"La Coupole", Paris: In Tradition erstickt
Mindestens einmal an jedem Abend erschallt es durch den hohen Saal des “La Coupole”: “Un, deux, trois”, zählt der Kreis aus rund einem Dutzend Kellner an. Dann rufen sie aus voller Seele “CA C’EST PARIS!” und ziehen in langer Schlange in Richtung des Tisches, an dem ein Geburtstaghabender sitzt, der dann ein kleines Küchlein mit Wunderkerze serviert bekommt.
“Ach ja, so ist Paris”, denkt der frisch herein gekommene Gast in der Hoffnung, die sich selbst “Bar Americaine” nennende Traditionseinrichtung könne jenen nostalgischen Charme herbeizaubern, der anderenorts in Frankreichs Kapitale entschwunden ist.
Optisch gelingt das wunderbar. Links eine Bar, an der vor allem Gäste stehen, die auf einen Tisch warten. Der Tresen ist lang, denn das “La Coupole” ist groß. Sehr groß. Platz nehmen wir in einer der mit Leder gepolsterten Nischen, überall ist der Blick auf den Rest des Raumes gewährleistet, Holzabtrennungen sorgen aber dafür, dass nicht der Eindruck eines Gaffer-Landes ensteht.
Dann aber beginnt das Elend. Lang müssen wir warte, bis ein Kellner sich doch entschließt, uns wahrzunehmen. Wohlgemerkt: Wir haben uns nicht einfach hingepflanzt, wir wurden zum Tisch geführt. Brot wäre schon mal schön, es ist spät. “Das sollten sie nicht essen. Weißbrot ist nicht gut für die Figur”, rät der Servierer einer Dame. Bitte? Wir sind verdattert ob dieser Diätkonsultation. Vielleicht soll es auch witzig sein, dann aber kollidiert hier germanisches mit französischem Witzverständnis.
Die Karte ist teils international, teils französisch. So oder so ist sie nicht von Raffinesse geprägt, was aber auch nicht schlimm sein muss. Wir wählen Jakobsmuschel mit Risotto sowie Charolais-Rind. Während wir warten fallen uns zwei indisch anmutende Herren im einer Art Maharadscha-Kostüm auf. Hochrangige Adlige? Unser Kellner klärt uns auf: Das Curry sei sehr berühmt im “La Coupole”. Und die beiden tun nichts anderes, als dieses Curry zu servieren. Aber wenn an einem Abend niemand dieses Gerücht wünscht? Dann haben die beiden nichts zu tun als herumzustehen. Tja, ca c’est Paris…

Wir wünschten uns, wir hätten die beiden Herren in Wallung versetzt. Denn unser Essen entpuppt sich als Enttäuschung. Die Jakobsmuscheln sind so lala, das Risotto laff. Das Charolais-Rind dagegen ist sehnig und zäh. Lieblos hingeklatscht auf den Teller wirkt jedes Gericht. Auch die Desserts fallen höchstens unter mittelmäßig: Den Schoko-Gateau hatten wir schon besser, das Millefeuille ist ganz OK.
Einen Schuss weniger Tradition, eine deutliche Portion mehr Elan, das wäre dem “La Coupole” dringend zu wünschen. Damit das hübsche Ambiente nicht genutzt wird für eine Lokalität, die ein wenig was von Touri-Falle hat. Aber vielleicht haben die Kellner ja Recht. Mittelmäßige Küche in schönem Ambiente - ist so Paris?
La Coupole
102, bd du Montparnasse
75014 Paris

Reader Comments (6)
Probiert in Paris mal das Chez Michel. Super bretonische Küche zu gutem Preis (Menü 30 Eu), hat uns beim letzten Besuch sehr gefallen (wie im übrigen auch das Robuchon, wobei uns hier das Atelier vom Preis/Leistungsverhältnis noch mehr angesprochen hat).
Oh la la, was für eine Entmystifizierung!
Liebe Grüße,
Martin
www.berlinkitchen.com
Mein Tip für nostalgisches Ambiente, guten, schnellen und freundlichen Service ohne chi-chi und gute Zutaten sogar bei den snacks (pain Poilâne) (zum menue am Mittag fehlte mir bisher die Zeit zwischen den Zügen): Le Train Bleu im Gare de Lyon.
und wenn jetzt auch noch die Rechtschreibung (Rafinesse, Thresen etc.) und Zeichensetzung stimmen würde, wäre alles viel glaubwürdiger, weil professioneller: So hat das Ganze das Niveau von "Szene Hamburg" oder all diesen stümpernden Amateur-Gazetten und ist dadurch wenig seriös.
Also wenn es Rechtschreibfehler sind: Die korrigieren wir gern. Ein Hinweis allerdings noch in Sachen Profession: Gotorio ist unser Hobby. ;-)
So typisch deutsch, wir wollen essen, wir haben Hunger, wir sind da, warum bemerkt uns keiner - Paris hahaha - die Kellner haben das sofort gemerkt und Sie entsprechend versorgt. Bravo ! Im Julien hat man uns zwei Tische aneinandergerückt - obwohl gur besucht -, meine Dame, mein Herr, Sie sehen so gut aus heute Abend, teilen Sie Ihr Glück für zwei Stunden mit dem Saal - ca c'est Paris, se donner en spectacle, aber ist dieserorts wohl immer noch nicht angekommen.