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Sonntag
Sep302007

"Wein spricht Deutsch" - und Deutsch ist schwer

Deutsch soll ja eine schwere Sprache sein. Niemals aber lieferte jemand einen erschlagenderen Beweis für diese These als Stuart Pigott. Der englische Prophet germanischer Winzerkünste klotzte jüngst ein  Buch zusammen, das entweder den Rücken seiner Leser beim  Nachhause-Tragen  ruiniert - oder den Paketboten  eine kleine Schweißperle auf die Stirn treibt.

“Wein spricht Deutsch” heißt das Werk und wiegt laut unserer Badezimmerwaage 3,3 Kilogramm:

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Nun haben es solche Mammutwerke an sich, dass sie oft als das enden, was der Angelsachse “Coffee Table Book” nennt: Dekoration, damit das Beistelltischchen nicht so kahl aussieht. Vielleicht greift dann mal ein Gast zu, muss er auf den Hausherren warten, oder wird die Party zu langweilig. Doch meist zeichnen sich Coffee Table Books eben durch ihre Aura der Ungelesenheit aus.

“Wein spricht Deutsch” könnte bei seinen meisten Käufern ein ähnliches Schicksal drohen. Denn eine wirklich angenehme Lektüre ist es nicht. Das liegt maßgeblich an Pigotts Herangehensweise. Er propagiert die Idee des deutschen Terroirs.  Dazu muss man wissen, dass Pigott karrieretechnisch das getan hat, was viele Weinjournalisten tun: Er hat sich eine Weinanbauregion als Spezialgebiet gesichert: Deutschland. Hier gehört er inzwischen zu den bekanntesten Weinschreibern, vor allem seine Kolumne in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” sorgt für Breitenwirkung.

Pigott möchte deutschen Wein genauso behandelt und wertgeschätzt wissen, wie französischen. Und deshalb versucht er den in der Grande Nation so geliebten Glauben an das Terroir auf l’Allemagne zu übertragen. Die Gegend, vor allem der Boden, so sagen die Terroiristen, beeinflusse maßgeblich den Geschmack eines landwirtschaftlichen Produktes. Gerade in Sachen Wein ist das nachvollziehbar. Wer denkt bei einem mineralischen, deutschen Riesling nicht sofort an Schiefer? Und ist ein Rioja nicht absolutes Abbild der Landschaft, die wir uns als seine Heimat vorstellen? Oder ist es anders herum: Beeinflusst das Bild , das wir vom spanischen Festland vor Augen haben die Wahrnehmung des Weins?

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Solche Fragen stellt Pigott nicht. Er dekliniert die Idee deutscher Terroirs gnadenlos durch. 38 Gegenden nimmt er sich zusammen mit einem fünfköpfigen Team vor, wobei “deutsch” fast großreichig gesehen wird: auch Südtirol, die Schweiz und Österreich sind dabei.

Diese Eindeutigkeit der Herangehensweise ist einerseits begrüßenswert geradlinig - andererseits ein Problem. Denn wer hält es durch, 38 Artikel von 15 bis 20 großen Seiten Länge zu lesen, in denen weite Teile von Landschafts- und Geologie-Beschreibungen eingenommen werden? Hier ein Auszug aus dem Pfalz-Artikel:
“Fünfundneunzig Prozent der Roten von Schneider wachsen auf sandigen Kiesböden mit darunter liegendem Terrassenschotter, und diese Formation ist in Deutschland nur selten anzutreffen. Ein großer Vorteil sind die aufliegenden weißen Kieselsteine. Sie reflektieren das Sonnenlicht auf die Beerenhäute, die dadurch dicker werden.”

Pigott erklärt durchaus verständlich, was die einzelnen Bodenformationen bewirken - nur ist es eben sehr ermüdend, ständig von Kieseln und Schiefern zu lesen, deren Bezeichnungen allein schon das Gegenteil von Spannung erzeugen. Oder wissen Sie, was Terrassenschotter ist? Eben.

Leider schaffen es Pigott und seine Leute auch nicht, den Winzern näher zu kommen. Merkwürdig distanziert wirken die Artikel, sie machen über die meiste Zeit nur wenig Lust auf die Lektüre: zu viele Sprachklischees, zu viele verdrechselte Sätze, zu wenig Emotionen. 

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Ärgerlich aber ist der fast nicht vorhandene Nutzwertteil von “Wein spricht Deutsch”. Rund 700 Seiten hat das Werk. Jeder der Artikel ist garniert mit Zusatzartikelchen über den unterschätzten Weißburgunder, zum Beispiel, oder die Frage, ob ein Weinberg künstlich bewässert werden sollte. Dazu kommen Karten und Weinempfehlungen. Diese aber sind bewusst nicht wieder aufzufinden. Das Inhaltsverzeichnis beschränkt sich auf die 38 Regionen, ein Stichwortverzeichnis ist nicht vorhanden. Allein ein Glossar und eine Liste der besprochenen Weingüter bildet das Ende. Diese Liste ist jedoch wieder geordnet nach Regionen. Innerhalb der Regionen ist die Alphabetisierung auf ein aberwitziges Niveau getrieben: Weingut kommt vor Weinhof, das Weingut Rainer Sauer vor dem Weingut Rudolf Fürst - nur Weinexperten mit Lexikongedächtnis haben eine Chance, durchzublicken.

Diese unterirdische Verlagsleistung - auch die Fotoauswahl ist nicht sensationell, weil zu inhomogen und oft technisch teilweise schlecht umgesetzt - ist es, die aus “Wein spricht Deutscht” ein Buch macht, das in die Rubrik “OK” fällt. Mit mehr Engagement, mehr Kreativität und mehr Autorenführung aber hätte das Verlagshaus Scherz sehr gutes Werk schaffen können.

So aber wird Pigotts 3,3-Kilo-Wälzer wohl tatsächlich zum Coffee Table Book werden: Denn durchlesen - das schaffen nur die ganz hart gesottenen. Mit 79 Euro hält sich der Preis aber wenigstens in Grenzen: Keine 24 Euro pro Kilo Buch - dafür kannste es nicht selber schreiben.

 

Reader Comments (1)

Apropos "Stichwortverzeichnis" und "unterirdische Verlagsleistung": dazu passt ein Erlebnis, dass ich anläßlich der Erstpräsentation von vor ca. 2 Wochen hatte. Auf meine Frage an den Vertreter des Verlags, warum das Indexverzeichnis derart unübersichtlich, u.a. nach Vornamen (!) sortiert ist, antwortete dieser, sichtlich uninteressiert: "Jetzt bin ich nicht im Dienst!"

Die Qualität der Kapitel ist dann auch sehr heterogen, liegt auch an den unterschiedlichen Autoren. So bedauerete man in Wien, dass der (alibihafte) Wienteil nicht (auch) von Stefan Reinhardt geschrieben wurde. Aber duie Verteilung erfolgte wohl eh sehr zufällig. Und mit dem Anspruch einer einheitlichen Weinkultur im deutschen Sprachraum kann ich herzlich wenig anfangen, wenn man weiß, wohin sich Grenzgänger wie Burgenländer und Südtiroler orientieren, nämlich jeweils in die andere Richtung. Und Wein-, Trink- und Lebenskultur an der Mosel einerseits und beispielsweise in der Wachau zu vergleichen halte ich für fast schon beleidigend. Aber die Bilder sind schön, wirklich!

Oktober 1, 2007 | Unregistered Commenterpivu

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