Kultur im Ruhrgebiet – oder: Weshalb es sich lohnt, zur Triennale zu gehen

Huch! Da ist er weg. Der Satz. Hat sich verflüchtigt. Verabschiedet aus dem Kurzzeit-Gedächtnis. Ist verschwunden vom Blatt Papier, das vor ihm liegt.
Suchend huschen seine Augen über das Manuskript. Nichts. Er macht eine Pause. Eine Sekunde zu lang. Und dann schließt er an, als ob nichts wäre. Aber Sinn macht es nicht. Irgendwas fehlt. Egal. Das Herz sitzt links, nicht nur bei einem Kaiser. Und so lässt Mario Adorfs Vortrag bei der Ruhrtriennale, einem Kulturfestival in spektakulärer Kulisse, die Herzen der Zuhörer höher schlagen. Hans Christian Andersens Märchen „Die Nachtigall“ trägt der Schauspieler mit sonorer Stimme vor – und hat entweder die Brille vergessen oder liest den Text über einen chinesischen Kaiser und einen kleinen grauen Vogel zum ersten Mal , so überrascht und überraschend hebt er manchmal die Stimme am Ende eines Satzes.
Erst gegen Ende der Vorstellung, nachdem Edita Gruberová, die gemeinsam mit ihm und den Dortmunder Philharmonikern bei dem Abend mit dem Titel „Casta Diva“ aufgetreten ist; gesungen hat wie es ein gutes Dutzend Nachtigallen schöner nicht könnten - Donizetti-Arien und Stücke von Bellini, wird er lockerer und trumpft auf mit Franz Grillparzers Gedicht über die Nachtigall als Hommage an die Operndiva. Die meiste Zeit muss er der Gruberová ohnehin den Vortritt lassen und sitzt wie ein Musiker ohne Instrument im Orchester.
Ein Schauspieler ohne Rolle, der bis zur Halbzeit grimmig dreinblickt, ob des blöden Hängers vom Anfang, oder der vergessenen Brille. In jedem Falle: Unglücklich.
Manchmal übertreibt es die Triennale einfach. In der Sucht, Stars über Stars im Programm zu haben; andere Festivals zu übertrumpfen, gibt es diese Abende bei denen man den Verdacht nicht los wird, es müssen gleich zwei große Namen her - und ein Mario Adorf ist vor allem dabei, weil er ein Publikumsmagnet ist.
Schon vor zwei Jahren gab es diese eher unglückliche Konstellation anlässliche eines – an sich sensationellen Abends mit Cecilia Bartoli – bei der Salzburgs Jedermann Peter Simonischek für den kurzzeitig abgesprungenen Armin Mueller-Stahl die Leserolle übernahm – und ebenfalls die meiste Zeit wie Falschgeld in der Ecke stand.
Gebt den Diven den Raum allein! Sie füllen ihn problemlos. Wie dieses Hör- und Sehbeispiel von einem Auftritt Gruberovás in Holland zeigt. Die Reinheit ihrer Stimme, diese Akrobatik ohne Angeberei ist einfach wunderschön. Da muss niemand nebenher Märchen über Vögel und Kaiser vorlesen. Also, mal hinhören:
Standing Ovations waren der Dank an die slowakische Sangeskünstlerin, die im Vergleich zu ‚modernen‘ Sängerinnen wie Christine Schäfer oder der gehypten Anna Netrebko seltsam antiquiert wirkt. Fast wie eine der letzten Diven aus einer anderen Ära.
Publikumsfavoriten: Auseinandersetzung mit Krieg und Tod

Viel diskutiert wurde auf der Premierenfeier ein Werk, das in den Tagen davor Premiere hatte, und das man sich unbedingt anschauen sollte: Jan Fabres Requiem für eine Metamorphose. Eine schillernde Inszenierung, die sich mit der Vergänglichkeit auseinandersetzt. Streckenweise wohl düster und beklemmend, vor allem aber erhellend für dem Umgang mit einem in unserer Gesellschaft weitgehend ausgeklammertem Thema: dem Tod. Ein Blumenmeer schmückt die Bühne, die zu Beginn duften und am Ende, zertanzt, zerfetzt, verwest, einen üblen Geruch ausströmen. Ein Stück das alle Sinne berührt.
Ein weitere Aufführung, die immer noch für Diskussionsstoff sorgt, und das, obwohl es bereits im vergangenen Jahr auf dem Programm stand, ist die Oper „Die Soldaten“, von Bernd Alois Zimmermann. Gewöhnungsbedürftig in musikalischer Hinsicht, darstellerisch und vor allem bühnentechnisch hinreißend. Thomas hat sie schon gesehen und schreibt vielleicht im Kommentar
noch ein paar erläuternde Sätze. Ich würde aber jetzt schon einen soldatischen Hingeh-Befehl erteilen wollen!
Wer wissen will, welche Ruhrgebiets-Prominenz gestern beim Gruberová-Abend auflief, wie Mario Adorf Geburtstag feierte und was so los war auf der Premierenfeier, der liest hier weiter.
Copyright Foto Requiem: Ursula Kaufmann, Copyright Foto Soldaten: Clärchen und Hermann Baus

Reader Comments (1)
"Die Soldaten" ist inszenatorisch so ziemlich das beeindruckendste, was ich bisher gesehen habe. Doch sei gewarnt, wer den Besuch erwägt: Die Musik ist schwer zu ertragen und kann körperliche Schmerzen bereiten. Die Erfindung der atonalen Zwölftonmusik kann nur im Umfeld des Sadismus erfolgt sein.