gast-Schichten. Das hat ein manchmal zu hastiges Tellerwirbeln zur Folge - ein wenig mehr Ruhe wäre schön. Doch der Amerikaner an sich ist eben kein über Stunden essender Franzose.

An jenen Tisch in meinem Rücken also werden zwei amerikanische Paare gesetzt. Die Herzensdame verdreht schon kurz darauf die Augen: “Beide Männer hantieren unter dem Tisch mit ihren Blackberrys”, raunt sie mir zu. Und ich lästere gleich mal mit, ohne mich umgedreht zu haben: “Und der eine nennt seine Frau Tipper. Dabei kenne ich nur eine Tipper - Tipper Gore.”

Das Gesicht der Herzensdame wird leicht steinern: “Sag mal… Ist das nicht Al Gore?” Yep, ist er. Und deshalb bekommen wir vom netten Servicechef nicht mehr viel zu sehen. Die Kellnerdichte in meinem Rücken steigt schlagartig an, auch der Küchenchef - Thomas Keller ist nicht im Haus - gibt sich die Ehre. So erfahren wir, dass Keller trotz Restaurants in Vegas und New York weiter 70 Prozent des Jahres in Yountville verbringe. Und dass er gerade einen Ort für ein neues Lokal sucht: einen Burger-Laden.

Natürlich wird die Tischgemeinschaft eingeladen und erhält ein eigenes Menu. Kurz darauf kommen schon die handgerollten Gnocchi über die Alba-Trüffel mit einer Vehemenz gehobelt werden, dass ihr Aroma auch bei unserem Tisch omnipräsent ist. Die Weinbegleitung löst sich flaschenweise, zu jedem Gang gibt es eine neue, der Jahrgang “sixty nine” dringt an unser Ohr. Gores Begleiter sagt irgendwann: “Ich habe eine ernsthafte Frage: Vor mir stehen sechs Gläser - aus welchem soll ich jetzt trinken?”

Aber wir wollen nicht meckern. Nur: Wenn wir auch mal den Nobelpreis gewinnen, dann wollen wir genauso zuvorkommend behandelt werden.

Auch das sehr ananassige Ananans-Sorbet befriedet uns. Und die Desserts. Diese Desserts! Ein Schoko-Gateau aus mehreren, fein ziselierten Schichten mit Sesam! Und geröstete Pinienkerne mit Pinieneis und kleinen Pinienkuchen-Teilen, leicht angesäuert durch pochierte Cranberrys.

Der Süßigkeiten-Reigen reißt damit nicht ab. Es folgt eine Etagère mit kleinen Pralinen. Dann ein Tablett mit hausgemachten, gefüllten Schokoladen in Geschmacksrichtungen wie Kürbis oder Kokosnuss. Und als Abschluss, hübsch verpackt zum Mitnehmen, Shortbread, bei dem uns versichert wird, es sei nach dem Rezept der Mutter der englischen Patisserie-Chefin entstanden.

Nach all dem sind wir gut gesättigt und ein wenig gespalten. Ist Thomas Keller wirklich soooo viel besser als ein Dieter Müller? Eher nein. Es gibt aber in der “French Laundry” ein gewisses Gefühl von absoluter Perfektion, das möglicherweise auch durch das angenehme Ambiente entsteht. Oder durch eine gewisse Exotik der Zutaten, ihre exakte Verortung durch hinzufügen der Farmen, von denen die Tiere stammen. Die Wäscherei ist ein Top-Top-Top-Restaurant, aber sie ist nicht allein in der Welt. Doch es gibt wohl nur wenige Restaurants, in denen Essen auf diesem Niveau serviert wird.

Zum Abschluss aber gönne ich mir doch noch ein kleines Händeschütteln mit dem Promi am Nebentisch. Wenige Stunden zuvor nämlich hatte ich erfahren, dass Al Gore in San Francisco war - als Redner auf dem Web 2.0 Summit. Dort hatte ihn Kevin Rose, Gründer des Online-Nachrichtenportals Digg, interviewt. Und Rose hatte über Twitter die Nachricht verschickt:
“just interviewed @al_gore, yes, this is him, I watched him download twitterific.. so awesome :) :)”

Also entschuldigte ich mich bei Gore für die Störung, stellte mich vor und begrüßte ihn bei Twitter. Gores Augen wurden groß: “You already know?”, fragte er entgeistert. “Klar, Sie hatten schon vor Stunden 1500 Leser”, entgegnete ich. Er bedankte sich, sichtlich überrascht, dass er kurz nach seiner Anmeldung bei einem Online-Dienst schon von einem Deutschen beim Abendessen darauf angesprochen wird. Eine halbe Woche später, in diesem Moment, da ich dies schreibe, hat Gore schon 15.000 Leser.

French Laundry
6640 Washington Street
Yountville

Und hier für die ganz Interessierten unsere Menu-Karte (die sich täglich ändern soll):

“Oysters and Pearls”: “Sabayon” of Pearl Tapioca with Island Creek Oysters and White Sturgeon Caviar

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Wahl zwischen

Salad of Hawaiian Hearts of Peach Palm: French Laundry Garden Raddish, Fuyu Persimmon and Cilantro Shoots

Moulard Duck “Foie Gras au Tourchon”: Sunchoke Glaze, Granny Smith Apple Relish, Cutting Celery and Black Truffles Coulis (30 Dollar Aufpreis)

Hand Rolled Russet Potatoe “Gnocchi”: with Shaved White Truffles from Alba and Castelmagno Cheese (150 Dollar Aufpreis)

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Wahl zwischen

Sautéed Columbia River Sturgeon: “Spätzle”, Savoy Cabbage, Sweet Peppers, Crème Fraiche and “Sauce Goulash”

“Cuisses de Grenouille Croquantes”: Cauliflower Gratin, Hard-Boiled Egg, Parsley Shoots, Meyer Lemon and Sweet Garlic “Glacage”

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“Beets and Leeks”: Maine Lobster Tail “Pochée au Beurre Doux” with King Richard Leeks, “Pommes Maxim’s” and Red Beet Essence

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Wahl zwischen

Devil’s Gulch Ranch Rabbit Sirloin: Bluefoot Mushrooms, Salsify, Arrowleaf Spinach and Dijon Mustard

Rouelle de Tete de Chochon: K&J Orchard Chestnut Purée, Swiss Chard and Sour Cherry Sauce

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Elysian Fields Farm Lamb Rib-Eye: Panisse, Fennel Bulb, Pickled Pearl Onions, Arugula and Nicoise Olive Oil

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“Blu del Moncenisio”: Belgian Endive, English Walnut “Pain Perdu”, Watercress and Quince Purée

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Maui Golden Pineapple Sorbet: with Golden Pineapple and Salted Pili Nuts

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Wahl zwischen

Sesame Seed and Chocolate “Gateau”: Tahini Ganache, Domori Sambriano Chocolate Crème and Shiso Sorbet

“Génoise de Pignons de Pin Grillés”: Honey-poached Cranberries, Mascarpone-Pine Nut Ice Cream and Aged Balsamic Vinegar

 

 

 

Reader Comments (5)

Ja, man bekommt schon unheimlich Appetit, aber das hier fand ich doch Wichtiger: http://twitter.com/kmto/status/1000316980

November 11, 2008 | Unregistered CommenterKMTO

Vielen Dank für diesen ganz speziellen Bericht - wenn ich künftig jemandem erklären soll, warum gerade ich das Internet liebe, verschicke ich einen Link darauf.

November 11, 2008 | Unregistered Commenterkaltmamsell

(Aber Persimmon gibt's in München auch im türkischen Obstladen.)

November 11, 2008 | Unregistered Commenterkaltmamsell

Nach dem Lesen läuft mir noch das Wasser im Munde zusammen. Nur der Preis - so standeskonform er sein mag - der schlägt halt auf den Magen.
Beste Grüße
kt

Naja, bei dem aktuellen Euro-Dollar-Umrechungskurs sind die 240 Dollar schon fast ein Schnäppchen.

Aber die Tischreservierung würde mich in den Wahnsinn treiben. Ob sich Al Gore auch durchwählen musste? :-)

Januar 5, 2009 | Unregistered CommenterDavid Zwadlo

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